Fanfiction von Julie Fortune, übersetzt von Frosch
„Cozumel.” Miss Parker wiederholte es langsam, ungläubig, und suchte im Gesicht ihres Vaters nach irgend einem Zeichen dafür, dass er einlenken würde. „Daddy, nein. Nein.”
„Prinzessin, Du hast hier in ein wahres Hornissennest gestochen. Das Centre ist momentan nicht der richtige Ort für Dich, genausowenig wie Blue Cove. Es ist Zeit für Dich, eine schöne, lange, erholsame Reise zu machen. Ich habe schon alles vorbereitet.” Er lächelte, ein breites, väterliches Lächeln, aber seine scharfen Augen übersahen nichts. Er hielt ihr eine Mappe mit Flugtickets hin. Als sie nicht danach griff, verlor er sein Lächeln. Die Augen waren schneidend scharf. „Nimm sie.”
„Daddy —” Es war ein nutzloser Kampf, dumm, weiterhin zu protestieren. Parker drückte ihre Zigarette aus, beugte sich vor und blätterte durch die Tickets. Heute Nacht. Sie blickte erschrocken auf, und ihr Vater nickte. Auch hier kein Raum mehr für Verhandlungen. „Also gut. Wie lange?”
„Drei Wochen sollten genügen. Keine Telefonanrufe, Prinzessin. Kein Einchecken. Ich will von Dir keinen Mucks hören, bis diese Wochen vorbei sind, verstehst Du mich? Halte Deinen Kopf unten und —” Wieder dieses Lächeln. „Genieße es.”
Sie legte ihren Kopf zurück und warf ihm einen großäugigen, sarkastischen Blick zu, nahm ihre Handtasche und lief aus dem Büro ihres Vaters in die abendlich-verlassenen Gänge des Centres.
„Genieße es”, brummelte sie. „Jesus.” Sie schob die Tickets in ihre Tasche und machte lange Schritte, um ihren Adrenalinspiegel zu verringern, wünschte sich zu wissen, was eigentlich los war und war gleichzeitig halb erleichtert darüber, es nicht zu wissen. Sie hatte dieses Mal offenbar jemanden ziemlich heftig beleidigt, und das war der Preis. Daddys Strafe mit der Rückhand.
Sie drückte die Tür zu ihrem Büro mit einem Arm auf und überraschte Broots, der aus ihrem Stuhl sprang und drei Schritte rückwärts ging; er sah ihr nur kurz ins Gesicht, dann griff er hinüber, schaltete ihren Computer aus und sagte: „Tut mir leid, ich dachte, Sie wären schon weg.”
„Schnüffeln Sie mir schon nach?”, sagte sie, freundlich und giftig zugleich. „Können Sie nicht mal drauf warten, bis die Leiche kalt ist?”
„Leiche?” Broots klang nervös, und das sollte er auch. „Äh, wessen Leiche?”
„Ihre, wenn ich Sie nochmal in meinen Dateien erwische.” Sie öffnete eine Schublade, warf sie wieder zu, versuchte es in einer anderen. „Wo ist das verdammte Pepto-Bismol?”
Er nahm es von der Ecke seines Schreibtischs und reichte es ihr hinüber. Sie nahm einen dicken, milchigen Zug und sagte: „Ich werde für drei Wochen verschwinden. Rufen Sie mich nicht an, senden Sie mir keine E-Mail, suchen Sie nicht nach mir. So weit jedermann unterrichtet ist, bin ich tot.”
„Tot?” Es war wohl nicht die beste Wortwahl.
„In Urlaub”, verbesserte sie. „Wenn Sie eine Spur zu Jarod finden, folgen Sie und Sydney ihr, aber lassen Sie mich dabei außen vor. Daddys Anweisungen.”
„Oh”, sagte er, als ob er es begriffen hätte. Vielleicht hatte er das ja. Broots war alles andere als ahnungslos, er hätte diese ganzen Jahre an diesem sehr politischen Ort nicht überlebt, wenn er nicht gewusst hätte, wann er seinen Kopf gesenkt halten sollte. „Gut. Nun — viel Spaß.”
Sie warf ihm einen brennenden Blick zu, schraubte den Deckel auf das Pepto-Bismol und sagte: „Wenn das lustiger wäre, würde ich Sie umbringen.”
Ich bin in der Hölle.
Miss Parker stieg aus dem Flugzeug in stickigen Sonnenschein und rückte ihre Sonnenbrille zurecht, um den wolkenlosen, blauen Himmel auszufiltern. Die Hitze war bereits unerträglich, um 8 Uhr morgens, und sie spürte, wie ihr knackiges Baumwollkostüm ermattete, ihre Haare sich zu kräuseln begannen. Gott, sie hasste das, hasste Sonne, sie hasste Sand, sie hasste besonders verschwitzte, fette Touristen ohne modischen Geschmack. Sie hasste die Händler mit ihrem billigen Schmuck, die sich an den Zäunen herumdrückten, um nach Kunden für ihre billigen Edelsteine und Dinge, die nur die Mutter eines geistig behinderten Kunsthandwerksstudenten mögen konnte, zu jagen.
Sie blickte über den Mob jenseits des Zaunes, suchte nach einem Taxi, das nicht wie ein Zug nach Auschwitz aussah, und ihr Blick blieb an einer schwarzen Limousine mit einem Fahrer in einer flotten schwarzen Uniform hängen. Er hielt ein Schild.
Miss Parker. Soso. Mexiko begann, interessant zu werden.
Sie schob sich durch die Menge auf ihn zu und dachte, Jesus, haben diese Leute noch nie was von Achseldeo gehört?, und sah dieses ölglatte, breite Lächeln auf seinen Lippen. Von Nahem sah der Mann längst nicht so gut aus wie seine Uniform. Sie blickte auf das Schild, dann auf ihn, seufzte und sagte: „Gepäck.” Sie probierte aus, wie weit sie gehen konnte.
„Ma'am”, grinste er, bewegte seinen Kopf auf eine Art, die er wohl für unwiderstehlich hielt, und eilte davon, um ihre Taschen zu holen. Er öffnete ihr nicht mal die Tür. Sie brummelte: „Schon mal was von Service gehört?” und glitt in die Limousine.
Ihre aufkommende gute Laune ging in den Keller. Das Wageninnere war heiß und roch nach verschüttetem Bier; sie ließ das Fenster herunter, um etwas Luft zu bekommen, und musste dafür den Anblick von Verlierern ertragen, die sich durch Armbanduhren, Ringe und christliche Reliquien schoben. Daddy, ich könnte Dich umbringen.
Der Fahrer kam mit ihren Taschen zurück, öffnete den Kofferraum und warf sie ohne jegliche Rücksicht auf zerbrechliche Gegenstände hinein. Parker biss die Zähne zusammen, drehte das Fenster zu und erklärte: „Hilton”; alles, was sie sagen konnte, ohne einen Fluch dazuzugeben. Er quasselte in ziemlich akzentbehaftetem Englisch, fragte sie, wie der Flug war, was sie vorhatte, ob sie sich für eine Stadtrundfahrt interessierte. Sie ließ ihn fast eine Minute lang gewähren, bevor sie sich vorbeugte und sagte: „Pablo, Ihr Trinkgeld wird weniger. Halten Sie die Klappe, um noch das zu bekommen, was von ihrem Dollar und 50 übrig geblieben ist.”
Er versteifte sich. Der Blick, den er auf sie abschoss, war feindselig, dunkel und sollte wohl gefährlich aussehen. Sie zündete sich eine Zigarette an, saugte Rauch ein und starrte aus dem Fenster, als sie sich schnell vom Flughafen entfernten. Sie hatte gefährlichere Dreijährige in den Kinderzimmern des Centres gesehen.
„Hier ist Nichtraucher”, sagte er. Sie nahm noch einen Zug.
„Schlagen Sie mich, Pablo.”
Er behielt für den Rest des Weges seinen Zorn für sich. Als sie unter dem schattigen Säulengang ankamen, sprang er heraus und öffnete ihr die Tür, nun ohne das glatte Lächeln, schleppte ihre Taschen aus dem Kofferraum, als könne er es nicht abwarten, sie loszuwerden. Sie drückte den Glimmstengel mit den Zehen aus und blickte auf seine offene Hand herunter, als der Türsteher sich um ihr Gepäck kümmerte. Ließ ihre Brille auf ihre Nase herunter gleiten.
„Sie machen Witze.”
Er beharrte mit seinem Blick darauf. Sie grub zwei Dollar aus ihrem Geldbeutel und warf sie in seine Richtung, dann folgte sie ihrem Gepäck in die kühlen Schatten der Lobby des Hilton.
Schon besser. Immer noch eine Touristenfalle, und sie wäre sicher nicht hier geblieben, wenn sie eine Wahl gehabt hätte, aber die tropischen Pflanzen und der feine Marmor waren besser als Pablo und sein Liebestrip. Sie ging zum Schalter, wartete, bis der umhertastende Angestellte ihr Zimmer gefunden hatte und entkam in einen, wie sie hoffte, wenn schon nicht luxuriösen, so doch wenigstens akzeptablen Mittelklasse-Komfort.
„Oh Gott”, sagte sie, starrte den Raum angeekelt an, als der Boy ihr Gepäck schweigend in einer Ecke verstaute. „Wal-Mart auf Mexikanisch.”
Die schlechten Monet-Kopien waren, nunja, schlimm genug, aber das Bett im Martha-Stewart-Stil war unerträglich. Sie grummelte frustriert, riss die Vorhänge auf und blickte auf die von Touristen überlaufenen Strände und das billige Lamettaflittern des Meeres.
Daddy, ich WERDE Dich umbringen.
„Alles erledigt”, sagte der Boy. Sie warf ihm ein Trinkgeld zu, ohne sich darum zu kümmern, ob es es auffing, und ließ sich auf das Bett fallen, als er die Tür schloss. Wenigstens die Klimaanlage war hervorragend. Sie ließ ihren Schweiß kurz trocknen, zog dann ihre Jacke, ihre Hose und ihre Bluse aus, um ein Nicht-Sonnenbad im Zimmer zu nehmen. Sie ließ ihre Unterwäsche an, wie immer, sogar, wenn sie schlief. Nimmt das Frösteln auf. Sie hatte nicht vor, einen Fuß auf diesen stickigen, schäbigen Strand da draußen mit seinen tausenden Mittelklasse-Idioten mit Speedos, Bikinis und literweise Sonnenmilch zu setzen. Schreiende Kinder bereiteten ihr Kopfschmerzen.
Was konnte man in Cozumel tun? Besichtigungen? Sie stöhnte und bedeckte ihre Augen.
Essen. Das war die Antwort. Essen und Getränke.
Jede Menge Getränke, für eine lange Zeit.
Die Kellner hassten sie. Der Barmann hasste sie am meisten. Parker, bei ihrem zweiten puren Scotch, kümmerte es nicht besonders, davon abgesehen, dass sie einen besseren Service als all diese missbilligenden, bleichen, netten Leute um sie herum bekam. Sie gab gutes Trinkgeld, nicht extravagant, und las ihre Zeitschrift, während sie ihr Hühnchen Poblano verschlang.
„Ich dachte immer, Sie wären mehr der Typ für Waffen und Munition”, sagte eine Stimme von direkt hinter ihrer Schulter. Parker wich aus, drehte sich herum und blickte in Jarods Gesicht. „Dann passt die Vogue allerdings. Aber ich würde den Artikel über 10 Wege, einen besseren Orgasmus zu bekommen, überspringen. Ich glaube nicht, dass der gut recherchiert ist.”
Er setzte sich in den Stuhl, der ihr gegenüberstand, und lächelte, und für eine Sekunde war sie so glücklich wie noch nie in ihrem Leben. Etwas an Jarod löste das bei ihr aus — vielleicht sein Lächeln. Und dann könnte er ihr Ticket aus dieser Urlaubshölle sein.
„Keine Bewegung”, sagte sie. Er hielt zwei große grüne Margaritas, die Gläser vor Kälte beschlagen und mit Salz überkrustet. „Denken Sie nicht mal daran, wegzulaufen.”
„Ist zu heiß dafür. Hier.” Er schob ihr einen der Drinks zu. „Hab' sie selbst gemacht. Ich gebe Ihnen einen aus.”
Sie griff in ihre Handtasche, um ihr Handy herauszuholen, und erinnerte sich daran, dass sie es auf Daddys Schreibtisch zurückgelassen hatte, auf seinen Wunsch hin. Nun gut, eine Telefonzelle würde es auch tun. Sie schnippte mit den Fingern, um einen Kellner herbeizuholen.
Jarod lächelte immer noch, als er sagte: „Sie können das Centre nicht anrufen.”
„Beobachten Sie mich.”
„Die Telefonzentrale wurde angewiesen, Sie nicht durchzustellen. Zu niemandem.”
„Toll. Sydney hat ein Handy.”
Sein Lächeln wurde breiter. „Was wollen Sie ihm sagen, Miss Parker? Bis sie herkommen, werde ich längst weg sein, und Sie werden wieder in diesem Urlaubsgulag sein. Das ist es doch, oder? Die Strafbank?”
Ein Punkt für ihn. Der Kellner eilte atemlos herbei, und sie ließ ihn volle zehn Sekunden warten, bevor sie sagte: „Nichts. Alles in Ordnung.” Sie schnippte mit den Fingern, um ihn zu entlassen.
„Wollen Sie mich nichts fragen?” Seine Augen waren groß und glänzten schelmisch. Er beugte sich vor und nahm einen Schluck von seinem Getränk, seinen Blick fest auf sie gerichtet.
„Was fragen?”
„Warum ich hier bin.”
„Damit ist bewiesen, dass ich WIRKLICH in der Hölle bin.” Sie probierte den Margarita, und entgegen ihrem Vorhaben musste sie zugeben, dass es der beste verdammte Margarita war, den sie je hatte. Sie nahm einen weiteren Schluck. „Warum?”
Jarod blickte sie immer noch an, einfach so. Es machte sie wütend. Es war ihr unangenehm. Es machte sie — zugegeben — heiß.
„Ich wollte Sie sehen. Es schien, dass das die beste Chance sein würde, sie ohne Sweeper in ihrem Nacken zu treffen.”
„Also sind Sie mir gefolgt.”
Jarod zuckte die Achseln. Er trug die Touristen-Uniform, ein helles, buntes Tropenhemd, khaki-farbene Shorts, Segelschuhe. An ihm sah es irgendwie modisch aus. Er hatte sich irgendwo unterwegs einen kleinen goldenen Ohrring zugelegt. Er schimmerte im reflektierten Licht des Meeres.
„Ich möchte Sie etwas fragen. Um der alten Zeiten willen.”
„Wir sind keine Kinder mehr.” Weit davon entfernt, falls das Gefühl in ihrem Magen dafür ein Indikator war. Sie aß einen Bissen pfeffriges Hühnchen und nahm dazu einen weiteren Schluck von dem Margarita, um es runterzuspülen.
Zum ersten Mal sah er weg. Sie fragte sich, wie er das überfüllte Restaurant, die langweilige Menge, das billige, übertriebene Spaßklima wahrnahm. Sie fragte sich, ob sie beide überhaupt in der selben Welt lebten.
„Also, fragen Sie”, sagte sie.
„Ich habe in den letzten zwei Jahren eine Menge Dinge kennen gelernt, seit ich vom Centre weg bin, aber ich denke nicht, dass Sie das ein normales Leben nennen können. Und es gibt etwas, das ich darüber — lernen möchte. Etwas Wichtiges.”
Sie klammerte sich heftig an die Vorstellung, die wie ein grelles Feuer in ihre Gedanken eindrang, Jarod nackt in ihrem Bett, jede Linie seines Körpers passte zu ihrem — sie sagte kalt: „Ich kann nur raten. Tut mir leid, ich habe kein Seemannsgarn.”
„Ich möchte, dass Sie mir etwas über Verabredungen erzählen.”
Das kam so unschuldig, dass es sie entwaffnete. Mit Sarkasmus konnte sie umgehen, Arroganz konnte sie wie einen Käfer wegschlagen, aber diese verletzliche, sanfte Stimme — sie blickte zu ihm hoch, in seine Augen, spürte eine Wallung über ihre Haut gehen wie ein Sonnenbrand.
„Großartig. Nun bin ich die liebe Abby.”
„Liebe Abby?” Er schien verwirrt und warf ihr einen dieser Blicke zu, an die sie sich so lebhaft erinnerte, wie in ihrer Kindheit, seine Augen so begierig nach jedem Bisschen Wissen.
„Vergessen Sie's. Was ist mit Verabredungen? Ich hatte den Eindruck, dass Sie diesbezüglich längst im Home Run sind.”
Sie konnte nicht glauben, dass sie dieses Gespräch führte. Das Centre —
Ihr inneres Kind, das tatsächlich eine willige kleine Hure war, sagte: Das Centre kann Dich mal, sie haben Dich hier raus geschickt, um Dich drei Wochen lang zu braten. Es ist deren Fehler, wenn Du sie nicht kontakten darfst. Genieße die Rache.
Sie schmeckte süß.
„Home run?”, fragte Jarod. Sie warf ihm einen Blick zu. „Baseball?”
„Sex.” Er wurde rot. Sie beobachtete ihn, fasziniert von seiner verlegenen Reaktion und wie er errötete. Sie nahm einen langen, langsamen Schluck und sagte: „Sie hatten doch Sex mit diesem Mädchen in Oregon, oder?”
„Ich rede nicht über Sex.” Die Verlegenheit verblasste, Jarod verschob seine Realitäten, um seine Verletzlichkeit zu verbergen. Das war das Besondere an Jarod; er veränderte sich wie ein Chamäleon, während man zusah. „Ich möchte wissen, was Leute tun, um sich kennenzulernen.”
„Kommen Sie, gestehen Sie”, drängte sie. Keine Antwort. „Ach kommen Sie, Sie können es genauso gut zugeben. Ich würd's tun.”
„Wenn ich Sie um eine Verabredung bitten würde, was würden wir dann tun?”
„Mit vierzehn?” Sie rollte mit den Augen. „Ins Kino gehen, einen Softdrink kaufen, einen Burger essen, Videospiele spielen.”
„Und mit dreißig?”
Nun war es an ihr, zu verstummen. Er wartete auf sie, seinen Margarita vergessend. Sie sah auf ihren Teller hinunter, die Zeitschrift war daneben gefallen.
„Abendessen”, sagte sie. „Drinks. Tanzen.”
Jarod sah auf seine Uhr. „Abendessen wäre um — sieben Uhr?”
„Versuchen Sie's mit acht.”
„Welche Sorte Getränke?”
Sie hob den Margarita. "Zehn weitere davon, und ich könnte sogar tanzen.”
Sie hatte nicht vorgehabt, einen Toast auszubringen, aber Jarod nahm es auf diese Weise auf. Er stieß mit ihr an, nahm einen Schluck, und seine Augen leuchteten wieder mit diesem herzbrechenden Lächeln auf.
„Acht Uhr”, sagte er. „Ich treffe Sie in der Lobby. Oh, und wenn Sie eine Anstandsdame wie Sydney oder ein Sweeper-Team mitbringen, muss ich Sie sitzen lassen.”
„Ich habe Urlaub”, schnappte sie, nahm ihre Zeitschrift auf und suchte den Artikel nach der Stelle ab, an der sie unterbrochen hatte.
Als sie wieder aufsah, war Jarod weg.
„Angeber”, brummte sie.
„Willkommen, kann ich Ihnen helfen?”
„Mr. Parker.”
„Wer ist dort, bitte?”
„Seine Tochter." Parker blies einen Rauchstrom gegen die Decke und erbebte, als kalte Luft über ihre Haut strich. Sie hatte ihre Bluse und ihren Rock an der Tür abgestreift und lag nun in BH und Höschen auf dem Bett. Köstlich kalt. Der Centre-Telefonist legte sie auf halten — dankenswerterweise keine Musik. Sie starrte den schlechten Monet-Druck an, den abgewetzten Rahmen. Daddy, Du musst mich wirklich leid sein.
„Miss Parker?” Der Operator war zurück und klang wie mit einem Stahlmantel verstärkt. „Er ist nicht erreichbar.”
„Hinterlassen Sie ihm eine Nachricht.”
„Es tut mir leid. Er wird nicht erreichbar sein. Danke für Ihren Anruf.”
„Werfen Sie mich nicht aus der Leitung, Sie — !” Parker bekam das SCHWEIN nicht schneller heraus, als sie das Freizeichen hörte. Sie nahm den Hörer von ihrem Ohr weg und starrte ihn ungläubig an, dann wählte sie Sydneys Handy-Nummer.
Keine Antwort.
Broots.
Keine Antwort.
Broots' private Telefonnummer. Sydneys private Telefonnummer.
„Christus!” Sie warf den Hörer nach dem Monet-Druck; das Kabel hielt den Wurf kurz und ließ den Hörer auf den Teppich knallen. „Ich glaub' es nicht.”
Sie bedeckte ihr Gesicht mit ihren Händen, rollte sich auf den Bauch und stützte ihr Kinn auf das Kissen. Das Centre hatte sie abgeschnitten — in jeder Beziehung. Sogar Sydney und Broots, die möglicherweise keine Wahl gehabt hatten. Was erwartet man von mir? Eine Postkarte schicken? Ihn wie ein Seehundbaby mit der Keule erschlagen und ihn in meinem Handgepäck mit zurück nehmen?
Sie stöhnte laut auf und rollte sich wieder auf den Rücken. Jenseits ihrer Füße lief ein Film im Originalton mit spanischen Untertiteln. Pauly Shore war in einer Fremdsprache kein bisschen lustiger.
Sie war in Cozumel gefangen.
Sie war mit Jarod gefangen.
„Dr. Raines?”
„Ja?”
„Sie wollten informiert werden.”
„Und?”
„Sie ruft vom Hilton in Cozumel, Mexiko, an, Sir.”
„Sie sind sich sicher.”
„Die Spur war perfekt, Sir. Ich habe sogar ihre Zimmernummer.”
„Geben Sie es dem Team, wenn sie gehen. Und sagen Sie ihnen — keine Fehler. Ich will Miss Parker nicht wieder in diesem Büro sehen. Niemals.”
„Sir.”
Um halb sieben duschte sie. Um sieben legte sie sich die Kleidung zurecht, die sie mitgebracht hatte, wanderte nervös daneben auf und ab, zählte die guten und die schlechten Punkte auf. Nach langem Zögern wählte sie schwarzes Leder — halb Einschüchterung, halb Einladung. Das Oberteil schloss sich eng um sie. Der Rock war an der Grenze des Legalen. Sie zog die Strümpfe und hochhackigen Schuhe an, ließ den Schmuck weg und fuhr mit dem Fahrstuhl hinunter in die Lobby.
Als sie das Hilton betrat, wurde man auf sie aufmerksam wie auf einen großen weißen Hai; braungebrannte, überladene Touristen drehten ihre Köpfe, um sie auf ihrem Weg zu beobachten, herumlaufende Single-Männer hielten inne, herumlaufende Single-Frauen starrten sie mit unverhohlenem Hass an. Sie war sich dessen bewusst, und es gefiel ihr, genauso, wie es ihr gefiel, im Centre in ein Zimmer zu kommen und das unruhige Schweigen zu hören.
Jarod sah sie nicht. Sie lief zu der Glastür, blickte hinaus, drehte langsam eine Runde durch den Raum. Zwei Männer versuchten, ihren Blick auf sich zu ziehen; sie bekamen ihn, gut, und wurden eingefroren.
Er ist nicht da. Toll. Ich habe das nicht nötig.
Sie drückte den Knopf, um den Fahrstuhl zu holen, wütend auf sich selbst, weil sie darauf reingefallen war, wütend, weil sie sich sitzen gelassen fühlte. Auf der anderen Seite öffneten sich die Türen.
„Nach oben?”
Jarod. Er stand ruhig in der Kabine, die Arme verschränkt, lederbedeckte Schultern gegen die entfernte Wand gelehnt. Sie starrte ihn ein paar Sekunden lang an und stieg dann ein. Die Türen zischten hinter ihr zu.
Der Fahrstuhl fuhr nach oben. Sie versuchte, an etwas zu denken, was sie sagen konnte, und entschied sich für das Offensichtliche.
„Wie konnten Sie sehen —”
Der Fahrstuhl verließ die Lobby, und damit hatte sie ihre Antwort. Glaswände boten einen Panoramablick über den gesamten Bereich. Er war einfach nur Fahrstuhl gefahren und hatte gewartet. Sie hob eine Augenbraue und wandte sich ihm wieder zu.
Er sagte: „Sie sehen hübsch aus.” Kein einstudierter Kommentar, es klang heiser und schien von ganz tief in seiner Kehle zu kommen.
„Lassen Sie uns auf die Höflichkeiten verzichten. Danke.” Sie drückte sich ihm gegenüber gegen die Scheibe. „Wohin gehen wir?”
„Ins Restaurant ganz oben. Sie servieren dort großartigen Jalapeno-Lachs mit Jack-Daniels-Honigsauce.” Er hatte sich noch überhaupt nicht gerührt, außer, um ihren Augen zu folgen. „Es stimmt wirklich, wissen Sie?”
„Was?”
„Dass Sie hübsch aussehen.”
Sie warf ihm diesen eiskalten Blick zu, aber es schien ihn überhaupt nicht zu treffen. „Ach ja, Sie auch. Sind wir nun fertig mit der hohen Schule der Schmeichelei?”
Der Fahrstuhl zeigte an, dass sie angekommen waren. Jarod griff an ihr vorbei, um ihr die Tür aufzuhalten.
„Hoffe nicht”, sagte er, als sie vorbeiging.
Als sie saßen, starrte er neben ihr vorbei aus dem Fenster in den Sonnenuntergang. „Wenn das wirklich eine Verabredung wäre, Miss Parker, worüber würden wir dann jetzt reden?”
„In dieser Zeit und in diesem Alter, möglicherweise über unsere HIV-Testergebnisse.”
„Tatsächlich.”
Sie seufzte, schüttelte ihre Serviette aus und legte sie sich in den Schoß. Sie tendierte dazu, an dem Leder abzurutschen. „Sie würden Sie nach ihrem Tag fragen, ihrem Job, ihrer Familie. Vermeiden Sie das Thema vorherige Liebschaften, sprechen Sie nicht über Ihre Probleme, sprechen Sie nicht über ihre Probleme. So. Das ist der ganze Sydney, den ich für Sie spielen kann.”
„Wie war Ihr Tag?”, fragte er. Er machte keinen Witz. Er war wirklich so ahnungslos. Sie nahm einen Schluck Rotwein.
„Fantastisch. Deshalb bin ich also hier im Naturparadies, um mit Ihnen zu reden.” Es war zu einfach, ihn zu verletzen, und sich selbst. Sie zwang sich zu einem Lächeln. „Ich hasse diesen Ort.”
„Warum?”
„Ohne Grund.”
„Für alles gibt es einen Grund”, sagte er. „Kommen Sie, Miss Parker. Ich würde es Ihnen sagen.”
Ja, sie konnte sich vorstellen, dass er das tun würde. Sie sah von ihm weg, in Richtung des Tequila-Abklatschs von Sonnenuntergang. „Wir kamen hierher, als ich fünfzehn war. Ich dachte, das sei der wunderbarste Ort auf der Welt. Mein Vater — mein Vater musste gehen. Er ließ mich hier nur mit zwei Sweepern als Gesellschaft, und sie hassten mich. Deshalb hasse ich Cozumel."
„Hier hat er Sie verlassen”, sagte Jarod. „Zum letzten Mal.”
„Dringen Sie nicht in meinen Kopf ein.”
„Das mache ich nicht. Es scheint nur —” Er fuhr mit einer Fingerspitze eine Linie auf der Tischdecke nach. „Er hat Sie verlassen, als Ihre Mutter starb. Er hat sie ins Spiel gebracht und immer wieder enttäuscht, Parker, denken Sie, ich habe das nicht gesehen? Gesehen, wie sehr es Sie verletzt hat?”
Es war schwer, den Klumpen zu schlucken. Ihr war nie vorher klar gewesen, warum sie Cozumel so sehr hasste, warum sie sich an diesem Ort leer und allein fühlte. Es waren nicht die Hitze, die Strände oder die Touristen. Sie wandte ihr Gesicht ab, sah sich nach dem Kellner um und ruckte mit ihrem Kopf, damit er ihr Weinglas nachfüllte. Sie konnte sich nicht einmal daran erinnern, davon getrunken zu haben.
„Vergangenheit”, sagte sie.
„Es ist niemals Vergangenheit. Die Vergangenheit ist immer da.” Jarod berührte seine Brust, genau da, wo ihr Herz schmerzte. Seines war so dunkel, so warm. „Warum schlafen Sie nicht nackt?”
„Was?”
„Das ist eine berechtigte Frage. Warum nicht? Ich weiß es, weil ich das selbe Problem habe. Wir können nicht nackt schlafen, weil wir wissen, dass uns immer Kameras beobachten, selbst wenn sie schon gar nicht mehr da sind. Wir sind im Centre aufgewachsen.” Er lächelte schwach. „Ich kann es, wenn ich in einem Pretend bin, aber sonst wache ich schreiend auf. Es ist immer schwerer, diejenigen zu sein, die wir wirklich sind.”
„Ich sagte Ihnen, Sie sollen nicht in meinem Kopf eindringen!” Sie warf ihre Serviette hinunter und begann, sie aufzuheben; er streckte sich nach ihr aus und nahm ihre Hand, und der Kontakt war erschreckend genug, dass ihre Knie zu zittern begannen. Sie saß wie erstarrt.
„Parker”, sagte er. „Sie haben meine Frage nicht beantwortet. Wie war Ihr Tag?”
Sie lachte und sah, wie sich sein Lächeln als Reaktion darauf entzündete.
„Gut”, sagte sie. Überraschenderweise war es nicht wirklich eine Lüge. „Und Ihrer?”
„Gut. Wie geht's im Job voran?”
Die Absurdität war zu viel für sie. Sie fing an, zu Lachen, presste ihre Lippen zusammen, um es aufzuhalten, und scheiterte. Jarod rückte seinen Stuhl näher zu ihr, beugte sich zu ihr und sagte: „Sehen Sie es mal so, Sie haben gewonnen. Sie haben mich gefunden.”
„Ja.” Sie schluckte die Hysterie hinunter. „Habe ich. Was auch immer daraus werden mag.”
Der gegrillte Lachs war jeder Bissen so köstlich, wie er es versprochen hatte. Es folgte Wein, dann Margaritas, zwei davon, und Parker fühlte sich mürbe gemacht und auf neue Weise ruhig, als Jarods Hand ihre Wange berührte, ihr Haar zurückstrich und fragte: „Tanzen?”
Sie sah auf und fing seinen ungeschützten Blick auf. Sie fragte sich, ob er sie durchschaute, die Hitze sah, die in ihr wuchs, und kümmerte sich nicht darum, ob er es merkte.
„Tanzen”, stimmte sie zu, und glitt aus ihrem Stuhl, um seine Hand zu nehmen. Er führte sie an den Tischen vorbei auf die Tanzfläche, wo eine langsame, sexy Mischung gespielt wurde. Als sie angekommen waren, sah er sie an und sagte: „Ich weiß nicht, wie.”
„Sie wissen nicht —” Das war ihr nie in den Sinn gekommen. Natürlich wusste er es nicht, und wenn er es gewusst hätte, wäre es etwas gewesen, was er mit tödlichem Ernst studiert hätte, wie Ballett. Er würde nicht wissen, wie er sich einfach bewegen konnte. „Folgen Sie mir.”
Sie legte ihre Hände auf seine Schultern, ein Schritt zurück, ein Schritt vorwärts, zeigte ihm den Rhythmus und wie man sich ihm hingab. Zehn Sekunden später glitten seine Hände um ihre Hüfte und hielten sie leicht, als sie sich bewegten, hoch und runter, zuerst schnell, dann in langsameren, leichteren Bewegungen, und sie begann zu tanzen.
Er atmete überrascht heftig aus, als die Musik ihre Hüften schwingen ließ, erst sanft, dann provokativ. Sie erinnerte sich an Jarods Reaktion auf das Wort Sex von ihren Lippen. Er wurde wieder verlegen, beobachtete sie, fasziniert und aufmerksam. Nicht einschüchternd, aber alles aufnehmend, in sich hinein trinkend wie ein Pretender. Oder ein Mann. Sie hatte seit Jahren nicht so getanzt, aber Wein und Margaritas machten sie mutig, und als sie sich näher kamen und sich berührten, ließ sie es zu, dass er sie an sich drückte, jeder Muskel voller Kraft, voller Spannung, und sie spürte es durch ihn hindurch summen wie Elektrizität. Ihre Lippen waren sich nah genug, um sich zu berühren, aber sie bewegte sich nicht, und er auch nicht. Sie presste sich enger an ihn, ließ ihre Hüften rotieren und fühlte, wie seine Hände an dem Leder herunterglitten auf eine Art, die ihm möglicherweise gar nicht bewusst war. Du lernst schnell. Ihr Herz schlug heftig, und das Feuer in ihr war zu einem Freudenfeuer geworden, es durchflutete ihre Wangen, ihre Lippen. Jede winzige Bewegung zu ihm hin fütterte es. Sie wandte ihm den Rücken zu, drückte sich fest gegen ihn, fühlte, wie er das gleiche tat und wusste, wie sehr sie ihn angemacht hatte. Selbst wenn sie nicht nah genug gewesen wäre, um es zu spüren, hätte sie es am Rhythmus seines Atems an ihrem Ohr erkannt gehabt.
Er küsste ihren Nacken, federleicht, und sie fühlte, wie sie schwach wurde, verzweifelt, außer Kontrolle. Seine Hände fühlten sich heiß durch das Leder an, hielten sie gegen ihn gedrückt, und so unglaublich es erschien, dachte sie, der Punkt wäre für beide nicht weit entfernt, an dem sie direkt hier auf der Tanzfläche einen Höhepunkt haben würden, in diesen sich bewegenden, flüssigen Schatten.
Zehn Wege zu einem besseren Orgasmus, dachte sie, soweit sie überhaupt denken konnte. Nummer eins mit einem Punkt davor, mit Jarod tanzen.
„Parker”, flüsterte er. Die Stimme nun leiser, tiefer in seiner Kehle, ein Schnurren wie Samt auf ihrer Haut. „Drehen Sie sich um.”
Sie tat es, ohne sich von ihm weg zu bewegen, und sie beide waren so dicht beieinander, dass sie nur noch von ihrer Kleidung aufgehalten wurden, und von den Leuten um sie herum. Er war ein schwarzes, verzehrendes Feuer, und sie wollte sich selbst hineinwerfen. Seine Hände verließen ihre Hüften, glitten dazwischen nach oben und hinterließen heiße Spuren, wo sie vorbei kamen.
„Sie wollten wissen, was Leute bei Verabredungen machen.” Ihre Lippen berührten nun die seinen, kein richtiger Kuss, ein unerträglicher Reiz für beide. „Jetzt wissen Sie es.”
Er küsste sie, und es war kein Kuss, wie sie es kannte, keine geschmeidige Technik, keine geübte Einfachheit. Das war er, sein Herz, seine Seele, und es traf sie hart. Jarod kannte keine Grenzen. Sie war es gewohnt, alles zu steuern, Spiele, Schmerz und Genuss gleichermaßen. Hierin war kein Schmerz, aber der Genuss war so intensiv, als ob es Schmerz wäre.
Ich kann das nicht. Sie wusste nicht, woher die Panik kam, oder warum, es blubberte herauf wie Magma aus zerschlagenem Stein. Ich kann nicht. Ich kann nicht. Nein!
Sie versuchte, sich loszureißen. Er war stärker als sie, aber als er merkte, dass sie sich wehrte, ließ er sie los, ließ sie weggehen. Sie wischte sich mit der Rückhand über die Lippen, erdrosselte ihre Neigung und sagte: „Es ist nicht so einfach.”
Ihre Stimme kam ihr so falsch vor, so kalt, so stabil. Woher kam das? Das war nicht das, was sie hatte sagen wollen, war nicht das, was sie fühlte.
Jarods Hände fielen an seinen Seiten herunter. Er atmete schnell, und der Glanz in seinen Augen war nun gleichermaßen Bedürfnis und Angst. Tu das nicht, bitte, tu das nicht —
„Erste Regel bei Verabredungen”, hörte sie sich sagen. „Lassen Sie die Frau niemals wissen, wie sehr Sie sie wollen.”
Sie drehte ihm den Rücken zu und lief weg, mit weichen Knien, in ihrem Inneren schreiend, blutend aus einer selbst verursachten, tödlichen Wunde.
Als sie die Tür erreichte, blickte sie zurück. Er stand immer noch da, wo sie ihn verlassen hatte, verloren in den Schatten.
„Scotch”, blaffte sie den Barkeeper an. Er verlor sein Lächeln und nahm eine Flasche und ein Glas herunter. „Nein, Pablo, nicht die Wal-Mart-Marke. Single Malt. Einen anständigen.”
Er warf ihr einen Blick zu, den sie von Untergebenen kannte, wenn sie dachten, sie würden die Erfahrung überstehen. Sie ignorierte ihn und beobachtete die Tür. Kein Jarod. Nichts. Jeder Mann im Raum, egal ob allein oder anderweitig gebunden, konzentrierten sich auf sie wie Bienen um einen Honigtopf, aber Jarod war ihr nicht gefolgt.
Oh Gott oh Gott oh Gott, warum? Warum habe ich das getan?
„Beeilen Sie sich!”, schnappte sie. Der Barkeeper ließ das Glas zu ihr hinüber rutschen, ohne dass ein Tropfen verschüttet wurde, und sie würgte es mit einem langen Zug hinunter. Ließ es zurück rutschen. „Schlagen Sie mich.”
Er sah aus, als ob er es wirklich tun wollte. Sie kippte den zweiten Drink in sich hinein, den dritten, und schließlich fühlte sie so etwas wie einen panischen Rückzug. Jesus, was war das? Was, zum Teufel?
Jarod hätte es ihr sagen können, wenn sie ihm nicht gerade das Herz herausgerissen und es mit einem hochhackigen Pumps aufgespießt hätte. Sie brauchte ihn. Sie brauchte ihn auf eine Weise, die ihr niemals jemand zuvor klar gemacht hatte, auf wilde und rückhaltlose Weise. Sie wusste nicht, wie sie jemals vergessen sollte, wie sich das anfühlte, wie beängstigend, wie wundervoll.
„Kann ich Ihnen einen ausgeben?” Die Stimme eines Mannes. Sie blickte nicht einmal auf.
„Verpiss Dich.”
Er ging. Andere kamen, Kamikazebomber. Sie ließ sich vom fünften einen ausgeben und sagte ihm dann erst, dass er sich verpissen sollte.
Kein Jarod. Oh Jesus.
„Entschuldigung?” Der hier war Amerikaner, jünger als die anderen, möglicherweise kaum alt genug, um überhaupt Alkohol zu trinken. Braunes Haar, enge Mandelaugen, hohe Wangenknochen. Dachte wohl, er sei der feuchte Traum aller Mädchen. „Sie sind mir aufgefallen — nun ja, Sie sehen aufgebracht aus. Ist es in Ordnung, wenn ich mich hier hin setze?”
„Ist nicht mein Sitz”, sagte sie. „Barkeeper.”
Er ignorierte sie und fuhr fort, das andere Ende der Bar abzuwischen. Das College-Kid spielte mit einer Serviette, dem Schirmchen in seinem Drink, und sagte schließlich: „Äh, wirklich, sind Sie in Ordnung? Ich meine, es wäre cool, wenn Sie wollen, dass ich gehe, ich wusste nur nicht, ob Sie, wissen Sie, einen Drink oder so möchten.”
Jarod kam in die Bar. Ihre Augen trafen sich, und seine waren wieder leer und schwarz, das Chamäleon veränderte sein Muster, da war überhaupt nichts von dem wahren Menschen. Er setzte sich an einen Tisch in der Ecke, lächelte und redete mit der Kellnerin.
Komm her. Komm hier rüber, Du Bastard.
„Ist das der Kerl?” Sie drehte sich zu College Boy um; er wich ihr aus, wie Broots es getan hätte, sehr befriedigend. "Äh, ich meinte nur — sehen Sie, wenn er Ihre Gefühle verletzt, sollten Sie mir vielleicht erlauben, Ihnen einen Drink auszugeben. So eine schöne Lady wie Sie — das könnte ihm eine Lehre sein.”
„Scotch”, sagte sie. „Single Malt, lassen Sie ihn nicht den billigen Scheiß eingießen.”
Der Junge holte ihr selbst den Drink. Sie beobachtete den Austausch nicht, konzentrierte sich nur darauf, Jarod zu beobachten, ohne dass man sah, dass sie ihn überhaupt beachtete. Er war jetzt allein und starrte hinunter in seinen Drink. Komm, worauf wartest Du?
"Hier." Der Junge ließ einen Scotch vor sie gleiten. Sie nahm ihn, nahm einen schnellen, stechenden Schluck, dann noch einen. Mir wird morgen übel sein. Naja, was soll's. Sie war im Urlaub, und was war ein Urlaub ohne einen Kater?
„Danke.” Das war das Wohltätigste, was sie bekommen konnte. Sie sah für einen Moment durch den Jungen hindurch, ohne ihn wirklich zu sehen, aber ihm schien es zu gefallen.
„Das klingt vielleicht dumm, aber — meine Kumpel da drüben machen sich alle über mich lustig, sie dachten, ich könnte Sie nicht dazu bringen, mit mir zu reden. Ich darf nicht erwarten, dass Sie — mich küssen, oder? Nur einmal?” Er zwinkerte, als er ihren Gesichtsausdruck sah. „Könnte dem da drüben ein schlechtes Gefühl geben.”
Ein Punkt für College Boy. Parker leerte ihren Drink, drehte sich um, um Jarod anzusehen und stellte sicher, dass sie seine Aufmerksamkeit hatte.
Und dann griff sie hinüber, grapschte College Boy am Kragen und küsste ihn. Fest. Lang. So manipulativ und verführerisch wie sie konnte, und das sowohl trotz ihres Alkoholspiegels als auch trotz ihrer Verzweiflung.
Mitten im Kuss spürte sie, wie die Welt unter ihr wegglitt, eine verrückter, flüssiger Wirbel, und spürte, wie der Junge sie auffing, als sie zusammenklappte.
Sie schob ihn weg, legte ihre Hand flach auf die Bar und kämpfte um ihre Balance.
Jarod war weg. Niemand an seinem Tisch, das Schirmchen drehte sich noch langsam in seinem Drink.
Bist Du jetzt glücklich? Fühlte es sich gut an, ihn zu zerstören? Oder hast Du nur die letzten paar Fetzen Deines Respekts vor Dir selbst herausgebrannt?
Sie drohte, herunterzugleiten. Ihre betäubten Füße wollten sie nicht mehr tragen. College Boy griff nach ihrem Arm, zog sie an sich und sagte: „Whoa, Lady, wenn Sie keine Hilfe in der Schick ...”
Sie murmelte etwas, fühlte sich übel und verwirrt und griff nach der Bar, als diese sich bewegte. Andere Hände waren nun um sie herum, andere Gesichter.
Seine Kumpel. Oh Jesus, was war —
Sie hörte College Boy wie von Ferne zum Barkeeper sagen: „Die Lady hat genug. Ist in Ordnung. Ich bringe sie nur zum Fahrstuhl.”
Sie hob ihren Kopf und sah den Barkeeper verzweifelt an, gejagt. Bat ihn still um Hilfe. Sah einen gläsernen Schild zwischen ihnen herunterkommen.
„Vaya con Dios”, sagte der Barkeeper, zuckte die Achseln und begann, die Bar abzuwischen.
Schwärze.
Lichtblitze. Gläserner Fahrstuhl. Sich an jemanden klammern, nicht einmal wissend, an wen eigentlich, eine Zunge in ihrem Mund, eine Hand auf ihrem Rock. Jarod? Kein Übergang. Lichter von hinten, die ihr in die Augen blendeten, das eigenartig deutliche Geräusch des Reißverschlusses ihres Oberteils, der geöffnet wurde. Hände auf ihr. Zu viele Hände.
Oh Mann, fass da mal hin. Wir machen Dich so heiß, Baby?
Sie versuchte, einen Namen zu sagen, erinnerte sich an dunkle Augen, sanfte Berührungen, die so anders waren als diese hier. Jarod.
Schwärze.
Jarod kam zurück, setzte sich an seinen Tisch und nahm das Schirmchen aus seinem Drink, um zu trinken. Er vermied es, zur Bar zu sehen, zu dem dunklen, prächtigen Schmerz, der Miss Parker war. Sydney hatte Recht, sie konnte es sich nicht erlauben, sich irgend jemandem zu ergeben, für nichts. Das ist pathologisch, hatte Sydney ihm erklärt. In mancher Beziehung ist sie verkrüppelt, Jarod. Unfähig zu lieben. Unfähig, zu vertrauen.
Er wusste nicht, was ihn mehr verletzt hatte, die harschen Worte oder die Übelkeit erregende Panik in ihren Augen. Er hatte sie verängstigt. Sie hatte sich selbst verängstigt. Und sie war hierher geflohen, um sich wieder unter Kontrolle zu bekommen.
Er nahm einen weiteren Schluck, seufzte und blickte auf. Bei ihr wusste er nie so richtig, woran er war.
Sie war weg. Verschwunden wie ein Geist, abgesehen von dem halb geleerten Glas Scotch mit blutrotem Lippenstift am Rand.
Jarod ging zur Bar, beugte sich hinüber und fragte den Barkeeper: „Die Lady, die hier war? Die in schwarz?”
„Jep?” Sie hatte sich hier keine Freunde gemacht, soviel war klar.
„Wo ist sie hingegangen?”
Der Barkeeper zuckte mit den Schultern. „'N paar Typen.”
Typen? Nein. Zu Parker gehörte es, dominant zu sein, die Oberhand zu behalten — er brauchte Sydney nicht, um zu merken, dass da was nicht stimmte. Parker wäre nicht freiwillig mitgegangen.
„Welche Typen?”, fragte Jarod. Noch ein Schulterzucken. Der Barkeeper wollte sich wegdrehen, angezogen von einem Kunden mit einer goldenen Karte; Jarod griff nach seinem Hemd und hielt ihn an Ort und Stelle. „Welche. Typen.”
„Schauen Sie, Kumpel, Sie sind ohne sie besser dran. Diese Lady war ein eiskalter Killer.”
„Ich werde nicht nochmal höflich fragen.” Er zeigte, was er meinte, und sah die Veränderung in der Reaktion des Barkeepers. „Die Drinks. Haben sie auf ein Zimmer bestellt?”
„Das kann ich Ihnen nicht sagen, Mann. Ich werd' gefeuert.”
Jarod schob ihn zurück, griff hinter die Bar und nahm einen willkürlichen Stapel von Rechnungen. Zu viele Möglichkeiten. Moment, der letzte, der bei ihr war — im Alter eines College-Schülers, wenn überhaupt. Er blätterte noch einmal zurück und fand eine, die hauptsächlich auf billiges Bier und ziemlich eigenartig gemixte Drinks lautete.
Und Single-Malt Scotch.
„Parker”, flüsterte er.
Zimmer 1743.
„Zimmerservice.” Jarod hielt das Tablett auf Kinnhöhe, den Champagner auffällig platziert. Er klopfte wieder und bekam die Anweisung, zu warten, wie von einem Wächter. Er fühlte seinen Puls in den Schläfen, Unbehagen im Magen. Wie lange? Wie lange war sie schon weg gewesen?
„Jep?” Die Tür quietschte auf, gehalten von der Kette, und ein blutunterlaufenes Auge sah hindurch. Einer der College-Schüler, dieser hier blond, die Akne-Narben erhoben sich noch deutlich entlang seines Kiefers. „Äh, falsches Zimmer, Mann. Wir haben nichts bestellt.”
„1743?” Jarod machte ein Theater draus, den Schein zu überprüfen. „Der Champagner ist ein Gruß von der Bar unten. Vom Barkeeper.”
„Oh”, sagte der Junge. Es folgte ein geflüsterter Dialog, eine Tür ging zu. „Jep, okay, bringen Sie es rein.”
Die Kette klapperte beiseite. Jarod trug das Tablett hinein, sah sich in dem Zimmer um (das genauso aussah wie das Hotelzimmer einer College-Bruderschaft auf Urlaub) und nahm das Wichtigste mit einem Blick auf.
Die andere Tür zum zweiten Schlafzimmer war geschlossen. Zwei Jungen in diesem Zimmer. Keine Miss Parker.
Ein schwarzer hochhackiger Schuh lag neben der Couch. Ein Ledermieder mit aufgezogenem Reißverschluss.
Er musste nicht nachdenken. Seine Augen trafen die des Jungen, spürte, wie er innerlich eiskalt wurde und trat nach ihm, trat ihn wieder, nahm die Champagnerflasche und schlug ihn damit K. O., ein harter Schlag auf den Kopf, gerade noch nicht hart genug, um zu töten. Ich weiß das. Ich weiß diese Dinge. Du solltest mich nie daran erinnern.
Der zweite Junge war käseweiß geworden und drückte sich gegen die Kücheneinrichtung. Seine Augen trafen Jarods, und er schüttelte den Kopf. „Ich wollte — ich wollte es nicht. Ich schwöre. Ich bin da nicht rein —”
Jarod schlug ihn, schlug ihn wieder und zwang sich, inne zu halten, als sich der Junge nicht mehr bewegte. Er warf Tablett und Champagner auf einen Tisch, schluckte Raserei und Angst und öffnete die Schlafzimmertür.
Schloss seine Augen einen einzigen Herzschlag lang, öffnete sie dann als eine andere Person. Jarod der Pretender hatte hier keinen Raum. Das hier rief nach etwas anderem, etwas Dunklerem.
Er schloss die Tür sanft hinter sich, als er in das Zimmer ging, zog den braunhaarigen Jungen von Parker weg und warf ihn hart genug, um den Spiegel zu zerschlagen, auf dem er landete. Der letzte näherte sich ihm mit einem Messer.
Jarod lächelte, schritt in seine Bewegung, nahm den Arm des Jungen, kugelte ihn mühelos aus und dämpfte die Schreie des Jungen mit einer Hand über dessen Mund.
„Du hast Glück”, flüsterte Jarod ihm zu. „Ich werde Dich am Leben lassen. Während Dein Arm heilt, denke daran: Ich könnte zurückkommen.”
Er ließ den Jungen los und schob ihn weg. Das Kind torkelte ziellos, heulend, schreiend. Jarod beobachtete ihn ohne besondere Emotionen.
„Also dann”, sagte er. „Warum sich unnötig Ärger einhandeln?”
Er verrenkte den anderen Arm, nahm den Jungen in den Schwitzkasten und würgte ihn bewusstlos.
Nun war es still, abgesehen von dem schnellen Kratzen seines eigenen Atems. Ich habe sie am Leben gelassen. Es ist fast wie ein Wunder. Er hatte sich immer gefragt, ob er das tun würde, wenn es persönlich wurde.
Er ließ den Pretender Jarod wieder frei, ließ ihn wieder fühlen. Und begann zu zittern. Er blickte hinunter auf seine blutverschmierten Hände und bekam keine Luft mehr, wusch sie im Waschbecken, bis nur noch sein Blut da war.
Und dann ging er zum Bett, auf dem Parker lag. Er zog ihren Rock herunter, zog seine Jacke aus und legte sie um sie, nahm sie in seine Arme. Sie wachte nicht auf. Ihr Geruch, so nah, machte ihn fast zu schwach, um zu stehen, diese Wahrnehmung war zu großartig, aber er hob ihren linken Schuh vom Boden auf, ging in das andere Zimmer und sammelte ihr Mieder und den rechten Schuh ein.
Sie wachte nicht auf. Er war froh, dass sie sein Gesicht nicht sehen konnte.
„Dr. Welby?”
Jarod blickte von seiner zerlesenen Vogue auf und sah eine südamerikanisch aussehende Frau mit weißem Kittel und Stethoskop im Eingang des Wartezimmers stehen. Er stand auf, und sie bewegte ihr Kinn, um ihm anzuzeigen, dass er ihr folgen sollte.
„Ich glaube, Sie könnten einen Kaffee gebrauchen” sagte sie, als sie durch den hellen, nur wenig bevölkerten Gang liefen. Vier Uhr morgens, die nächtliche Notfall-Stoßzeit war vorbei, die des Morgens hatte noch nicht begonnen. „Ich weiß, dass ich einen brauchen könnte. Doktor Elena Vasquez.”
Er schüttelte die dargebotene Hand. „Jarod Welby. Wie geht —”
„Miss Parker geht es gut, physisch gesehen. Einige Blutergüsse, nichts weiter.” Vasquez stieß eine Tür mit der Hüfte auf und führte ihn in das Ärztezimmer, wo sie sich und ihm dunklen, dicken Kaffee einschenkte. Wir haben die Untersuchung auf Vergewaltigung durchgeführt, während sie bewusstlos war.”
„Und?” Er probierte den Kaffee. Dick genug, um ihn mit einer Gabel zu essen, stark genug, um eine einen Tag alte Leiche allein durch den Geruch wieder aufzuwecken.
„Sie verstehen, dass ich mit Ihnen nicht darüber reden sollte, aber aus beruflicher Höflichkeit —” Vasquez nahm Zucker und Milch in den Kaffee. „Alle Ergebnisse waren negativ. Kein Sperma zu finden, das ist eine gute Nachricht. Alles andere war ergebnislos. Aber wenn Sie sagen, dass sie überfallen worden ist — haben Sie genug gesehen, um es bestätigen zu können?”
„Nein”, sagte Jarod. „Wie lange noch, bis sie aufwacht?”
Vasquez hob ihre Augenbrauen, die so dunkel und glatt wie der Kaffee waren. „Vor einer Stunde.”
„Und sie haben mit ihr darüber gesprochen?”
„So weit es möglich war, ja. Ihre Miss Parker ist — schrecklich, das ist wohl das richtige englische Wort. Nicht gerade die beste Patientin, die ich je hatte.”
„Wie lange wollen Sie sie hierbehalten?”
Vasquez sank mit einem Seufzer in einen fadenscheinigen Sessel und lehnte ihren Kopf an die Lehne. „Gar nicht. Miss Parker braucht keine akute medizinische Versorgung, und mit ihrem Trauma scheint sie auf ihre eigene Art fertig zu werden.”
„Auf welche Art?”, fragte er und nahm noch einen Schluck Kaffee, genug, um seine fast fertigen Nerven aufzuputschen.
„Aggressiv” Vasquez legte ihren Kopf auf eine Seite. „Ich hoffe, Sie verstehen, Doktor, sie hat mich darum gebeten.”
Er blickte sie fragend an, bereits von der Schuld in ihren Augen aufgeschreckt.
„Sie hat mich gebeten, Sie hier festzuhalten. Sie hatte sich ein Taxi kommen lassen. Jetzt ist sie weg.”
Jarod stellte den Kaffee hastig genug ab, um ein paar Tropfen auf seine Hand zu verschütten, so heiß wie Blut, um sich zur Tür umzuwenden. Hinter ihm sagte Vasquez: „Sie sollten sie gehen lassen. Ich habe viele Gewaltopfer gesehen, aber noch nie so eine wie sie. Sie wird allein damit —”
Die sich schließende Tür schnitt ihr das Wort ab.
Er fand sie draußen, auf und ab laufend, rauchend. Sie trug immer noch den Lederrock und das Mieder. Sie hatte Makeup aufgetragen, das jedoch durch den Bluterguss an ihrem Mundwinkel und die Blässe in ihrem Gesicht zerstört wurde.
Sie warf ihm einen Blick zu, der durch ihn hindurch zu gehen schien, und fuhr mit ihrer Wanderung fort. Saugte Rauch ein. „Nun, wenn das nicht mein weißer Ritter ist.”
Ihre Verachtung verbrannte und ängstigte ihn. Sie konnte nicht ruhig stehen, konnte ihm nicht in die Augen sehen; ihre Absätze trafen auf den Beton wie trommelnde Finger.
„Sie sollten wieder reinkommen.” Er stellte fest, dass er in den ruhigen Tonfall eines Arztes verfallen war.
„Warum? Damit ich mich an ihrer Schulter ausweinen kann?” Sie machte ein würgendes Geräusch. Ihre Augen suchten die Dunkelheit. „Verdammte Taxifahrer. Cozumel.”
„Miss Parker —”
„Nein.” Das Wort ging wie ein Stahlspeer durch ihn hindurch. Sie ließ ihre Zigarette auf den Boden fallen und zündete eine weitere an, noch bevor die alte ausgegangen war. „Ich brauche Ihr Mitleid, ihren Trost oder Ihre bevormundende Art nicht. Welche Fantasien Sie auch immer haben, dass ich in Ihre Arme falle oder so, das können Sie vergessen. Sie sind nicht Lanzelot, und Guinevere hat eine Waffe.”
Er sagte nichts. Er hatte sie noch nie so gesehen, so hart, so zerbrechlich. Ihre Augen schimmerten silbern im gedämpften Mondlicht, eine harte, metallische Farbe, und er brauchte eine Weile, um zu merken, dass es eine Tränenspur war.
„Ich will ihre Namen”, sagte sie. Eine leise, tödlich ruhige Stimme. Keine Bitte.
„Man kümmert sich bereits darum”, sagte er. Ihre Augen griffen nach ihm und hielten ihn mit einem kalten, gnadenlosen Starren fest.
„Atmen sie noch?” Ihre Stimme war Eis auf Samt. „Dann hat man sich noch nicht darum gekümmert.”
Er erblickte ein Taxi, das auf sie zukam, der Motor lief unregelmäßig, und einer der Scheinwerfer flackerte. Sie lief auf den Gehsteig. „Parker, warten Sie. Was werden Sie tun?”
„Lassen Sie mal sehen, meine Auswahl besteht darin, im wunderschönen Cozumel zu bleiben und mich von jedem Stecher bumsen zu lassen, oder ins Centre zurück zu gehen. Scheiß-Auswahl.” Sie rauchte ihre Zigarette auf. Ihre Finger zitterten. „Hasta la vista. Wenn ich Sie das nächste Mal sehe, werde ich versuchen, Sie nicht zu töten.”
Die Tür des Taxis ging auf. Er streckte den Arm aus, um ihr die Tür aufzuhalten, gab ihr aber nicht die Möglichkeit, sie zuzuziehen.
„Es tut mir leid, dass ich Sie stehen gelassen habe. Ich hätte bleiben sollen”, sagte er. Ihr Lächeln war wie eine Messerschneide, ihr Lippenstift hatte die Farbe von Blut.
„Was ist los, Jarod, haben Sie Ihre Chance verpasst?” Sie zögerte lang genug, um die Verachtung wirken zu lassen. „Oh, vielleicht liege ich ja falsch. Da war ich, ausgezogen und hilflos, wer merkt schon den Unterschied zwischen vier und fünf — War es nicht so? Konnten Sie schließlich Ihre kleine Fantasie ausleben?”
Sie erreichte, was sie wollte, verletzte ihn, ein Messer in seinem Herzen. Jarod atmete den Schmerz aus, den sie so tief in ihn getrieben hatte, und sagte: „Bitte gehen Sie nicht allein. Sie brauchen jemanden.”
„Ich brauche niemanden”, sagte sie. „Verschwinden Sie aus meinem Kopf.”
Sie schlug die Taxitür zu, und er ließ gerade schnell genug los, damit seine Finger nicht eingeklemmt wurden. Er beobachtete, wie das Taxi wegfuhr, lauschte auf den hohlen Klang der Reifen auf dem Kies und dachte, Sydney, ich brauche Dich. Ich schaff' das nicht allein.
Als ob er hinter ihm stehen würde, kam Sydney — der, an den Jarod sich aus seiner Kindheit erinnerte, aufmerksam, korrekt und analytisch. Sie dekompensiert, sagte Sydney mit seiner vollen, kaum akzentuierten Stimme. Es ist normal für jemanden mit Miss Parkers Persönlichkeitstyp, aggressiv auf diejenigen zu reagieren, die sie am meisten braucht. Sie kann nicht schwach sein, Jarod. Sie kann es nicht erlauben.
Was kann ich tun, um ihr zu helfen?
Nichts. Lass sie sich selbst erschöpfen. Einmischung ist unnötig und unklug.
Er begann zu wandern, die Hände in den Taschen, wohl wissend, dass Sydney Recht hatte — oder Recht haben würde. Aber das machte es kein Bisschen leichter.
Er blickte auf, als ein hustender Motor näher kam. Das Taxi kam zurück.
Parker öffnete die Hintertür, beugte sich heraus und sagte: „Steigen Sie ein.”
Sie sprachen nicht während der Fahrt. Jarod blickte sie nicht an, eine Gnade, für die sie dankbar war; sie konzentrierte sich darauf, sich selbst zusammenzuhalten, und rauchte wild, wie besessen, obwohl sie der Tabakgeschmack knebelte und ihr jeder Muskel weh tat von der Kombination aus der Droge, die man ihr in der Bar verpasst hatte und der Spritze, die diese Wirkung aufheben sollte. Ihre Zunge schmeckte wie Asche.
Das Taxi erreichte das Hilton; sie überließ es Jarod, das Fahrgeld zu bezahlen, und lief selbstständig in die billige, pseudo-tropische Lobby. Sie hielt bei den Fahrstühlen inne und ging dann zur Bar zurück.
Die hatte jetzt geschlossen. Hinter dem eisernen Tor leuchteten Lichter auf Flaschen und gestapelte Gläser, und alles sah durch die Linse ihrer Tränen kaleidoskopisch glitzernd aus.
Sie hörte Jarod hinter sich, zwinkerte kräftig und sagte: „Kommen Sie mit.”
Sie nahm ihn mit zurück in ihr Zimmer. Er hielt inne, als sie sich aufs Bett setzte und ihre Schuhe auszog — keine Unterwäsche, um die sie sich Sorgen machen musste, keine Strümpfe, die waren weg, schmückten nun wohl den Rückspiegel von einem aus dieser College-Bruderschaft. Von dem Gedanken wurde ihr übel genug, um töten zu können. Sie erinnerte sich daran, dass ihr Vater immer gesagt hatte, apropos nichts, manchmal gelingt Dir ein Streich, und manchmal wird Dir ein Streich gespielt.
„Kommen Sie her”, sagte sie zu Jarod. Er setzte sich neben sie, und plötzlich wurde ihr klar, dass sie allein waren, es war so schmerzhaft real, und sie wusste, wie sehr es ihn schmerzte, sie so zu sehen. Nicht so sehr, wie es mir weh tut. Er wollte, dass sie weinte, er wollte, dass sie in seine Arme fiel, weil ihm das etwas zu tun gab, etwas, was er in Ordnung bringen konnte. Jarod, der Heiler.
Aber so konnte man Miss Parker nicht heilen. Es gab nur eines, was sie tun konnte, ein blinder Griff, um die Vergangenheit hinter sich zu lassen.
Sie musste ihn, musste alle bezahlen lassen.
Sie legte ihre Hand auf Jarods Schulter, ließ sich auf die Knie herunter, drückte ihn zurück aufs Bett. Küsste ihn, so wie sie den Jungen an der Bar geküsst hatte, glatt, kontrolliert, nur Technik und keine Leidenschaft außer dem Gefühl der eigenen Macht über ihn. Jarod bebte, als ob er ihre Kälte fühlen konnte. Seine Hände glitten in ihr Haar, eine verwirrendes Prickeln von Wärme, verdammter Kerl, und sie warf sich hinein, verführte ihn mit präzisen Bewegungen, perfekten Küssen, ihre Hand berührte ihn in perfektem Timing, wann und wo sie wusste, dass er es am meisten wollte. Du magst das? Du willst das? Es bedeutet mir nichts.
Innerlich war sie kalt, wurde noch kälter, alle Feuer gingen aus, aber das war gut so, sie musste kalt sein, um das zu tun. Sie bewegte ihren Mund von seinem weg, an seinem Hals entlang, öffnete seine Hemdknöpfe und reizte seine Brustwarzen mit ihrer Zunge, fuhr nach unten hin weiter fort und dachte, es macht keinen Unterschied. Es hat nie einen Unterschied gemacht. Es wird nie einen Unterschied machen.
Er schüttelte sie. Schüttelte sie. Ihr wurde klar, dass er ihren Namen rief und ihr sagte, sie sollte aufhören.
„Was ist los?”, sagte sie. Inmitten dieser Kälte klang ihre Stimme hoch und falsch. „Wollen Sie mich nicht ficken, Jarod? Kommen Sie, wir wissen doch beide, warum Sie mir hierher gefolgt sind. Also bringen wir es hinter uns, denn ich schwöre Ihnen, es wird niemals wieder passieren.”
Er hielt sie fest, so wie sie über ihm war. Nach einer langen Zeit ließ er sie los. Sie setzte sich auf und öffnete den Reißverschluss ihres Oberteils, keine große Zeremonie, überhaupt kein Gefühl. Mach weiter. Schau.
Er machte nicht weiter. Er sah nicht von ihrem Gesicht weg.
„Sie können das nicht bedeutungslos machen, Parker”, sagte er. „Egal, wie sehr Sie es auch versuchen.”
„Gehen Sie”, sagte sie. Wieder bebend, die Erde brach unter ihr auf, und die ganze brisante Hitze und das Chaos kochten wieder hoch.
Jarod griff nach ihr und zog ihr Oberteil wieder zusammen; wo seine Fingerspitzen sie berührten, taute sie auf, und das tat weh, oh Gott, tat das weh.
„Lassen Sie nicht zu, dass die Ihnen das antun. Sie können abseits der Kameras Kontrolle ausüben, über Raines und all die Monster, die Ihnen Angst machen. Üben Sie sie aus.”
„Wollen Sie mich nun ficken oder nicht?”, wollte sie wissen.
Er beugte sich vor und küsste sie, sanft und warm. Sie versuchte, die Kontrolle zu behalten und merkte, dass es ihr nicht gelang. Sie konnte ihn nicht aussperren. Konnte es nicht. Alle anderen hatte sie auf Abstand von ihrem Inneren gehalten, und in ihrem einsamen, starken Inneren war sie niemals in Gefahr. Aber ihn konnte sie überhaupt nicht heraus halten.
Er beendete den Kuss, drückte seine Wange an ihre und flüsterte: „Ich kann Sie nicht so verletzen. Das haben Sie nicht verdient.”
Sie wickelte sich aus dem Bett, als die Tür zu ging, zog sich in ihren Schmerz zurück und hielt sich darin wie ein Kind.
Du Bastard, dachte sie.
Es brach ihr das Herz.
Jarod packte in aller Stille, unfähig, den Blick in Parkers Augen zu vergessen, die Angst, den Wunsch. Du hättest es einfach tun können. Vielleicht hat sie Recht, es einfach hinter sich bringen, das, was sie beide brauchten.
Nein. Er konnte nicht. Parker war seine andere Hälfte, getrennt von Kameras, Glas und ihrem eigenen Schmerz. Er konnte nicht zulassen, dass sie etwas anderes wurden, um zu vergessen.
Er nahm den silbernen Koffer mit seinem Gewicht aus Geschichte und DSA-CDs, seine ganze Vergangenheit, jede Stunde von jedem Tag, festgehalten für öffentliche Blicke. Er dachte daran, was er Parker über die Kameras gesagt hatte, und wusste, dass er Recht hatte. Sie konnte sie nicht vergessen. Das Bedürfnis nach Kontrolle war in ihnen beiden tief verwurzelt.
Es schnitt ihm ins Herz, sie zu verlassen, aber er wusste, dass er es tun musste. Wenn es irgend eine Hoffnung für einen von ihnen gab, gesund zu werden, musste es jetzt getan werden, bevor er vergaß, warum das wichtiger war als der Geschmack ihres Mundes oder die Berührung ihrer Hände.
Er wollte schon seinen Laptop herunterfahren, da stellte er fest, dass ihm eine neue Direkt-Nachricht angezeigt wurde. Er loggte sich ein, las die Nachricht und wusste, dass sie aus dem Centre kam, möglicherweise von Broots oder Sydney.
SWEEPER KOMMEN, UM DAS ZIMMER UNSERER GEMEINSAMEN FREUNDIN AUFZURÄUMEN. DER URLAUB IST NUN DAUERHAFT.
Die Nachricht zerstörte sich, sobald er sie gelesen hatte. Er starrte einige Sekunden lang auf den Bildschirm, bis ihm klar wurde, welches Datum sie gehabt hatte.
Gestern Abend. Sie waren schon da.
Parker rührte sich, als an ihre Tür geklopft wurde, kämmte sich Haare aus dem Gesicht und wischte Tränenspuren ab. Sie brauchte eine Dusche, um das Gefühl von klebrigen Händen auf ihr loszuwerden. Sie brauchte Make-Up und eine Nagelpolitur, einen strahlenden Mantel aus Lack gegen die Welt. Sie glitt aus dem Bett, zog den Gürtel um ihren Morgenmantel enger und ging zur Tür, um durch den Spion zu sehen.
Sie verstand nicht einmal bewusst, warum sie nichts sehen konnte, aber ihr Körper wusste es; es riss sie aus dem Weg, tauchte zum Sofa hin, als der Spion mit einem Glasschwall explodierte und eine gedämpfte Patronenkugel durch den Raum zischte, um in die hintere Wand einzuschlagen.
In dieser Sekunde wusste sie nicht, was los war, hatte keine Waffe, und sie hatte nichts zum Anziehen greifbar.
Sie kam in dem Moment auf die Füße, als die Tür erschüttert wurde und aufflog, angetrieben von einem Tritt. Drei Männer, in den üblichen nimm-mich-nicht-wahr-Anzügen des Centres. Sie bemerkten sie nicht.
Sie hatten alle Waffen.
Keine Konversation. Sie wusste das aus einem Blick in ihre Augen. Sie tauchte zwischen sie, der einzige Ort, an den sie konnte, schlug die Spitze ihrer Handfläche hart gegen eine Kniescheibe und hörte das Brechen. Er ging schreiend zu Boden. Sie griff unterwegs nach der Waffe und feuerte fast blind, schnurgerade, spürte das scharfe Brennen einer Kugel an ihrer Schulter, nur ein Streifschuss, ein naher Fehlschuss, bitte.
Der dritte Mann ging einen Schritt zurück, als der zweite fiel, sein halbes Gehirn an der Wand. Sie zielte, sah ihn ebenfalls zielen und wusste, dass sie möglicherweise beide sterben würden.
Jarod tauchte von der Tür her auf, rammte den Mann und brachte ihn zu Fall. Die Waffe fiel mit einem gedämpften Laut, und als Jarod aufstand, war sein Hemd blutgetränkt. Er hielt eine Hand an seine Seite.
Nicht von ihr, bitte —
Das Blut war von dem anderen Mann, der eine Kugel in den Bauch bekommen hatte und heftig blutete. Jarod ging wieder auf die Knie und übte Druck auf die Wunde aus, drehte sich zu Parker und sagte: „Krankenwagen. Beeilung.”
Der Mann, dessen Knie sie zerschlagen hatte, war ausgeschaltet wie eine Lampe. Sie stieg über ihn drüber zum Telefon und stellte fest, dass der, auf den sie geschossen hatte, tot war, und sie kannte ihn, sein Name war Pryce, sie hatten einen Tisch beim Mittagessen vor zwei Wochen geteilt.
Sie wählte die Notrufnummer. Während sie es zu Ende brachte, setzte sich Jarod zurück, bedeckt von Blut, sein Gesicht aschfarben. Er sah sie an und schüttelte den Kopf.
„Er hat versucht, mich umzubringen”, sagte sie. Es entzündete etwas in ihr. Rasende Wut. Sie ging zurück zu dem einzigen Mann, der noch lebte, hielt die Waffe an seinen Kopf und zögerte, bereit zu Töten.
Jarod zog sie zurück. „Er hat mich nicht gesehen.”
„Sie wollen um Ihrer beider Leben betteln?”
„Er hat es nicht getan.” Er streckte seine Hand nach der Waffe aus, aber sie stand auf und steckte sie in die Tasche ihres Morgenmantels. „Wir sollten gehen.”
„Waschen Sie sich ab”, sagte sie und fiel automatisch in ihre Rolle, in Miss Parker. „Und ich gehe in einem Morgenmantel nirgendwo hin.”
Während Jarod im Badezimmer war und dort das Wasser lief, wachte der Sweeper auf und verbiss sich einen erneuten Schrei. Parker legte ihre Hand auf das zerschlagene Knie und drückte, bis sie seine volle Aufmerksamkeit hatte.
„Wer?”, fragte sie. Seine Lippen hatten die Farbe von altem Haferbrei.
„Raines”, flüsterte er.
„Es ist Ihr Glückstag.” Sie rammte ihren Ellbogen in die Spitze seines Kiefers und schaltete ihn damit in dem Moment aus, als Jarod zurück kam.
Vor Jarod und ohne eine verdammte Kamera irgendwo auf der Welt, ließ sie die Robe fallen und zog ihre Unterwäsche an, lebhaft effizient, und erst, als sie die Bluse zugeknöpft und den Reißverschluss der Hose hochgezogen hatte, wurde ihr klar, dass sie nicht an die Bar, die Jungs und ihre eigene Verletzlichkeit gedacht hatte.
Jarod fand eine Stadt in siebzig Meilen Entfernung, in der Nähe von Chichen-Itza, mit einem verschnörkelten spanischen Gasthaus, das Parkers Liebe für Geschichte entsprach. Sie nahmen getrennte Zimmer, die über eine Tür miteinander verbunden waren, und für eine Weile saß sie da mit den Füßen auf der Fensterbank und blickte hinaus in den klaren, gekrümmten Himmel, die heiße, goldene Sonne, die saftiggrünen Baumreihen.
Es war schön. Die ganze Zeit, und sie war nicht in der Lage gewesen, es zu sehen, hatte sie durch die Brille ihrer eigenen Enttäuschung und ihres Ärgers geblickt.
Jarod tappte gegen die Tür zwischen ihren Zimmern. Sie beugte sich hinüber, um sie zu öffnen, als er zwei große Margaritas herein brachte, die Gläser vor Kälte beschlagen und mit Salz überkrustet.
„Ich dachte, wir könnten nochmal von vorn anfangen”, sagte er, und reichte ihr einen. „Hallo. Wie war Ihr Tag?”
Sie sagte nichts, beobachtete ihn nur, wie er sich ihr gegenüber hinsetzte. Wind zerzauste sein Haar. Er hatte sein blutgetränktes Hemd gegen etwas Lockeres und Weißes getauscht, das seine Augen noch dunkler erschienen ließ.
„Wussten Sie, dass sie versuchen würden, mich zu töten?”, fragte sie, und trank einen Schluck. Die Limone und der Tequila wuschen den bitteren Geschmack von Schießpulver weg, die letzten Reste von Erniedrigung und Angst.
„Sie wurden vom Centre weggeschickt. Wenn sie es versuchen wollten, war das die perfekte Gelegenheit. Werden Sie zurückgehen?”
„Nein, ich dachte, ich lasse Raines ein wenig schwitzen. Seine Männer tot, ich frei — man weiß nie, wo so eine Sache steht. Ich werde meine volle Zeit in der Hölle von Cozumel verbringen, es gibt keinen Grund dafür, jetzt zurück zu gehen.” Als er nichts sagte, schloss sie ihre Augen, lehnte ihren Kopf der kühlen Brise entgegen und sagte: „Das wird immer komplizierter, oder?”
„Das Leben ist so.”
Er legte seine Hände auf ihre nackten Füße und erschreckte sie damit so sehr, dass sie ihre Augen öffnete. Seine Haut war kühl und etwas feucht von dem Margarita, den er in der Hand gehalten hatte, und er massierte ihre Knöchel mit sanften, langsamen Strichen, genau da, wo sie weh taten. Genau da, wo es immer weh tat.
„Ich habe Angst vor Ihnen”, sagte sie. Sie überraschte ihn, das konnte sie sehen, und verletzte ihn auch ein wenig. „Wenn ich bei Ihnen bin, verliere ich mich selbst.”
„Vielleicht haben Sie nur Angst davor, herauszufinden, wer Sie wirklich sind.”
„Tiefschürfend”, sagte sie mit einer Spur ihrer üblichen Kälte. „Nicht hilfreich.”
Sie saßen eine Weile schweigend, beobachteten, wie der Sonnenuntergang sich über den Himmel bewegte, und nach einer Weile sagte sie: „Ich versuchte, aus Ihnen etwas zu machen, das nicht zählt. Sie wussten das, oder?”
Er lächelte. „Zähle ich denn?”
„Und ich?”
Das Lächeln verblasste. „Ich wuchs in einem Zimmer auf, in dem ich nur Sydney als Gesellschaft hatte. Das einzige Mädchen, das ich je kannte, das einzige, das ich je berührte, waren Sie. Beantwortet das Ihre Frage?”
„Lassen Sie meinen Fuß los”, sagte sie. Er tat es. Sie ließ ihre Beine herunter und saß einen langen Moment lang, blickte ihn an, der Wind war zwischen ihnen wie die Geheimnisse. „Ich habe drei Wochen, Jarod. Und dann kehren wir zu dem zurück, was wir vorher waren. Das hier kann das nicht ändern. Ich muss hinter Ihnen her sein, und ich muss versuchen, Sie dorthin zurück zu bringen, wo Sie hingehören.”
„Ich weiß.” Er meinte sowohl 'ich vergebe Dir' als auch 'versuch Dein Bestes'. „Ich werde auch nicht aufgeben.”
„Dann sind wir uns ja einig.”
Und dann beugte sie sich vor und legte ihre Lippen auf seine. Wie sie es noch nie zuvor getan hatte, kein Plan, keine Technik, nichts als Instinkt. In ihr zerbrach Felsgestein, und diesesmal ließ sie es zu, ließ das Chaos hochblubbern. Diesesmal war nichts zwischen ihnen, kein Glas, keine Mauern, keine Kontrolle.
Und für diesen Moment war das in Ordnung.
