Artikel im TRI-Zett, Zeitung des Tauschrings Düsseldorf & Umgebung, Nr. 54 vom März 2004
So manche/r TauscherIn hat sich sicher schon über mein Verhalten manchmal gewundert, zum Beispiel, wenn ich Termine extrem kurzfristig absage oder am Telefon „komisch” klinge. Nur wenige können etwas damit anfangen, wenn ich sage, daß ich unter Depressionen leide. Deshalb möchte ich hier dazu einmal ein paar Worte fallen lassen.
Depressionen sind eine psychische Krankheit. Die Symptome sind daher zwar teilweise körperlich, aber mit denen einer physischen Krankheit nicht vergleichbar. Wenn jemand erkältet ist, sieht man das: Die Nase ist rot und läuft, er niest und/oder hustet usw. Die Symptome einer Depression kann man nur teilweise im Verhalten ablesen, sie spielen sich größtenteils emotional ab.
Dabei sind sie nicht bei jedem gleich, das wäre ja zu einfach. Meine Symptome sind eingeschränkte bis nicht vorhandene Fähigkeit, Emotionen zu empfinden; Stimmungsschwankungen, in Extremfällen mehrmals täglich; oft kann ich keine Menschen in meiner direkten Umgebung ertragen. Zeitweise habe ich einen Druck im Brustraum, der mir die Luft abzuschnüren scheint.
Einfach zu verstehen ist das natürlich für einen Außenstehenden nicht, das ist mir schon klar. Deshalb bekomme ich immer wieder Ratschläge, die leider mehr Schläge als Rat sind, wie:
- Nun reiß Dich mal zusammen. Wenn ich das könnte, würd ich es tun. Ich bin nämlich eigentlich kein Mensch, der sich hängen läßt.
- Sitz nicht ständig am Computer. Es stimmt, ich bin bis zu 12 Stunden am Tag online (DSL-flat). Die meiste Zeit davon verbringe ich im Chat (falls mich dort jemand sucht: /query Frosch in IRCNet) und unterhalte mich dort mit Leuten; das geht, weil sie nicht physisch anwesend sind. Die Alternative wäre, mich den ganzen Tag vor den Fernseher zu setzen — findest Du das besser?
- Geh doch mal unter die Leute. Ich bin eigentlich gern unter Leuten. Aber mit dieser Krankheit geht das oft nicht. Menschen um mich herum tun weh, lösen einen starken Druck aus, rein durch ihre körperliche Anwesenheit. Es gibt nur ganz wenige bestimmte Menschen, die ich dann ertragen kann.
- Ruf mich doch an, wenn's Dir schlecht geht. Ein allgemein bekanntes Depressionssymptom ist, gerade dann, wenn es einem am schlechtesten geht, nicht mehr um Hilfe bitten zu können. Ich kann dann niemanden anrufen. Und nicht viele Menschen sind dann in der Lage, mich wirklich „aufzufangen”. (Ich habe deshalb eine Vereinbarung mit einem Freund, mich anzurufen, wenn ich eine gewisse Zeit nicht im Chat war.)
- Geh doch mal spazieren. Es stimmt, der Mangel an bestimmten Lichtfrequenzen ist für die Auswirkungen der Krankheit mitverantwortlich. Aber gerade dann, wenn meine Gedanken zu sehr im Kreis gehen, habe ich nicht die nötige Konzentration für den Straßenverkehr. Ich habe zwar keine Todessehnsucht, aber ich befürchte, daß ich in einer gefährlichen Situation nicht ausweichen würde. Im August 2002 wäre ich in so einer Situation mal beinahe überfahren worden — und bin nicht mal erschrocken.
- Mach eine Therapie. Klar, sobald ich einen Therapeuten finde, bei dem ich nicht 3 bis 6 Monate auf den Ersttermin warten muß — um dann vielleicht festzustellen, daß es doch nicht der Richtige ist. Die Versorgung mit Psychotherapeuten ist miserabel, und die wirklich guten wollen bzw. brauchen keine Kassenpatienten. Drei Psychiater, bei denen ich bisher war (einer davon auch Psychotherapeut), haben nur abgeblockt bzw. die obigen Rat-Schläge verteilt.
Was mir jedoch am meisten Probleme macht, ist, daß ich mich immer wieder rechtfertigen muß. Nur weil meine Symptome nicht wie die einer physischen Krankheit aussehen, heißt das nicht, daß ich gesund bin. Allerdings bedeutet das Vorhandensein einer psychischen Krankheit auch nicht, daß ich „bekloppt” bin. Ich weiß, daß ich mit vielem gnadenlos im Hintertreffen bin; ich kann nur nicht (angemessen) darauf reagieren.
Zum besseren Verständnis empfehle ich das Online-Tagebuch einer depressiven Frau (Achtung, harter Stoff).
