Eine Pretender-Fanstory von Julie Fortune, ins Deutsche übersetzt von Frosch
„Entschuldigung, ich suche nach ... Miss Parker?”
Miss Parker sah von der Akte auf, in welcher sie gerade las, um die Frau anzusehen, die in der Tür zu ihrem Arbeitszimmer stand, und richtete sich schon darauf ein, sie zur Hölle zu schicken. Die Worte starben auf ihren Lippen, denn diese Frau trug eine Kiste auf ihren Armen. Irgend so eine ergonomische Tastatur, Bücher, die Art von Spielzeug, die nur Computerfreaks auf ihre Schreibtische stellten. Die Frau war klein, blond, hatte ein rundes Gesicht und sah unverbesserlich fröhlich aus.
„Ja?” Parker starrte sie lang und drohend an. Die Frau stellte ihre Kiste auf die nächstbeste freie Oberfläche — Broots' Arbeitsplatz — und kam auf sie zu, die Hand ausgestreckt. Kurze, unlackierte Fingernägel. Parker ignorierte die Geste.
„Äh, Peggy, Peggy Wilton — ich bin Ihre neue Datenspezialistin?”
„Meine was?”
Peggys Lippen rundeten sich in ein nervöses Lächeln. „Ihr Geek?”
„Ich habe bereits einen Geek. Wo ist Broots überhaupt. Sydney?” Sie drehte ihren Stuhl Sydney zu, der sie über den Rand seiner Lesebrille hinweg ansah.
„Ich fürchte, das weiß ich nicht.”
„Perfekt. Hören Sie, Penny —”
„Peggy.”
„Was auch immer, da liegt ein Fehler vor. Drehen Sie sich um und gehen Sie zurück, aus welchem Würfel Sie auch immer gekrochen sein mögen.” Als Peggy daraufhin nicht dazu zu neigen schien, ihre Füße zu bewegen, verschärfte Parker ihren Blick. „Gehen Sie.”
„Aber ich bin von der Personalabteilung hierher zugeteilt worden. Regina schickte mich.” Peggy schien Schwierigkeiten zu haben, das Konzept von nein zu begreifen. Parker nahm das Telefon und wählte die Nummer der Personalabteilung.
„Regina?” Parker nahm einen Zug von ihrer Zigarette und blies Rauch in Peggys Richtung. Die Computerspezialistin wand sich wie ein Wurm. „Ich schicke Penny Wilson —”
„Peggy Wilton”, flüsterte Peggy.
„— zu Ihnen zurück und — hören Sie mir gut zu — ich will Broots zurück. Es ist mir egal, welche anderweitigen Anordungen —”
Am anderen Ende der Leitung sagte Regina: „Miss Parker? Entschuldigen Sie, wen wollen Sie zurück haben?”
Parker biss die Zähne zusammen, um das Bedürfnis zu unterdrücken, jemandem einfach eine zu klatschen. „Broots. Soll ich es Ihnen buchstabieren?”
Sie hörte das Geräusch umgeblätterter Seiten und Reginas leise, aufgeregte ähms und hmmms. Schließlich sagte Regina respektvoll: „Miss Parker, vielleicht liegt hier ein Fehler vor. Ich habe keinen Centre-Angestellten dieses Namens.”
„Broots.” Parker versuchte es noch einmal mit mehr Lautstärke. „Jesus, er war zwei Jahre bei mir. Sie können seine Akte nicht einfach verlegt haben.”
Es gab eine kurze, sprechende Stille am anderen Ende der Leitung, und zum ersten Mal spürte Parker ein unruhiges Kribbeln in ihrem Nacken. Regina sagte langsam: „Miss Parker, ich sage Ihnen genau, was ich weiß. Es gibt niemanden namens Broots im Centre. Ich habe keine Akte über ihn. Tut mir leid.”
Sie legte auf. Parker starrte zwei oder drei Sekunden lang schweigend das Telefon an und sah dann zu Sydney, der sie mit besorgtem Stirnrunzeln ansah. Die kecke Peggy blickte sie beide mit offenem, freundlichem Interesse an.
„Peggy”, sagte Parker, „gehen Sie.”
„Aber ich wurde Ihnen doch —”
Parker wandte ihren Kopf um und nagelte sie mit einem Blick fest, ihre Stimme wurde zu einem heiseren Flüstern. „Gehen. Sie.”
Peggy gehorchte, ihre Kiste zurücklassend. Parker verschränkte ihre Arme, schritt nervös auf und ab und sagte: „Sydney, die Personalabteilung behauptet, dass Broots nicht existiert.”
Sydney lehnte sich in seinem Stuhl zurück, stirnrunzelnd und nachdenklich. Stille erstreckte sich bis zu dem Punkt, an welchem Parker es gewöhnt war, dass sie unterbrochen wurde; ihr wurde klar, dass sie auf Broots gewartet hatte, darauf, dass er eine seiner üblichen dummen Anmerkungen machen würde.
„Sydney?” stachelte sie ihn an.
„Ich habe es gesehen. Sie ebenfalls.”
„Nicht mit einem meiner Leute.” Sie kam dicht zu ihm, dicht genug, um ihre Stimme zu einem Flüstern senken zu können. „Warum Broots schnappen? Warum nicht uns alle?”
„Vielleicht sehen sie in Broots den schwachen Punkt”, schlug Sydney vor und hob seine Augenbrauen in einer Geste, die klar erkennen ließ, dass er dem zustimmte.
„Abgesehen davon, dass Broots nichts weiß, das potenziell gefährlich wäre.” Sie hob ihren Kopf leicht an, um in Sydneys freundliches, gelassenes Gesicht zu sehen. „Oder?”
„Das hängt davon ab, wonach sie suchen, Miss Parker. Ich glaube nicht, dass wir irgend etwas verbergen müssen, was Jarod angeht. Aber das Centre ist in Aufruhr, das wissen Sie. Es gibt Gerüchte, dass in den letzten zwei Wochen schon dreimal das Leben eines Triumviratsmitglieds bedroht wurde.”
Abgesehen davon hatten sie alle eine Menge anderer Gründe, um etwas zu verbergen. Als zum Beispiel einiges an üblen Dingen über Dr. Raines herauskam, war Broots stark in die Ermittlungen verwickelt gewesen — als er Nachforschungen über den Mord an Miss Parkers Mutter betrieben hatte — hunderte Dinge konnten plötzlich gefährlich werden.
Parker dachte an den alten Arizona-Wüsten-Cartoon: Landschaft mit Indianern. Ein Horizont, eine Sonne, ein Kaktus. Man wusste nie, wo im Centre die Feinde waren.
„Gehen Sie rüber zu Broots' Haus. Schauen Sie, ob er da ist, finden Sie heraus, ob irgend etwas fehlt. Ich rede mit Daddy”, sagte sie laut.
„Sind Sie sicher, dass das klug ist?”
Sie lächelte. „Ich bin sicher, dass es das nicht ist. Aber ich werde keinen wertvollen Mitarbeiter ohne Kampf verlieren.”
Natürlich war Broots viel mehr als das. Sie schuldete ihm etwas — obwohl sie ihn schikanierte und herunterputzte, respektierte sie ihn, und in einigen Dingen bewunderte sie ihn sogar. Er war seiner Tochter Debbie ein guter Vater; er war ein ehrlicher Mann; er war loyal.
Genau das könnte ihn umbringen, dachte sie, und fühlte einen leichten Schauer die Wirbelsäule herunterlaufen. Das könnte auch mich umbringen.
Sein Kopf schmerzte. Schmerzte richtig, sodass Broots stöhnend erwachte, auf die Seite zusammengerollt, den Kopf in beide Hände vergraben. Übelkeit krampfte seinen Magen zusammen, aber er hatte nicht die Kraft, sich zu bewegen; er blieb ganz still und atmete schwer, bis er sich stabil genug fühlte, um zu versuchen, die Augen zu öffnen.
Ein weißer Raum. Blendend weiß — glatte, weiße Wände, weißer Boden, keine Fenster und keine Türen, soweit er sehen konnte. Sogar die Liege, auf der er lag, war weiß. Er stöhnte wieder auf, als Schmerzen, von einer Stelle über seinem rechten Auge ausgehend, durch seinen Kopf stachen. Sein Mund fühlte sich trocken und geschwollen an.
Das Centre. Ich bin im Centre. Es war nicht das erste Mal, dass sie ihn aus dem Bett gezerrt und in so einen unheimlichen Raum geworfen hatten, aber es war das erste Mal, dass sie ihn unter Drogen gesetzt hatten. Das war schon schlimm genug, aber dieser Raum — er hatte diesen Raum noch nie bemerkt. Das war erschreckend. Die nächste Person, die durch diese Tür kommt, wird Miss Parker sein. Alles wird in Ordnung sein. Nun ja, so weit wie das hier möglich ist.
Er glaubte nicht wirklich daran, aber das hatte er sonst auch nie getan, und dann kam doch wieder alles in Ordnung. Broots bewegte vorsichtig seinen Kopf, fand heraus, dass die Schmerzen nicht mehr so schlimm waren, und versuchte, sich aufzusetzen. Schlechte Idee. Er rollte sich statt dessen auf den Rücken, starrte hinauf in das harte Halogenlicht und wünschte sich — nicht zum ersten Mal —, dass er den Job bei Microsoft angenommen hätte, als er die Chance dazu gehabt hatte.
Eine Tür sirrte auf. Er zwang sich dazu, sich aufzusetzen, presste die Zähne gegen die Übelkeit zusammen und versuchte, so harmlos wie möglich auszusehen.
Er kannte den Mann nicht, der hereinkam und einen einfachen weißen Stuhl mitbrachte. Ein Standard-Centre-Anzug, nichts außerhalb des Üblichen außer dem breiten, freundlichen Lächeln in seinem Gesicht. Broots mochte es nicht, wenn Leute im Centre lächelten. Das hieß meistens nichts Gutes.
„Mr. Broots”, sagte der Mann — jung, glatt, welpenfreundlich. Er setzte den Stuhl einen guten halben Meter vor Broots ab und bot seine Hand an. „Ich bin Mr. Frye. Wie fühlen Sie sich?”
Broots rieb seine Stirn. „Miserabel. Äh — warum genau bin ich hier?”
„Sie wissen also, wo hier ist?”
Broots wurde plötzlich von einer wirklich erschreckenden Vorstellung heimgesucht. Was, wenn das nicht das Centre war? Was, wenn diese Typen Konkurrenten waren, die an Informationen gelangen wollten — oh Gott. Er hoffte, dass man ihm seinen Schrecken nicht so sehr ansehen würde.
„Der Tower?”, riet er. Seine Stimme brach ab. Mr. Frye nickte ermutigend.
„Das ist richtig. Sie sehen, Mr. Broots, es gibt einigen Ärger, und man dachte sich, Sie könnten uns helfen, die Sache aufzuklären.”
„Ich? Was könnte ich —”
Mr. Frye griff in eine Jackentasche und zog ein schwarzes Notizbuch heraus — Leder. Er schlug eine Seite auf und las sie. Schloss es und steckte es wieder in die Tasche.
„Es ist Tatsache, dass wir Sie zu der Sache nicht weiter befragen müssen — ich werde es Ihnen statt dessen beschreiben. Wissen Sie, wir haben siebzehn Hotmail-IDs auf ihrem Heim-PC gefunden, genau die selben, die jemand benutzt hat, um Jarod Tipps zu geben, wenn Miss Parker und ihr Team — Ihr Team, Mr. Broots — zu nah kamen. Des weiteren haben wir Transaktionsdokumente zu Banküberweisungen gefunden, die zwischen Konten, die Jarod eröffnet hatte, und einem Konto, von dem wir wissen, dass es Ihnen gehört, stattgefunden haben. Eine ausländische Bank. Eine sehr saubere Transaktion übrigens — wenn wir nicht tüchtig und vorsichtig gearbeitet hätten, wären wir nie dahinter gekommen. Ich gratuliere Ihnen.”
„Ich weiß nicht, wovon Sie —”
„Beleidigen Sie nicht meine Intelligenz, Mr. Broots.” Fryes Stimme veränderte sich von Welpe zu Pitbull. „Sie haben Informationen über die Vorhaben des Centre-Teams an Jarod verkauft. Sie haben ihm geholfen und ihn unterstützt. Das ist eine Tatsache, die nicht mehr diskutiert wird. Ich bin an Ihrem Protest und ihren Gründen nicht interessiert.”
„Aber ich habe nicht —” Übel war nicht das Wort dafür, was er fühlte. Er wusste — wusste —, dass das jemand gegen ihn eingefädelt hatte, aber die Abwesenheit von Sydney und Miss Parker deutete darauf hin, dass das niemanden kümmerte. „Ich würde sowas niemals tun.”
„Warum nicht? Es war eine Menge Geld.”
„Weil ich — loyal zum Centre bin.” Das klang so Mitleid erregend unwahrscheinlich, dass er sofort wusste, Frye würde es nicht glauben. „Weil ich ein Feigling bin. Weil — ich weiß, dass man mich kriegen würde.”
Mr. Frye setzte sich in seinen harten, weißen Stuhl zurück, Augenbrauen hochgezogen; er sah nicht überzeugt aus. Tatsächlich wirkte er gelangweilt.
„Wissen Sie, was ich denke? Ich denke, Sie sind ein sehr cleverer Mann. Ich denke, dass Sie uns ein erstklassiges Bild von einem Feigling vorgespielt haben, aber ich glaube nicht, dass Sie wirklich ein Feigling sind. Tatsächlich, Broots, denke ich, ist es sehr wahrscheinlich, dass Sie einfach ein Idealist sind. Die gefährlichste Art von Verrätern.”
„Ich bin kein Idealist!”
„Sie halfen Jarod. Das ist die Arbeit entweder eines Idealisten oder eines Anarchisten — und egal wie, das Centre kann Sie nicht mehr tolerieren. Um es einfach auszudrücken, Sie sind ausgeschaltet worden, Mr. Broots. Gefeuert. Ausgebootet.”
Broots schluckte hart. Oh, sicher, er hatte gewusst, dass es eines Tages passieren würde, aber er hatte immer erwartet, dass er wütend sein oder das Gefühl von Verlust haben würde oder so.
Er fühlte nur Erleichterung. Süße, überwältigende Erleichterung. „Also ist das hier mein Entlassungsgespräch?”
„So könnte man sagen.” Mr. Frye rückte seinen Stuhl näher. Broots rückte zurück. „Da wir nun nicht mehr über die Tatsachen diskutieren, wie ich Ihnen schon dargelegt habe, werden wir uns den unserer Ansicht nach ernsthafteren Fragen zuwenden.”
Ernsthaftere ... Fragen. Broots sagte nichts. Fryes hellblaue Augen sahen viel zu glücklich aus.
„Also fangen wir an, ja? Lassen Sie uns über die Verschwörung gegen das Triumvirat reden, der Sie angehören.”
„Was?”, quiekte Broots.
Frye erhob träge eine Hand. Hinter ihm öffnete sich zischend die Tür wieder und ließ zwei größere Männer in Anzügen herein. Diese Sorte, erkannte Broots. Cleaner.
„Hier ist ein Fragebogen zum Ausfüllen” sagte Frye. „Ich schlage vor, Sie fangen mit dem Ausfüllen an.”
Sydney wartete auf dem Gehsteig auf sie, als sie ihr Auto an den Bordstein heranfuhr. Nichts störte Sydneys Ruhe; mit ruhigem Gesichtsausdruck beobachtete er sie, als sie die Autotür zuschlug und auf ihn zu stolzierte.
„Wie lief es mit Ihrem Vater?”, fragte er. Er machte das ständig, stellte Fragen, auf die er die Antworten schon kannte. Die Art Konversation, die Therapeuten führen. Sie schoss einen stinkigen Blick auf ihn ab und ging an ihm vorbei, um das Tor zu Broots' Grundstück zu öffnen.
„Was haben Sie gefunden?”, fragte sie. Merkwürdig. Sie konnte sich nicht daran erinnern, dass Broots' Rasen so gepflegt war. Jemand hatte kürzlich gemäht. Keine Spielsachen in der Ecke, kein funkelndes Fahrrad war am Tor geparkt.
„Ich denke, das sollten Sie sich selbst ansehen”, sagte Sydney. Eine weitere typische Antwort eines Seelenklempners. Wir wollen doch nicht den Patienten zu sehr belasten. Sie ging den Weg entlang, Sydney dicht hinter sich, und dabei klapperte sie die wichtigen Punkte ab. Offenbar wurden sie nicht beobachtet. Keine Beschädigung an der Vordertür des Hauses. Broots' Auto stand nicht in der Einfahrt.
„Die Tür ist offen”, sagte Sydney. Sie drückte sie auf.
Es war leer, und außerdem war es leer. Nackte weiße Wände, noch gezeichnet von der normalen Abnutzung des Lebens. Die Tapete zeigte noch die Schatten der vorherigen Möblierung. Die Lampen brannten noch. Sie lief durch die Diele in die Küche und öffnete Schranktür auf Schranktür, um — nichts zu finden. Der Kühlschrank war sauber und leer.
„Oben sieht es genauso aus”, sagte Sydney.
„Erdgeschoss?”
„Gesäubert.”
Die Wortwahl war Absicht. Ihre Augen trafen seine für einen Moment, und sie sah als erste weg.
„Und Debbie?”, fragte sie. Sydneys Gesicht wurde, falls es sich überhaupt veränderte, nur noch verschlossener.
„Sie wurde von der Schule abgeholt, scheinbar mit Erlaubnis ihres Vaters. Ich war so frei, ihre Mutter zu kontaktieren. Sie weiß von nichts, ebenso Broots' Verwandte.”
„Also hat Broots entweder seine Tochter genommen und blau gemacht, —”
„Oder”, ergänzte Sydney sanft, „jemand hat sie beide geholt. Und ich denke, wir können erraten, wer.”
„Aber nicht, warum.” Sie schlug eine Schranktür zu. „Ich muss wissen, warum, Sydney. Niemand wildert unter meinen Leuten, ohne mir wenigstens einen Grund zu liefern. Niemand.”
„Und Ihr Vater war — nicht hilfreich.”
„Sagen wir, mein Vater hat derzeit andere Dinge im Kopf. Er gab mir den Rat, das einfach zu vergessen und mit der Suche nach Jarod fortzufahren.” Was sie, wie sie wusste, eigentlich auch tun sollte.
Aber es war diese Kälte, mit der das hier stattgefunden hatte, diese totale Berechnung, die sie wütend machte. Broots hatte das trotz seines unangenehmen Verhaltens nicht verdient. Seine Tochter hatte es erst recht nicht verdient. Dem konnte sie nicht die kalte Schulter zuwenden. Debbie Broots, irgendwo nach einer Laune des Centres eingesperrt. Oder schlimmer.
„Vorschläge?”, fragte Sydney. Sie drehte sich langsam in einem Kreis und starrte die Küche an. Die Geister von Broots' Leben.
„Gehen wir an die Arbeit”, sagte sie, und schritt aus dem Haus.
Die Frau war wieder da, als Parker zurück kam. Diesesmal saß sie hinter Broots' Schreibtisch und spielte mit dem Computer herum. Sie schoss auf ihre Füße, als Parker die Tür aufstieß, und sah genauso aus, wie Broots unter diesen Umständen aussehen würde.
„M-m-miss Parker! Es tut mir so leid — ich — äh — Regina hat mich zurückgeschickt. Sie sagte, Sie sollten sie anrufen, wenn Sie mich nicht wollen, und sie wird Ihnen jemand anderen zuteilen.” Peggy Wilton sah arm aus. Parker nagelte sie mit einem direkten Blick fest.
„Können Sie tippen?”, fragte sie. Wilton nickte.
„Ja, Ma'am.”
„Hinsetzen.” Parker sprach, als kommandiere sie einen Hund, und es funktionierte. Wilton deponierte sich in den Sitz, Finger auf der Tastatur, und wartete auf Anweisungen. „Ich will, dass Sie Broots für mich da drin finden.”
„Broots?”, wiederholte Wilton verdutzt. Sie blickte verwirrt auf. "Aber — ich dachte er wurde — Miss Parker, es gibt strikte Anweisungen —”
„Habe ich mich unklar ausgedrückt?”, fragte Parker. Wilton schüttelte ihren Kopf. „Gut. Gehen Sie an die Arbeit.”
„Was ist mit Jarod?”
Parker starrte sie so lange an, bis die andere Frau ganze Pfützen schwitzte. Und dann lächelte sie. „Nun, sogar Hasen haben Zähne, nicht wahr? Sie tun, was ich Ihnen sage, Wilton, oder ich habe hier schneller einen anderen Nerd, als Ihre Leiche abkühlt. Ich mache nicht lang herum. Finden Sie Broots. Jarod überlassen Sie mir.”
Wilton nickte und begann, Tasten zu drücken. Parker überließ sie ihrer Arbeit und klackerte den Gang entlang zu Sydneys Büro, wo er ruhig eine Akte nachlas. Er sah sie über seine Brillenränder hinweg an.
„Nun?”, verlangte sie.
„Ich bin ziemlich sicher, dass Raines nichts über diese Sache weiß. Wenn jemand Broots hat, dann kamen die Anweisungen von einer wesentlich höheren Ebene. Ich fürchte, wir können nichts tun.”
„Blödsinn”, sagte sie. „Irgendwas von Carlos?”
Sydney schüttelte den Kopf, unterbrach sich jedoch, als sein Telefon klingelte. Seine Augenbrauen schossen nach oben. Parker lächelte.
„Hallo?” fragte er in den Hörer. Sie sah, wie sich sein Gesichtsausdruck aufhellte, als er sich aufrecht hinsetzte. Er gestikulierte ihr mit einer Hand, näher zu kommen, und schrieb fünf eilige Buchstaben auf ein Stück Papier.
JAROD.
Sie ging an ein zweites Telefon und wandte sich ab, um zu der Person zu sprechen, die ihren Anruf entgegen nahm. „Jarod ist auf Sydneys Leitung. Ich will die Quelle des Anrufs haben. Wenn Sie das nicht hinbekommen, wird Ihre nächste Aufgabe das Ausfüllen ihres eigenen Fußschildes sein.”
Hinter ihr sagte Sydney ruhig: „Es ist in Ordnung, Jarod. Ich würde Dir gern helfen.”
Sie konnte bei Sydney nie genau unterscheiden, ob das eine Phrase oder die reine Wahrheit war. Sie stellte ihr Verfolgungstelefon beiseite und ging zu ihm hinüber, beugte sich weit genug vor, um die glatte Textur seiner frisch rasierten Wangen zu fühlen. Sie hatte sein Aftershave schon immer gemocht — fein und irgendwie ziemlich sexy, aber ehrwürdig. Oh Parker, Du musst wirklich öfter mal flach gelegt werden. Das war Sydney, um Gottes Willen. Alt genug, um ihr —
Alle verbotenen Fantasien über Sydney wurden vom Klang von Jarods Stimme weggewischt, als Sydney den Empfänger zu ihr drehte.
„Ich dachte, vielleicht kann ich Euch helfen”, sagte Jarod. „Ihr scheint zurückzufallen. Ich dachte, ich würde Euch in Columbus sehen, aber Ihr habt das Boot verpasst.”
„Sehr lustig”, sagte Miss Parker. „Ich lege keinen Wert drauf, die Nacht damit zu verbringen, in der städtischen Mülldeponie von Columbus herumzustochern.”
„Die Mülldeponie ist ein hervorragender Ort. Lehrt einen eine Menge über Menschen, denken Sie nicht? Was sie wegwerfen, ist fast genauso wichtig wie das, was sie aufheben.” War darin eine Nachricht versteckt? Wahrscheinlich, so wie sie Jarod kannte. Sie durchsuchte ihr Gehirn nach irgend etwas Belastendem, das sie in der vergangenen Woche weggeworfen haben könnte. Keine Leichen, zum Glück. „Abgesehen davon, Miss Parker, dachte ich, Sie hätten das Bedürfnis nach schmutzigen Händen.”
„Ich schicke Ihnen die Rechnung meiner Maniküre. Lassen wir den Quatsch, Jarod. Ich bin nicht in der Stimmung, verspottet zu werden.”
„Aber informiert zu werden?”
„Informieren Sie mich darüber, wo Sie sind.”
Er blieb länger in der Leitung, als sie erwartet hatte. Sie warf einen Blick auf die Uhr und erwartete halb, ein Klicken zu hören. Jarod war notorisch launenhaft während dieser Gespräche. Sie fragte sich, ob er wusste, wie sehr es sie wurmte, wenn er zuerst auflegte. Natürlich wusste er das.
„Also gut”, sagte er. „Ich bin in Baltimore. Ich bin in einer Gaststätte namens Blue Moon Grill. Kommen Sie und holen Sie mich.”
Er legte auf. Parker sah Sydney mit großen Augen an und bekam einen geschockten Blick zurück. Was zum Teufel war das? Ärger, das war es. Keine Frage.
Parker drückte Knöpfe auf dem Telefon. „Sagen Sie mir, dass sie eine Spur haben, oder rufen Sie ihr Bestattungsinstitut an.”
„Ma'am, wir haben ihn! Baltimore, Maryland, ein Gasthaus namens —”
„Blue Moon Grill”, beendete sie den Satz. Sie legte auf und starrte Sydney an. „Was für ein Spiel ist das?”
„Ein neues”, sagte Sydney. Er sah interessiert, ja fast amüsiert aus. „Eines, dessen Regeln wir noch nicht kennen, fürchte ich. Ich denke, wir sollten sehr vorsichtig sein, Miss Parker. Äußerst vorsichtig.”
Peggy Wilton klapperte in der Ecke immer noch auf den Tasten herum. Sie hob ihren Kopf und sagte hoffnungsvoll: „Brauchen Sie Hilfe?”
Parker blickte sie an. Keine Worte, nur ein Blick. Mehr war nicht nötig, um die Frau zurück in ihren Stuhl schmelzen zu lassen.
Peggy hatte einige attraktive Eigenschaften. Zum Beispiel kein Rückgrat. Broots' Rückgrat war zwar schwach, aber er hatte eines, und das war manchmal verdammt nervend.
Es hatte ihr aber auch schon das Leben gerettet. Verdammt, sie wünschte, sie wüsste, wo er war. Sie hasste es, etwas nicht zu wissen.
„Finden Sie nur Broots”, sagte sie zu Peggy, und warf Sydney einen befehlenden Blick zu. „Machen wir einen Ausflug.”
Während sie zur Landebahn des Centres gingen - der einzige Flughafen, den Blue Cove sein Eigen nennen konnte, der nächste kommerzielle Flughafen war dreißig Minuten entfernt - wartete der Jet auf der Rollbahn, die Stufen einladend gesenkt. Parker parkte das Auto und schnippte ihre Zigarettenkippe aus dem Fenster auf das Rollfeld. Sie verengte ihre Augen, um sich vor einer Rauchwolke zu schützen. Sydney, der hinten saß, machte ebenfalls keine Anstalten, auszusteigen.
„Was wird er tun, Syd?”, fragte sie. „Sie kennen ihn. Warum sollte er uns einen solchen Vorteil verschaffen?”
„Vielleicht ist es kein Vorteil. Vielleicht lockt er uns nur in eine weitere Falle; es wäre ja nicht das erste Mal.”
Sie lächelte humorlos. Sie hatte ihm noch nicht eine seiner Demütigungen zurückgezahlt — in Handschellen gefesselt, im Gefängnis eingesperrt, die Leibesvisitation. Oh, aber sie würde. Ab heute.
„Fallen können nach hinten losgehen”, sagte sie, „und ich bin wirklich nicht in der Stimmung für eine weitere Leibesvisitation, bevor er nicht eine Stadt gefunden hat, in der George Clooney der Sheriff ist. Steigen Sie aus, Sydney. Lassen Sie uns etwas unternehmen, bevor er es tut.”
Sie öffnete die Tür und ging hinaus in die warme Nachmittagssonne. Eine leichte Brise kämmte ihr die Haare aus dem Gesicht.
Ein Schatten verdeckte die Sonne. Sie wandte sich ihm zu und sah einen großen Mann in einem dunklen Anzug und einem Trenchcoat, die Standard-Ausstattung eines Centre-Verfolgers.
„Ich habe keine Centre-Sweeper angefordert”, sagte sie. Der Mann sah sie fest an, und schließlich fiel ihr ein Name zu dem Gesicht ein. Harman. Er war einer der Schläger des Towers.
„Lassen Sie uns das in Ruhe erledigen, Miss Parker”, sagte Harman, und nahm ihren Ellbogen. „Wenn ich bitten darf.”
„Was?” Sie riss sich von ihm los. Angst und Wut rasten durch sie hindurch, und sie hatte einen üblen metallischen Geschmack im Mund. „Sie haben zwei Sekunden, um mir zu erklären, was hier los ist, oder ich werde einige Leute anrufen.”
„Rufen Sie ruhig an.” Er zog ein Handy aus seiner Tasche und bot es ihr an. „Versuchen Sie es mit Ihrem Vater. Er wird nicht erreichbar sein.”
Oh Gott. Sie hatte gewusst, dass es eines Tages passieren würde. Im Centre Politik zu spielen war eine lebensgefährliche Sache, aber Daddy war einer der ältesten Haie im Tank, von Schlachten gezeichnet, verlässlich — sie hatte keinen Hinweis auf Ärger bekommen, sie hätte davon gehört —
„Vorwärts”, sagte Harman. Er nahm wieder ihren Ellbogen.
Sie rammte ihn in seinen Kiefer, drehte sich und trat nach oben, hart genug, um in auf dem Rollfeld flachzulegen. Sie drehte sich nach Sydney um und sah einen zweiten Sweeper hinter ihm, der den Arm des älteren Mannes festhielt.
Er hielt eine Waffe an Sydneys Kopf.
Harman stöhnte und rollte hinter ihr auf seine Knie. Sie wollte sich herumdrehen, um nochmals nach ihm zu treten, seinen Hals zu packen —
Statt dessen sagte sie: „Werfen Sie die Waffe weg, oder Sydney wird Ihnen weh tun.”
Sydney lächelte, gelassen wie immer. Der Sweeper fühlte sich nicht bemüßigt, etwas zu sagen.
Sie hörte, wie Harman aufstand. Hörte das Klicken, als er seine Automatik entsicherte, noch bevor er ihr den Lauf kalt in ihren Nacken drückte.
„Vorwärts”, sagte er wieder.
Es klang, als ob er es diesesmal ernst meinte.
Jarod aß den letzten Bissen seiner Krabbenchips und beobachtete den Parkplatz, der in der Mittagshitze flimmerte. Der Blue Moon Grill lief schlecht dieser Tage, aber es lief; der Ärger mit den hiesigen Schutzgelderpressern, die es monatelang geplagt hatten, hatte sich gerade erledigt. Eine seiner besten Arbeiten, wirklich. Jarod schlug zufrieden sein Notizbuch zu und steckte es unter seinen leeren Teller, damit Mitzi, seine Kellnerin, es wegbringen konnte. Sie war vorgewarnt worden, was sie damit tun sollte. Die einzige Pflicht, die ihm geblieben war, war, den ausgezeichneten gefrorenen Margarita auszutrinken und zu warten.
Er musste nicht lange warten. Er leckte das letzte Krümel Salz vom Glas, als eine klobige schwarze Limousine auf den Parkplatz fuhr und drei typische Centre-Sweeper ausstiegen. Sie verteilten sich, keine Diskussion; sie würden den Kücheneingang, die Feuertür und die Vorderseite besetzen.
Er beobachtete die Frau, die aus dem Rücksitz der Limousine ausstieg, schluckte den letzten Rest seines Margarita herunter und lehnte sich mit verschränkten Armen zurück.
Sie kam in das Restaurant und ließ ihre Augen sich dem reduzierten Licht anpassen, sah ihn und lächelte. Ein breites, begeistertes, böses Lächeln. Jarod hob den Kopf und gab es zurück, genau das selbe Lächeln, genau der selbe Blick. Es schien sie nicht zu beeindrucken.
Sie glitt in die Nische, die ihm gegenüber lag, faltete ihre Hände und sagte: „Schön, Sie endlich zu treffen, Jarod. Peggy Wilton.”
Sie bot ihre Hand an — kurze Nägel, keine Maniküre. Nichts von der für Miss Parker typischen gepflegten Erscheinung. Zerzauste Haare, die geschnitten werden müssten, unauffällige Kleidung, keine Schminke. Aber die Augen — eine definitive Ähnlichkeit bei den Augen. Kalte, berechnende, rücksichtslose Augen, ohne Miss Parkers Verletzlichkeit, die den Blick mildern würde. Das war eine Frau ohne Laster, kein Spalt in ihrer Rüstung.
Ein geborenes Raubtier.
Er nahm ihre Hand und schüttelte sie.
„Wo ist Parker?”, fragte er. Er ließ seine Finger an ihrem Puls am Handgelenk, aber der Schlag blieb gleichmäßig und ruhig. Er benutzte seine Blicke und seine Berührung, um sie aus dem Gleichgewicht zu bringen — es funktionierte bei den meisten Frauen, aber nicht bei dieser. Das war beunruhigend.
„Auf der Ersatzbank”, sagte Peggy. „Ich habe mich in eine erfolgversprechende Position gebracht, und ich habe Erfolg gehabt. Das ist die Kraft des positiven Denkens.”
„Ich hoffe, Sie verstehen, dass ich nicht beeindruckt bin.”
„Sie werden es sein.” Peggy starrte in den Raum hinter ihm, und dieses kindlich-glückliche Lächeln wurde breiter. „Lassen Sie uns einen kleinen Ausflug machen, Jarod. Da sind einige Leute, die sehr froh sein werden, Sie zu sehen, und noch glücklicher, mir alles zu geben, was ich will. Und ich habe ein definitives Bedürfnis danach, einkaufen zu gehen.”
Er hörte das Scharren von Schritten hinter sich. Ihre Sweeper waren eingetroffen.
Er nahm den leeren Teller, der vor ihm stand, und warf ihn wie einen Diskus durch die große Fensterglasscheibe. Sie zersprang in eine glitzernde Wolke, und er sprang, prallte auf dem Boden auf und rollte sich ab. Glassplitter schnitten ihn, aber er schüttelte sie ab und vervollständigte seine Rollbewegung in eine Hocke, duckte sich hinter ein Auto und hörte Peggy Wiltons wütenden Schrei aus dem Gasthaus hinter sich.
Parker, dachte er. Sie wäre nicht ohne Kampf untergegangen. Sydney. Seine Abwesenheit war noch erschreckender.
Ich war zu spät. Er hörte Schüsse und rollte sich unter einen parkenden Lastwagen, kroch eilig auf dessen Rückseite und versuchte von unten, die Positionen seiner Verfolger herauszufinden. Peggys abgetragene Ledersandalen kamen gerade aus dem Gasthaus. Zwei Paar glänzende Sweeper-Schuhe kamen von jeweils einer Seite. Das dritte Paar war noch drin und suchte nach einer klaren Sicht.
„Hey!” Das war Mitzi, die Kellnerin — weiße Gesundheitsschuhe, rotgefärbte Haare, mehr Schminke, wie sie ihm erzählt hatte, als ein Konvent von Avon-Vertretern. Mitzi hatte vor nicht viel Angst, außer davor, ihren Job zu verlieren. Jarod hörte, wie sie ihre vorsintflutliche Pumpgun hinter dem Tresen hervorholte. „Der nächste Schuss ist meiner! Waffen weg!”
Drei Waffen fielen auf die Straße. Keine von Peggy, aber Jarod glaubte nicht, dass sie eine zurückhielt; sie war nicht der Typ für Handfeuerwaffen. Gift in einem Ring, ein verstecktes Messer; das waren ihre Waffen.
Wenn Parker tot ist —
Er stieß den Gedanken weg, weil er sich nicht sicher darüber war, wie er ihn beenden sollte. Nicht wusste, ob er Wut oder Erleichterung fühlte.
Er rannte zu der Limousine und setzte sich auf die Fahrerseite, winkte Mitzi zu, die zurücknickte. Mit stahlharten Augen zielte sie mit der Flinte auf Peggy. Mitzi hatte eine Gabe, von der sie ihm erzählt hatte — sie konnte die Ratten riechen. Es sah so aus, als ob sie Recht hätte.
Jarod startete den Wagen. Er streckte die Hand nach der Schaltung aus.
Klick. Er erstarrte vom Geräusch einer Waffe, das aus der sicheren Position direkt hinter seinem Kopf kam, starrte in den Rückspiegel und sah noch einen Sweeper, dieser klein und weiblich, der hinter ihm im Rücksitz saß. Sie hob ein Funkgerät an ihren Mund und sagte ruhig: „Hab' ihn.”
„Ich wusste, dass Sie ihn kriegen”, antwortete Peggys Stimme. „Gratuliere. Ich gebe Ihnen Parkers Büro.”
Es gibt Schlimmeres, sagte sich Broots immer wieder, denn es war das Einzige, woran er sich klammern konnte. Es gibt Schlimmeres.
Denn das hier war ziemlich heftig. Er bekam keine Luft, es war, als läge ein schreckliches Hundert-Pfund-Gewicht auf seiner Brust, und als die letzte Handfessel einrastete und ihn an das T-Board fesselte, dachte er: Vielleicht sterbe ich einfach und erspare ihnen den Ärger, aber das Problem war, dass er das wohl nicht tun konnte. Er war zu ängstlich, um zu leben, zu ängstlich, um zu sterben — zu ängstlich.
Er hatte das T-Board schon einmal gesehen — ein Tisch in der Form eines Kruzifixes, schwarz, düster, schon die Nähe war unbehaglich, noch viel unangenehmer war es, darauf zu sein. Er war gezwungen worden, direkt dort auf einem Stuhl zu sitzen, da, wo jetzt seine Füße hinzeigten, aber schließlich hatte er gesessen, zu Tode erschreckt, aber nicht — nicht —
Oh Gott. Die gesichtslosen Leute in den Schatten beendeten seine Fesselung und verschwanden. Der Raum war so still, dass er seinen eigenen Herzschlag hören konnte, schnell wie ein Conga-Rhythmus, bitte lasst mich raus, ich werde alles tun, alles sagen —
Und er würde. Er wusste es. Es gab einige Grenzen seiner Loyalität, und das hier war eine davon.
Die Tür am Ende des Raumes ging auf. Er hob seinen Kopf in einen genickbrechenden Winkel und starrte an seinem Körper entlang — immer noch im Schlafanzug — auf den Pulk von Leuten, die gerade hereinkamen.
Miss Parker. Mit einem Bluterguss auf einer Wange, aber immer noch eiskalt, perfekt angezogen. Wenn sie ein Lebensmotto hatte, dann war es entweder ich mach Dich fertig oder keine Angst, je nachdem, mit wem sie gerade zu tun hatte. Er war noch nie in seinem Leben so froh gewesen, jemanden zu sehen, er fühlte das Bedürfnis, in Tränen auszubrechen, aber das hätte sie nur wütend gemacht, und er brauchte — brauchte —
Die andere Person, der er in der Gruppe gewahr wurde, war Sydney. Unverletzt, aber nicht glücklich; er konnte das in Sydneys Augen sehen, als der andere Mann ihn mit traurigen, wissenden Augen ansah.
„Vorwärts”, schnappte der Mann hinter Parker, und gab ihr einen Stoß.
Sie war eine Gefangene. Broots ließ seinen Kopf auf den Tisch zurückfallen und fühlte kaum den Aufschlag. Ich bin erledigt. Und das war die Untertreibung des Jahres.
„Hände weg.” Parkers Motorsäge hatte immer noch ein scharfes Blatt. „Sie benutzen sie noch einmal, Harman, dann verlieren Sie sie.”
„Wissen Sie, ich bin Ihr Mundwerk wirklich müde, und ich habe keinen Grund, weiterhin nach Ihren Regeln zu spielen.” Broots hob seinen Kopf wieder und sah, wie Harman eine Handvoll von Parkers Haar nahm und ihren Kopf brutal zurückriss. „Die Rache ist ein Miststück.”
„Das bin ich auch”, sagte sie, und stieß ihm ihren Ellbogen hart genug in die Brust, um Broots mitleidig zusammenzucken zu lassen. Harman ließ nicht los. Er schlang seine andere Hand um ihren Hals und drückte, drückte, bis Parker die Luft wegblieb und Broots Angst bekam, er müsste ihr direkt hier beim Sterben zusehen, direkt vor seinen Augen.
Harman ließ sie los und stieß sie in einen Stuhl. Sie fiel hinein, japste nach Luft, und leistete keinen Widerstand, als Harman die Handfesseln an ihren Armen anlegte.
„Danke”, sagte Sydney, und setzte sich ohne Eile. Er ließ sich ebenfalls fesseln und blickte dann zu Parker mit diesem vorsichtigen Ausdruck von Besorgnis, den er so gut drauf hatte. War das echt? Broots konnte das nie sicher sagen, aber er glaubte nicht, dass er gut darin war, Menschen zu beurteilen, wirklich nicht. Offensichtlich. Ansonsten wäre er wohl kaum an einen Foltertisch gebunden, um darauf zu warten, dass die Show anfing.
Das sieht nicht gut aus. Der brabbelnde Idiot in seinem Kopf war zurück, sabberte und schaukelte vor und zurück. Nicht gut. Nicht gut.
Broots schloss seine Gedanken aus und versuchte sich an tiefen, reinigenden Atemzügen. Die Lamaze-Methode. War das nicht die, die Frauen bei der Geburt anwandten? Diese Schmerzen waren schlimm, richtig? Vielleicht funktionierte das auch bei ihm, durch die Schmerzen zu atmen —
Seine Augen blinkerten beim Klang der aufgehenden Tür wieder auf.
„Daddy?” Miss Parkers Stimme klang rau und verraucht, erstickt von Harmans Griff. „Gott sei Dank. Wirst Du diesen Leuten sagen —”
Er ging weiter. An ihr vorbei. In die Schatten. Er ging durch eine weitere Tür, eine in den Schatten, und das Geräusch dieser sich schließenden Tür war das lauteste, was Broots je zu hören geglaubt hatte. Kalt. Endgültig.
Er sah Miss Parker nicht an. Hier würde es noch genug Schmerz geben, darüber war er sich sehr sicher, und da er wohl der erste war, der zerschlagen werden würde —
„Fangen Sie an”, sagte eine entfernte, ruhige Stimme von irgendwo in der Ecke. Broots saugte einen tiefen Atemzug ein und bekämpfte den Drang zu Schreien, als zwei Männer in weißen Kitteln eine glänzende, stählende Ablage hereinschoben, gespickt mit Ecken und Kanten, alles sehr medizinisch und steril. Er konnte nicht mehr atmen. Oh Gott oh Gott oh Gott.
„Warten Sie.” Seine Stimme klang matt und quiekend, als hätte er einen Mundvoll Helium geschluckt. „Warten Sie, sagen Sie mir nur, was Sie hören wollen, Sie brauchen das alles nicht, ich werde —”
„Sagen Sie es Ihnen einfach”, sagte Miss Parker. Sie klang wieder entschieden, kalt und kontrolliert, aber er konnte die Anspannung darunter hören.
„Dass ich was getan habe?” Seine Stimme bohrte sich höher. Einer der Weißkittel nahm etwas mit einer Nadel an einem Ende auf. „Okay, was ist das? Ähm, müssen Sie mir nicht erst zeigen, was es ist, erklären —”
„Sagen Sie es ihnen, Broots!” schrie Parker. „Was immer zum Teufel es ist, sagen Sie es!”
„Ich kann nicht, ich weiß nicht, was sie —”
Die Nadel glitt in seinen Arm und Kälte ergoss sich in ihn, Eis in seinen Venen, das ihn einfrieren ließ, so kalt, so kalt, dass er nicht denken konnte, nicht fühlen konnte, er schwamm auf einem glatten Bett aus Eis und wartete auf den Tau. Jemand rief seinen Namen. Miss Parker? Nein. Nein, sie war gegangen, oder? Debbie?
„Debbie”, flüsterte er. Sie stand da, direkt an der Tischkante, blickte auf ihn herab, ihre dunklen Augen so ernst. „Liebling, Daddy ist hier. Es ist in Ordnung. Daddy ist —”
„Daddy, sag ihnen, wer Dich angewiesen hat, in die verschlüsselte Datenbank des Towers einzubrechen.”
Sogar jetzt wusste er, dass Debbie nicht so redete. Sie war klug, sie war so klug, aber — Drogen. Sie ist nicht wirklich hier. Aber wo war sie? Er hatte gefragt und gefragt, aber sie sagten ihm nicht —
„Daddy, Du musst antworten, oder sie werden Dir weh tun”, sagte Debbie. Sie nahm ihre Hand hinter ihrem Rücken hervor. Sie hielt ein Skalpell. Licht schimmerte an seiner Kante.
Da waren Geräusche im Hintergrund, Stimmen riefen. Er glaubte, Miss Parker schreien zu hören: Ich habe ihn angewiesen, es zu tun, aber das konnte nicht stimmen, denn Miss Parker würde nie so etwas zugeben, niemals.
Er sagte das einzige, was er konnte. Die Wahrheit.
„Ich habe es nicht getan”, sagte er. „Es tut mir leid, Debbie.”
Sie sah so traurig aus.
Miss Parker stand da und starrte eine leere Wand an, Arme verschränkt, und fokussierte die Naht in der Ecke. Sie musste ihren Blick bündeln, denn ihr Herz pumpte zu schnell, ihre Handflächen schwitzten. Sie war verschreckt, und das konnte sie nicht haben. Inakzeptabel.
Daddy.
Er war vorbei gegangen, als hätte sie nicht existiert, nur ein weiterer Verlust im großen Centre-Krieg. Wie ihre Mutter. Sie wäre niemals in der Lage gewesen, zu glauben, wirklich zu glauben, dass ihr Vater den Mord an ihrer Mutter sanktioniert hatte, aber nun glaubte sie es, es hämmerte ihr ins Herz beim Klang seiner Schritte, als er sie hinter sich ließ.
Ohne bestimmten Grund dachte sie an Jarod. Er wird davonkommen. Für ihn ist das alles ein großer Witz. Wenn er das nächste Mal anruft, wird er neue Spielkameraden haben, über die er sich amüsieren und die er benutzen kann.
Sie fragte sich, ob ihm das etwas ausmachen würde. Oh, Sydney würde ihm natürlich etwas ausmachen. Sie, Broots — er kümmerte sich lieber um völlig Fremde.
Broots. Sie nahm einen tiefen Atemzug und drehte sich um, lief zurück, wo er zusammengekuschelt auf der niedrigen weißen Liege lag. Immer noch bewusstlos, Gott sei Dank. Sie wusste nicht, was sie sagen sollte, wenn er aufwachte.
Und dann wachte er auf, ein plötzliches Aufbäumen seiner Muskeln. Er fiel beinahe vom Bett; sie griff nach ihm und hielt ihn fest, bis sie ihn hinüberschieben konnte. Er zitterte jetzt, würgte nach Luft wie ein Ertrinkender. Sie zögerte ein paar Sekunden, dann streckte sie den Arm aus und legte eine Hand auf seine Stirn. Sie wusste nicht genau, warum, außer, dass sie sich daran erinnerte, wie ihre Mutter das selbe getan hatte, um den Schmerz zu vertreiben.
„Debbie —”, flüsterte er. „Debbie, es tut mir Leid, ich habe versucht —”
„Sie haben das richtige getan, Broots”, sagte Parker. Seine Haut fühlte sich kühl an, wurde aber durch den Kontakt mit ihrer wärmer. „Keine Sorge. Alles in Ordnung.”
Sie kannte den Blick, den er ihr üblicherweise zuwarf, halb ungläubig, halb panisch, aber dieser Broots starrte glasig unter Drogen, vertrauensselig, verletzbar.
„Miss Parker?” Er klang verwirrt. Nun ja, das war auch Sinn der Sache. „Was — was ist passiert?”
„Sie waren vor einem T-Board”, sagte sie. „Versuchen Sie nicht, sich zu bewegen. Sie stehen noch unter Drogen.”
„Drogen —” Seine Stimme schwand, er war verwirrt. „Oh. Habe ich bestanden?”
„Ja”, log sie. „Natürlich. Ruhen Sie sich aus. Liegen Sie still.”
Sie verließ ihn und ging zur Zellentür, drehte sich, sodass sie in den dunklen Raum blicken konnte, der nur vom glänzenden Kreuz des T-Boards beleuchtet war.
Sydney war nicht angeschnallt, er saß auf einem Stuhl. Eine kleine Gnade; sie glaubte nicht, dass sie es mit ansehen könnte, Sydney auf diese Weise gedemütigt zu sehen. Sie wusste, dass sie das nicht auf sich nehmen würde. Ihr müsst erst mir eine Kugel geben. Obwohl das nicht im Bereich des Möglichen lag.
Denke an etwas. Nun gab es niemanden mehr, auf den sie sich verlassen konnte, keine Verbündeten, die in den Flügeln warteten, nicht die gottähnliche Macht von Daddy, die herabstoßen und sie retten konnte. Zum ersten Mal fühlte sie, was ihre Mutter gefühlt haben musste, in diesem Fahrstuhl, diese unglaubliche, wütende Hilflosigkeit. Gefangen. Es musste einen Weg hinaus geben. Es gab immer einen Weg hinaus.
Sie schlugen Sydney, ein solider Schlag ins Gesicht, die erste physische Gewalt, die sie gegen ihn gezeigt hatten. Parkers Hand schlug flach gegen die Tür, eine instinktive Reaktion, ein Versuch, einen Faustschlag zu blocken. Nein. Nicht Sydney. Sie war diejenige, die den Druck, den Schmerz abbekommen müsste, nicht Broots, nicht Sydney.
Sie wissen das. Der Gedanke verteilte sich wie Eis auf ihrem Rücken und fror sie ein. Sie wussten, dass es für sie schlimmer als der eigene Schmerz war, das hilflos beobachten zu müssen, ohne es beenden zu können. Natürlich wussten sie das, es stand in ihren psychologischen Daten. Wie kommt man an Kontrollfreaks heran? Nimm ihnen die Kontrolle.
Sie klammerte sich an die Hoffnung, dass sie aufhören würden, wenn sie nicht mehr zusah. Sie sank in die Hocke, lehnte ihren Rücken gegen die Metalltür, und ließ ihren Kopf nach vorn hängen. Keine Tränen. Niemals. Nur ein Druck in ihrer Brust, fest genug, um zu töten. Sie erinnerte sich an dieses Gefühl, diese absolute Hilflosigkeit, an dem Tag, an dem ihre Mutter starb; sie war zu den einzigen Tröstern gelaufen, die sie kannte. Sydney. Jarod. Niemals ihr Vater.
Und nun wurde Sydney verletzt, und ihr Vater tat nichts.
Jarod. Sie sollte nicht darauf hoffen. Sollte auf nichts hoffen außer auf die Chance, einen oder zwei dieser Bastarde mit sich zu nehmen, bevor sie starb.
Aber als sie ihre Augen schloss, sah sie sein Gesicht.
„Miss —” Broots' Stimme schaffte es nicht, auch den zweiten Teil ihres Namens auszusprechen. Sie stand auf und ging zu ihm, sank neben der Liege nieder und — nach einem langen Zögern — nahm seine Hand. Es schüttelte ihn am ganzen Leib.
„Ich bin hier”, sagte sie. Als ob das irgendwie ein Trost war.
„Debbie —” Broots' Augen füllten sich mit Tränen. „Debbie —”
Parker drückte seine Hand und sah weg. Sie konnte ihn nicht beruhigen. Sie wusste nicht, wie. Sie wusste es einfach nicht.
„Es geht ihr gut”, log sie. „Ich habe danach gesehen.”
Er nickte und sah für einen Moment seltsam friedlich aus. Fast wie ein Engel.
Und dann hörte er auf zu atmen.
„Broots?”
Seine Augen starrten weiterhin in ihre Richtung, aber sie bewegten sich nicht. Seine Pupillen wurden langsam größer. Parkers Herz machte einen Satz. Sie fühlte an seinem Handgelenk nach einem Puls und drückte ihr Ohr an seine Brust.
„Verdammt, tun Sie mir das nicht an. Wagen Sie es nicht — Broots! Broots!” Sie griff nach seinen Schultern und schüttelte ihn. Sein Kopf fiel schlaff herunter, die Augen starrten immer noch ins Leere. „Oh Gott. Gottverdammt.”
Sie trat gegen die Tür, hart genug, um das Metall klingen und singen zu lassen, trat wieder und wieder dagegen und schrie nach Hilfe, zerrte Broots von der Liege und auf den Boden.
Ihre Ausbildung war immer darauf ausgerichtet gewesen, Herzen anzuhalten, nicht, sie wieder in Gang zu bringen. Sie wusste nicht, was sie tun sollte, wie sie sich durchmogeln konnte. Fang mit dem an, was Du weißt.
Sie gab ihm eine Ohrfeige. Fest. Schlug ihn wieder, so fest, dass ihr die Handfläche weh tat.
„Wachen Sie auf!”, schrie sie, und schüttelte ihn wieder. „Broots, verdammt, ich befehle Ihnen, aufzuwachen! Sie rückgratloser Feigling, verdrücken Sie sich nicht einfach, wenn ich Sie brauche, ich brauche Sie, hören Sie mich, ich brauche Sie —”
Er hustete, zwinkerte und schauderte. Holte erschreckt Atem. Parker ließ ihn, ohne das vorgehabt zu haben, in ihre Arme fallen und hielt ihn fest. Lustig, ihr war nie aufgefallen, dass Broots unter der schützenden geekigen Verkleidung Muskeln hatte. Ihre Finger streichelten sanft seinen Rücken, um ihn zu beruhigen, und sie schloss ihre Augen und hörte auf seinen Atem.
„Danke”, flüsterte er.
„Danken Sie mir nicht. Ich wollte Sie schon seit Jahren verprügeln”, sagte sie und stieß ihn von sich weg. Für nur eine Sekunde trafen sich ihre Augen, die von Broots noch verschleiert von der Verwirrung und den Nachwirkungen der Vernehmungsdroge, und sie fühlte den Schock einer klaren Verbindung zu ihm. Ich habe gerade sein Leben gerettet. So wie er ihres gerettet hatte, mehr als nur einmal.
„Sie haben nicht aufgehört, nach mir zu suchen”, sagte Broots. „Obwohl Sie wussten, dass es gefährlich sein würde. Danke.”
Sie stand auf, ging zur Tür zurück und blickte hinaus. Sie waren mit Sydney fertig. Er saß allein in dem Raum, immer noch an den Stuhl gefesselt, sein Kopf hing nach vorn. Er lebte noch. Sie lebten alle noch.
„Danken Sie mir noch nicht”, sagte sie. „Sie wären vielleicht besser dran, wenn ich Sie allein gelassen hätte.”
Das Centre. Jarod war seit seiner Flucht ein paar Mal zurückgekehrt, aber immer aus freiem Willen und zu seinen eigenen Bedingungen. Er hatte eine Freizone mit Miss Parker — geteilte Geschichte, geteilte Gefühle, obwohl keiner von ihnen das zugeben würde — und er kannte immer ihre Grenzen.
Diese Frau kannte er nicht. Überhaupt nicht. Oh, er könnte sie kennenlernen, wenn er Zeit und Informationen hätte — er saugte jedes Detail in sich auf, mit jeder Meile, die sie zurücklegten — aber er konnte eben nur so schnell vorausberechnen und in einen Pretend kommen, wie er konnte.
Ihr Name war Peggy Wilton, so viel wusste er. Sie arbeitete im Centre.
Ihre Ambitionen konnten nur in Megatonnen gemessen werden, und wenn sie irgendwelche Skrupel haben sollte, hatte er sie noch nicht entdeckt. Sie war nicht an ihm persönlich interessiert, außer, dass er ein Werkzeug für die Förderung ihrer Karriere war.
Sie wollte Miss Parker werden. Nein. Miss Parker ersetzen. Die jetzt wohl eine Gefangene im Tower war, zusammen mit Broots und Sydney. Peggy war darauf ziemlich stolz. Ein wenig Computersabotage, ein paar Falschinformationen — es war im Centre nicht schwer, jemanden zur Strecke zu bringen, wenn man wusste, wo er zu schlagen war. Sie hatte zugeschlagen, wo Parker verwundbar war.
Sie hatte Broots aus dem Weg geräumt, sich Zugang zum Büro verschafft und den Rest mit ein paar Veränderungen am Computer direkt unter Parkers Nase erledigt.
„Wirklich”, sagte Peggy gerade, „welche Qualifikationen hat sie denn für ihren Job? Genetische? Das ist beste Vetternwirtschaft, Jarod. Ich bin schneller als sie, klüger, besser ausgebildet. Ich mache meine eigene Suche am Computer, ich brauche keinen Broots. Ich habe alle Ihre Daten gelesen, alle DSAs gesehen, ich weiß genauso viel über Sie wie Sydney. Ich brauche ihn auch nicht hinter mir herzuschleifen. Allein die Kostenersparnis ist ein großer Vorteil. Ich bin beweglicher, habe eine bessere Grundausstattung und ein besser organisiertes Team. Sagen Sie mir einen Grund, warum ich den Job nicht kriegen sollte?”
„Persönlicher Stil?”, sagte er freundlich. Sie warf ihm einen scharfen Blick zu, der ihm sagte, dass er ins Schwarze getroffen hatte. Sie war in dieser Sache empfindlich, wegen Miss Parkers aufgeputzten Auftretens. Peggy mochte zwar technisch überlegen sein, aber man sah es ihr nicht an. Und im Centre war die persönliche Wirkung alles. „Vielleicht wird man Ihnen etwas Interessanteres geben. Etwas im Centre. Kein Kontakt zur Außenwelt.”
„In anderen Worten, mich verstecken. Weil ich keine hochhackigen Pfennigabsätze trage, nicht alle zwei Wochen zum Haarstylisten gehe und nicht zwei Stunden täglich auf mein Makeup verwende. Typisch.” Peggy war empört und starrte durch das Fenster auf die vorbeihuschende bäuerliche Landschaft. Es sah trügerisch friedlich aus. Jarods innere Landkarte sagte ihm, dass ihm die Zeit davonlief; Blue Cove war weniger als zehn Minuten entfernt. Finde den Hebel. Drücke ihn.
„Sie haben nach meiner Meinung gefragt. Wollen Sie wissen, wie Sie bekommen, was Sie wollen, Peggy?”
„Oh, und Sie werden es mir sagen”, höhnte sie. „Na klar, fahren Sie fort. Sagen Sie mir, was ich tun soll, Jarod. Ich bin sicher, Sie sind Experte für Karriereentwicklung im Centre.”
„Ich sollte es sein”, sagte er. „Ich war genau so lange dort wie Miss Parker. Aber natürlich, wenn Sie es nicht wissen wollen —”
„Reden Sie.” Peggy setzte sich schräg in den Autositz. Ihr Fahrer blickte sie an, seine Lippen zu einem schmalen Strich zusammengepresst. Ihre Leute mögen sie auch nicht. Zu sehr ein Emporkömmling. Jarod speicherte diese Information ab.
„Miss Parker sagte mir immer, an dem Tag, an dem sie mich zurück ins Centre bringt, würde sie mich direkt hoch in den Tower bringen und verlangen, das Triumvirat zu sehen. Sie wollte ihnen in die Augen sehen und sie wissen lassen, was sie getan hat.”
„Niemand sieht das Triumvirat”, sagte Peggy. Sie tippte mit kurzen Fingernägeln gegen das Fensterglas. „Niemand. Niemals.”
„Sie werden Sie sehen”, sagte Jarod. „Wenn Sie mich haben, werden sie Sie sehen.”
Sie wurde still und starrte wieder aus dem Fenster.
Nimm den Köder, dachte er. Aber er wackelte nicht an der Leine. Peggy war klug — vielleicht klüger als Miss Parker. Rücksichtsloser. Weniger besorgt um die Körper, die sie vielleicht zuckend in ihrem Gefolge zurücklassen würde.
Mach schon. Wirf mich in die Dornbüsche.
„Ich habe ein Geschenk für Sie”, sagte sie. Das hatte er nicht von ihr erwartet, und es erinnerte ihn wieder daran, dass er sie nicht kannte, keinen Strich von ihr wusste, so dass er nicht sicher sein konnte, ob er dieses Spiel zu seinen Vorteil spielen konnte.
Sie griff in ihre Tasche und zog ein Halsband und eine Kette heraus.
„Image ist alles, Jarod”, sagte sie und lehnte sich über den Sitz, um das Halsband an seinem Hals zu befestigen. Ihre Finger glitten warm über seine Haut, und ihm wurde klar, dass er an sie herangekommen war, aber nicht so, wie er sich das vorgestellt hatte. Peggy war jemand, der auf seine Belohnung warten konnte. Es hatte Zeit, später. Wenn sie sich einmal ihre Position gesichert hatte, wenn er erst im Centre gefangen war und sich nicht mehr wehren konnte. Dann würde sie auch gegen ihn Hebel in Bewegung setzen können, so wie gegen Sydney, Parker und Broots.
Sie befestigte eine Kette an dem Halsband.
„Besser”, sagte sie, und zog an der Kette. Das Halsband schloss sich dicht um seinen Hals, und er hustete. Ihre Augen verengten sich wohlwollend. „Viel besser. Jetzt halten Sie den Mund, oder ich schleife Sie den Rest des Weges hinter dem Auto her.”
„Sie werden Parkers Job nie kriegen”, sagte Jarod. Ein letzter Stich. Sie spielte mit der Kette, wand sie in ihren Fingern, es klang wie kaltes, zerbrochenes Glas. „Sie haben nicht das, was dafür nötig ist, Peggy. Sie sind für die nur peinlich.”
„Sie mussten jemanden dafür anheuern”, sagte sie, und blickte auf ihre Uhr. „Sie hat noch eine halbe Stunde, bevor sie sie erschießen — und Sydney — und Broots. Ich habe das sichergestellt, bevor ich gegangen bin. Ich platzierte das Gewehr, das bei den meisten Mordanschlägen verwendet wurde, im Parkerschen Haus. Broots hat Beweise auf seinem Computer, die ihn mit dem Komplott in Verbindung bringen. Sydney —”
„Lassen Sie Sydney da raus”, sagte Jarod. Er verlor die Kontrolle über die Situation, aber er musste es versuchen. „Sie brauchen ihn. Er ist der einzige Experte, der Ihnen vom Pretender-Programm geblieben ist, und Sie wissen, dass ich ohne ihn nie kooperieren werde. Warum einen Vorteil verschwenden?”
„Weil er kein Vorteil ist, sondern ein Nachteil”, sagte Peggy. „Was Sie sehr gut wissen. Sydney ist auf Ihrer Seite, nicht auf meiner. Er liebt Sie wie einen Sohn. Und Sie lieben ihn wie den Vater, den Sie nie kannten. Und Tatsache ist, dass ich einen Experten für das Pretender-Programm habe. Dr. Raines. Er hat bereits einige Experimente für Sie vorbereitet, Jarod, die keinerlei Kooperation von Ihnen benötigen.”
Als er versuchte, zu antworten, riss sie heftig an der Kette, um seine Antwort zu ersticken. Sie mag das. Parker hätte es nie auf diese Weise getan, nicht so. Trotz aller Ambitionen war sie immer noch das Kind von Catherine Parker.
Wessen kleines Mädchen bist Du? fragte Jarod sich.
Er sparte sich den Atem.
„Abglanz der Hölle, Sydney”, sagte Parker. Sie tupfte ihn mit einem Stück Stoff, den sie von Broots' Pyjama abgerissen hatte — nicht von ihrer eigenen Kleidung — ab, und wischte Blut von einer gespaltenen Lippe. „Schmerzen?”
„Ein wenig”, sagte er. Die Anspannung in seiner Stimme betonte seinen Akzent. „Nichts allzu Schlimmes. Ich glaube nicht, dass etwas gebrochen ist.”
Sie waren immer noch nicht wegen Parker gekommen. Sie fragte sich, warum, während ihr ein unruhiges Kribbeln den Rücken herunterlief. Das T-Board verlangte immer Geständnisse, freiwillig oder anders. Sie gaben nicht so einfach auf. Broots war nicht eingebrochen, Sydney auch nicht. Sie musste die nächste sein.
„Miss Parker.” Sydneys Hand schloss sich über der ihren, warm und stark. Seine Augen zwangen sie, ruhig zu sein und zuzuhören. „Sie haben Beweise. Sie haben sie mir gezeigt. Jemand hat Sie reingelegt. Es ist sehr gefährlich.”
„Ich weiß”, sagte sie. „Es ist jemand, der Zugang hat, jemand mit Ambitionen. Sehr geschickt.”
„Wissen Sie, wer es war?”
„Denken Sie nach, Syd. Wer tauchte praktischerweise in unserer Türe auf an dem Morgen, an dem wir Broots vermissten?”
„Peggy Wilton?” Sydneys Augenbrauen gingen nach oben. „Sie scheint sehr —”
„Sehr. Aber ich kenne den Typ. Geben Sie ihr einen anderen Anstrich und eine andere Garderobe, und sie ist bereit, die Welt zu übernehmen. Ich hätte es wissen müssen, als sie mir das erste Mal begegnete, aber ich bin auf die Verkleidung hereingefallen.” Parker ließ ihre Verbitterung mit einem Seufzer heraus. „Mein Fehler, Sydney.”
„Geben Sie nicht auf.” Er hatte noch nicht gezwinkert, und die Intensität in seinen Augen war überraschend. „Ich weiß etwas darüber, in der Hand von Feinden zu sein, Miss Parker. Das einzige, was Sie nicht tun können, ist aufgeben.”
Sie lächelte grimmig, ein äußerer Ausdruck von etwas Wildem und Dunklen in ihrem Inneren. „Oh, keine Sorge. Wenn ich zu Boden gehe, Sydney, dann nehme ich diese bleichgesichtige Schlampe mit.”
Die Tür klickte, ein harter metallischer Klang, wie eine erhobene Waffe. Parker stand auf. Hinter ihr erhob sich Sydney ebenfalls. Broots setzte sich auf der Liege auf, immer noch groggy und blass.
Ihr Vater stand in der Tür. Zum ersten Mal, seit sie sich erinnern konnte, sah er angegriffen aus. Erschreckt.
„Prinzessin —”, sagte er.
„Daddy, man hat mich reingelegt, und Du weißt das.”
„Ich weiß.” Er streckte seine Hände nach ihr aus, eine peinliche Geste, sie nahm keine davon an. Nach ein paar Sekunden ließ er sie wieder an seine Seite fallen. „Ich kann nichts tun, Süße. Mach es Dir selbst einfach. Sag ihnen — sag ihnen nur, was immer sie hören wollen. Egal, was es ist. Sie haben versprochen, nachsichtig zu sein, wenn Du ein volles Geständnis ablegst.”
„Ein volles Geständnis wovon? Dass ich meinen Job besser mache als jeder andere? Und sie wie Idioten aussehen lasse? Was, Daddy?” Sie schlug mit ihrer Hand gegen die Mauer und benutzte den Schmerz, um sich selbst zu stabilisieren. „Sag mir nur, was ich sagen soll.”
„Ich hab' getan, was ich konnte”, sagte er. „Ich habe etwas für Dich, wenn Du zurückkommst. Ein Friedensangebot.”
Er sah sie traurig an, und sie wusste, dass es wirklich nicht wichtig war, was sie sagte. Überhaupt nicht. Er drehte sich um und ging davon, ein großer Mann, nun schwer beladen mit dem, was er wusste.
Er ging weg. So, wie er der Leiche ihrer Mutter den Rücken zugewandt hatte, wie er sie so viele Jahre lang ignoriert hatte. Daddys Antwort auf alle Schmerzen war, sie zurückzulassen.
Parker sah zu, wie er ging, ihre Augen trocken. Sie schauderte, als Sydney ihre Schulter berührte, und wehrte den Trost für ein paar Sekunden ab, bis sie sich erlaubte, den Schmerz zu fühlen.
Aber sie hatte keine Zeit für Trost. Sie hatte für gar nichts Zeit. Zwei weißbekittelte Doktor Frankensteins waren nun in der Tür erschienen, und sie sahen sie an.
„Miss Parker”, sagte die Frau. „Gehen wir.”
Sydneys Hand auf ihrer Schulter versuchte, sie zurückzuhalten. Sie machte sich sanft los und ging aus eigener Kraft, Kopf hoch erhoben, das Herz zu schwarzer Asche verbrannt.
Gebt Euer Schlimmstes, dachte sie, und begann, sich auf den Stuhl zu setzen.
„Nicht dort”, sagte die Frau.
Sie sah das T-Board an.
„Wollen Sie sich mit mir anlegen?”
Sie setzte sich auf den Stuhl. Ein paar Sekunden lang bewegte sich niemand, und dann nickte der weibliche Frankenstein. Halterungen schnappten zu. Parker probierte sie träge aus, ohne irgendwelche Schwächen zu erwarten, und sie fand auch keine. Wenn das Centre in irgend etwas gut war, dann war es darin, Menschen an ihrem Platz zu halten.
Sie hatte nur noch eine Waffe übrig, aber das war eine große. Scharf. Tödlich.
Sie lächelte, kreuzte ihre Beine und sagte: „Lassen Sie uns über das Komplott gegen das Triumvirat reden.”
Und dann sagte sie ihnen, wer dahintersteckte. In hervorragenden und fantasievollen Einzelheiten.
Das Auto passierte die massiven, bombensicheren Tore des Parkbereichs und verlangsamte, fuhr eine Spirale durch die Decks, bis die Scheinwerfer zeigten, dass die Qualität der Autos gestiegen und ihre Anzahl gesunken war. Parkdeck sechs. Parkplatz für Executives. Peggy deutete auf einen freien Platz und stieg aus dem Auto aus; sie forderte Jarods Leine und führte ihn hinaus, gefolgt von Sweepern, zu den massiven, glänzenden Fahrstühlen, die von zwei Sicherheitsmännern mit steifen Gesichtern bewacht wurden.
„Ma'am”, sagte einer von ihnen, und stellte sich ihr in den Weg. „Ich brauche Ihre Befehle.”
Sie holte sie mit einer Bewegung ihres Handgelenks hervor. Während er sie prüfte, sagte sie: „Ich benötige Zugang zum Tower.”
Klick. Jarods Plan, bis zu diesem Zeitpunkt nur ein Gewirr unterschiedlicher Teile, begann zu wirken. Er ließ sich nichts anmerken und starrte auf den Boden. Das Halsband und die Handschellen waren eine ständige Erinnerung daran, wie zerbrechlich der Plan war. Noch kein Grund zum Feiern.
„Ma'am, dieses Gebiet ist Sperrzone.” Der Sicherheitsmann gab ihr ihren Ausweis zurück. „Sie sind für den Arbeitsbereich freigegeben.”
„Tower”, wiederholte sie, und gab Jarod einen leisen Ruck mit der Kette, damit er seinen Kopf hob. „Ich gehe davon aus, dass Sie von Jarod gehört haben. Der, der entkommen war.”
Die Augen des Wachmannes weiteten sich. Er blickte zu seinem Partner, der seine Augenbrauen hochzog. Für einen Moment bewegte sich keiner der beiden, dann ging der zweite Mann beiseite und drückte auf sein Funkgerät. Es gab einen leisen Austausch, dann kam er zurück und sagte: „Sie wurden für den Zugang zum Tower freigegeben, Miss Wilton. Der Fahrstuhl wurde so programmiert, dass er Sie ins richtige Stockwerk bringt.”
Sie lächelte, und Jarod musste zugeben — es war ein hartes, kaltes, rücksichtsloses Lächeln, wie Parker, keine Spur einer Schwäche darin.
„Also wollen Sie Ihren Job behalten”, sagte sie zuckersüß und schleppte Jarod auf die sich öffnenden Fahrstuhltüren zu wie einen jungen Hund. „Schwing die Hufe, Junge.”
Das ganze Sweeper-Team passte nicht in den Fahrstuhl — er war nicht für große Gruppen ausgelegt, möglicherweise absichtlich — und sie winkte alle bis auf einen weg. Die Türen schlossen sich vor ihren gelassenen Gesichtern, und der Fahrstuhl begann, flüsternd nach oben zu fahren. Keine Steuerelemente, nichts außer gesichtslosen stählernen Wänden.
Und einer Zugangskonsole unter dem Boden, verborgen unter einem teuren Teppich. Jarod wusste nur deshalb davon, weil er sich während seines langen Aufenthalts im Centre die Aufgabe gestellt hatte, alles über alles zu wissen. Ich brauche eine Minute. Eine Minute.
Er begann mit den Handschellen und holte eine dünne, flexible Stahlnadel aus der Naht seiner Jacke. Zehn Sekunden. Zwanzig. Er fühlte das Klicken, und die Fessel um sein rechtes Handgelenk lockerte sich; links ging es schneller. Dreißig Sekunden. Das Halsband war ein Problem, es würde ihm das Gleichgewicht rauben, und ein genügend harter Zug daran konnte seine Kehle verletzen —
Er lehnte sich gegen die Stahlwand und fand die Ränder der eingelassenen Steuerkonsole, der Wartungsbereich. Die Abdeckung sprang auf; er hielt sie mit seiner linken Hand und verfolgte die Kabel mit den Fingern.
Zog.
Die Lichter gingen aus. Jarod warf die stählerne Konsolenabdeckung mit der Kante in die Richtung, in der er den Sweeper gesehen hatte, hörte Metall auf Fleisch treffen und griff nach der Kette, die Peggy in beiden Händen hielt.
Er riss daran. Sie schrie auf und fiel in seine Arme. Er nahm ihr das Ende der Leine weg und schleuderte sie in die gegenüber liegende Ecke, ließ sich fallen und rollte zurück auf den Teppich, fand die Ränder der Steuerkonsole, hob sie an und glitt durch sie hindurch in die Dunkelheit. Dort hing er an seinen Fingerspitzen.
Fünfundvierzig Sekunden. Der Fahrstuhl wurde langsamer.
„Jarod!”, brüllte Peggy. Er fühlte die Falltür auf seine Finger zurückschwingen, ein heftiger Schmerz, und hörte, wie der Teppich an seinen Platz zurückplumpste. Er nahm einen tiefen Atemzug, schloss seine Augen und ließ los.
Er fiel in die Dunkelheit.
Die Fahrstuhltüren öffneten sich, und Peggy blinzelte gegen den plötzlichen Lichteinfall, schob den verwundeten Sweeper von sich weg und sah sich im Fahrstuhl um.
Jarod war weg. Weg. Unmöglich. Es gab keinen Ort, an den er hätte gehen können, keinen Ausgang —
„Nein”, sagte sie wie betäubt. „Nein. Unmöglich.”
Sie wandte sich der offenen Fahrstuhltüre zu und sah dort zwei weitere Sicherheitsleute stehen. Diese hatten Waffen. Die auf sie gerichtet waren.
Einer von ihnen schoss ihrem Sweeper in die Brust, als er sich eine Waffe beschaffen wollte. Sie schrie und bedeckte ihren Mund mit der Hand, zitternd; der andere Wachmann griff nach ihrem Ellbogen und zerrte sie hinaus in den Tower.
Ein gesichtsloser, dunkler Raum, unheimlich beleuchtet, ein kreuzförmiger Tisch in der Mitte des Raumes, der blau und kalt leuchtete. An seinem Ende saß Miss Parker, elegant und unverletzt, und rauchte eine Zigarette. Sie blies den Rauch in einem dicken Strom gegen die Decke und sagte: „Nun, Peggy, was für eine Überraschung. Kommen Sie herein. Haben Sie Broots schon gefunden?”
„Ich habe Jarod gefunden”, schnappte Peggy. „Er war mit uns im Fahrstuhl, er kann nicht weit sein. Alarmieren Sie die Sicherheit —”
Parker drückte ihre Zigarette auf der Tischplatte aus und stand auf. Nicht in Handschellen, nicht gefesselt. Sie verschränkte ihre Arme und schlenderte herüber.
Sie lehnte sich sehr dicht an sie heran und sagte mit einem nikotingeschwängerten Flüstern: „Jarod gehört mir, Peggy. Und ich. Teile. Nicht. Oh — ich habe ihnen übrigens erzählt, dass Sie für Mr. Lyle arbeiten. Daran sollten Sie denken, wenn man mit ihrer Befragung beginnt. Sie sind sehr empfindlich, wenn es um Mr. Lyle geht.”
„Ich arbeite nicht für Lyle!”, ereiferte sich Peggy. Parkers stahlblaue Augen schlossen sich halb und zeigten ihre Zufriedenheit.
„Das ist schön”, sagte sie. „Aber glauben Sie mir, es ist nicht der Inhalt, der zählt, sondern die Verpackung. Und Sie sehen —”
Parker blickte an ihr herunter. Langsam.
„—schuldig aus”, beendete sie den Satz, und ruckte mit ihrem Kinn in Richtung des Wachmanns zu Peggys rechter Seite. „Öffnen Sie diese Tür. Wir gehen.”
Peggy beobachtete mit weichen Knien und ungläubig, wie Parker, Sydney und Broots in den selben Fahrstuhl verschwanden, in welchem sie gerade angekommen war.
Man brachte sie vor das T-Board.
Und sie fand heraus, dass es schließlich doch Grenzen ihrer Ambitionen gab.
Miss Parker stieß die Tür zum Büro ihres Vaters auf, ihren Harnisch komplett an seinem Platz, und hielt ein paar Schritte vor dem Schreibtisch inne. Er sah sie an und kam langsam auf seine Füße, das Gesicht gelassen. Nichts in den Augen. Überhaupt nichts.
„Danke für alles, Daddy”, sagte sie. „Ich nehme an, Du hast alles gehört, was ich gesagt habe.”
„Natürlich”, sagte er. „Sie werden für Deine ganze Geschichte Beweise finden, genau dort, wo Du gesagt hast, dass sie sein würden. Ich würde mein kleines Mädchen nicht leiden lassen, das weißt Du.”
Lügner. Sie lächelte.
„Du sagtest, Du hast ein Friedensangebot”, sagte sie. „Ich würde es jetzt gern haben, Daddy. Bevor der Waffenstillstand vorbei ist.”
Er nickte und öffnete eine Tür zu einem kleinen Raum neben dem Hauptbüro. Darin blickte Debbie Broots von der Stelle auf dem Teppichboden, an der sie saß, auf, umgeben von Spielsachen und Spielen, ein kleines verzaubertes Wunderland, das so widersprüchlich wirkte gegenüber den Tränen auf dem Gesicht des Mädchens, die Angst. Sie stand auf und warf sich in Miss Parkers Arme, ein warmes Gewicht, das durch Parkers Harnisch hindurch fiel wie Sonnenlicht und den harten Frost und den kalten Ärger hinwegschmolz.
„Danke”, sagte sie zu ihrem Vater. Er nickte wieder. „Du hattest sie die ganze Zeit über?”
„Seit ich wusste, dass sie Broots holen würden”, sagte er. „Ich konnte nicht zulassen, dass sie sie auch holen. Ich habe meine Skrupel, weißt Du, Prinzessin. Ich wusste, dass Du sie in Sicherheit haben wolltest.”
Sie glättete Debbies dunkelbraunes Haar und erlaubte dem Mädchen, ihren Kopf an ihre Schulter zu legen. Väter und Töchter. Es schien nie genug Zeit dafür zu geben, alle Regeln zu verstehen.
„Komm, Debbie”, sagte Miss Parker, und schob ihr Gewicht in eine leichtere Position. „Gehen wir und suchen Deinen Dad.”
„Prinzessin.” Sie hielt inne und wartete. „Ich — ich entschuldige mich. Ich wollte sie aufhalten. Aber ich konnte es nicht.”
„Jarod haben wir verloren”, sagte sie. „Peggy hat das verbockt. Inzwischen ist er meilenweit weg. Das kostet mich wieder Arbeit, Daddy. Du schuldest mir was dafür.”
Sie hatte die Sicherheit erst fast eine halbe Stunde nach Peggys Gefangennahme alarmiert, aber das war etwas, was derzeit niemand wissen musste. Gerade Daddy nicht.
„Wie kann ich das wieder gut machen?” grollte er. Nun war er auf sicherem Boden, der Geschenke verteilende Daddy, immer bereit, seine Abwesenheit mit einem Scheck oder einem Geschenk zu überdecken.
„Ich werd's Dich wissen lassen”, sagte sie.
Sie achtete darauf, dass die Tür sie auf ihrem Weg nach draußen nicht traf.
Sie wartete den ganzen Tag auf den Anruf, aber er tat ihr den Gefallen erst, als sie zu Hause war und ein heißes Bad nahm. Dampf stieg zu ihrem Haar und an ihrer Haut auf. Entspannt, endlich. In Frieden.
Sie wusste, dass es Jarod war, noch bevor sie das Telefon abnahm.
„Miss Parker?”
„So nah und doch so fern.”
„Näher als Sie denken”, sagte er. „Sie waren fünf Minuten von einer Kugel in den Kopf entfernt, wussten Sie das?”
„Ich bin mit dem Konzept vertraut”, sagte sie. Sie hob ein Knie durch die Blasen und glitt mit ihrer Hand an ihrem Oberschenkel entlang. „Sie haben versucht, mich zu retten.”
„Versucht”, sagte er. „Aber Sie haben mich nicht gebraucht, oder?”
„Sie haben Ihren Standort aufgeben, um mich und Sydney nach Baltimore zu holen. Sie hatten gehofft, uns aus der Schusslinie zu haben, bevor es zu spät war.”
„Ich hatte erfahren, dass jemand einen Coup inszenierte. Jemand von innen. Es war nur eine Vorsichtsmaßnahme.” Sie hörte das Lächeln in seiner Stimme. „Sie sind immer noch der alte Gegner, Miss Parker.”
„Wollen Sie mir nicht sagen, wo Sie sind?”
„Ich will es nicht zur Mode werden lassen”, sagte er. „Sagen wir, weit genug weg von Ihnen. Achten Sie auf Ihren Rücken.”
„Ich dachte, Sie beobachteten meinen Rücken.” Sie goss warmes Wasser über ihre Schultern und schloss ihre Augen, hörte auf seinen Atem und stellte sich Strände und Sand und warmes, blaues Wasser vor.
„Nein”, sagte er. Seine Stimme war leiser geworden und weckte Echos in ihr wie Wellen. „Zur Zeit nicht. Ich beobachte Ihre Vorderseite. Ich mag die Blasen.”
Sie setzte sich mit einem überraschten Zischen auf. Wasser schwappte. Er lachte, voll und warm, am anderen Ende der Leitung.
„Bastard”, sagte sie. „Wo sind Sie?”
„Indianapolis, Indiana. Und ich kann das Wasser hören, Miss Parker. Die Blasen waren nur geraten.” Er hielt einen Moment inne. „Ist sie tot?”
„Peggy? Sagen wir — Regina von der Personalabteilung kann sich nicht mehr an ihren Namen erinnern.” Parker ließ sich zurück in die Blasen sinken. „Indianapolis.”
„Indiana”, bestätigte er.
„Zu schade”, sagte sie. „Ich brauche jemanden, der mir den Rücken schrubbt.”
Sie legte auf, stellte das Telefon auf den Boden und lächelte.
Erwischt.
### Ende ###
