Wir hatten uns viel Zeit gelassen, um uns für ein Mailboxprogramm zu entscheiden. Viele Programme, die wir uns angesehen hatten, konnten vieles nicht, beherrschten kein korrektes ZConnect und wurden oft nicht weiterentwickelt. Ein Produkt erschien uns unverschämt teuer. Und auch das Programm, für das wir uns dann endlich entschieden, haben wir uns vorher erst ausführlich zurecht gebogen und dabei auf Dauer einige Programmteile entweder mit Workarounds versehen oder ganz ersetzt.
Die erste Hardware-Basis für die Seerose war ein ausrangierter 386DX40 mit 8 MB RAM, einer Festplatte in der Größenordnung um 100 MB und einem ZyXEL-Modem; das Betriebssystem war zunächst einmal ein DOS 6.22. Am 21. Dezember 1994 ging die Seerose erstmals online.
Aber nur für ein paar Tage: Bereits zum Jahreswechsel 1994/95 hat uns ein Programmfehler die gesamte Box zerrissen. Zum Glück gab es außer uns noch keine User, sodass kein ernsthafter Schaden angerichtet wurde. Solche „Kleinigkeiten” haben uns jedoch nicht daran gehindert, weiterzumachen. DOS als Single-Task-OS haben wir schon bald durch OS/2 2.1 ersetzt — als Multitasker für die DOS-Programme, also ohne workplace shell, ohne irgend welche Zusatzprogramme — nur der Kernel und das Allernötigste. Das Betriebssystem war inklusive Swap-File noch ganze 5 MB groß und damit so groß wie eine Standard-Installation von MS-DOS.
Zum 1. Januar 1995 — genau passend für uns — startete die Mailbox-Domain domino.de, der wir uns anschlossen. Hauptserver war die Logo-Box in Speyer. Damit war die Mailversorgung erst einmal gesichert.
Im Sommer 1995 wurde dann ISDN bestellt, um die Datenübertragung von/zu unseren Partnerboxen zu beschleunigen. Die Seerose kam auf einen 486er, erhielt eine Teles S0/16, und ein zweiter Mailer wurde hochgefahren. Ab dieser Zeit wurde der Software-Aufbau relativ instabil, weil jetzt drei DOS-Boxen offen standen, die alle drei sehr viel Rechenzeit beanspruchten. Wenn der Spooler lief, während eine ISDN-Verbindung bestand, kam es vor, dass die ISDN-Verbindung zusammenbrach.
Nicht sehr witzig war dann auch eine Aktion der Telekom: Als bei einer Nachbarin im Haus der Telefonanschluss kaputt ging, kam ein Telekomiker und maß die Leitungen durch, indem er überall 12 V draufgab. Alle anderen im Haus hatten Analog-Anschlüsse, nur wir hatten ISDN. Der ISDN-Anschluss mag das aber nicht — in der Vermittlungsstelle flog irgendwas raus, und wir waren ohne Anschluss. Muss ich erwähnen, dass das an einem Freitag Mittag passierte? Natürlich hatten wir erst am Montag drauf wieder eine funktionierende Leitung.
Noch 1995 wurde OS/2 2.1 durch OS/2 Warp 3 ersetzt. Das verschaffte der Box mehr Stabilität, trotzdem blieb das Zwei-Mailer-System immer eine etwas wackelige Angelegenheit. Das änderte sich erst, als wir im Sysop-Deal ein Elsa MicroLink ISDN/TQV erstanden, ein sogenanntes Hybrid-Modem, das sowohl analoge als auch ISDN-Anrufe entgegennehmen kann.
Aber auch dieses Modem tat nicht immer, was es sollte: Insbesondere im Sommer lief es ohne Vorankündigung immer wieder sehr heiß, so heiß, dass es zwischendurch abgeschaltet werden musste, weil der Mailer nicht mehr mit ihm kommunizieren konnte. Auch ein ROM-Update brachte da nur wenig Änderung.
Zu ihren besten Zeiten hatte die Seerose übrigens fast 90 Points. Dabei waren immer auch blinde Points, und wir hatten auch einen relativ guten Frauenanteil (relativ zu anderen Mailboxsystemen).
In 1996 meldeten wir die Domain kristall.de an, die wir aus verschiedenen technischen Gründen aber erst ab April 1997 nutzen konnten. Von diesem Zeitpunkt an hatte die Seerose eine der schnellsten Mailanbindungen, die eine Mailbox zu dieser Zeit bieten konnte: Bis zu stündlich wurden mit dem Provider in Weinheim Mails ausgetauscht.
1997 schließlich wurde die Seerose auf Linux umgerüstet. Ein Teil der DOS-Programme wurde im dosemu weitergenutzt, andere — insbesondere der Mailer, der im dosemu von Anfang an Probleme machte — wurden durch andere Programme ersetzt. Den Online-Teil — einen Pascal-Hack — haben wir nicht mehr übernommen, weil er so gut wie nicht mehr genutzt wurde und er außerdem neu hätte geschrieben werden müssen.
Hauptsächlich durch den Internet-Hype waren die Userzahlen bis dahin auf ca. 30 zurückgegangen, und sie sanken bis Oktober 2000 weiter auf etwa 25. Aber auch Windows 95 mit seinen Problemen bei seriellen Verbindungen kostete uns den einen oder anderen Point, und einige gingen, weil sie meinten, eine Mailbox müsste immer kostenlos sein. Für die Aufrechterhaltung des Betriebs hatten wir jedoch nach einiger Zeit eine Pointgebühr eingeführt.
