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Pretender: Nah

Eine Pretender-Fanstory von Julie Fortune, ins Deutsche übersetzt von Frosch


Leute störten immer. Es war so gemein, beim schwierigsten Teil der Aufgabe unterbrochen zu werden. Das wirklich Gute passierte schließlich nicht von allein; es brauchte Fähigkeit, Geduld und große Hingabe.

Und nun war er unterbrochen worden, genau im Moment der Wahrheit. Da kamen eilige Schritte, und es war keine Zeit zum Beenden.

Carl legte den blau-weißen Arm des Körpers zurecht, stellte sicher, dass es der perfekte Winkel war, und drückte sich in die Schatten hinter eine stinkende, rostige Mülltonne, als die eiligen Schritte um die blinde Ecke der Allee kamen. Sie verlangsamten sich und hielten schließlich an, und Carl hörte jemanden hart atmen, dann aufstöhnen.

Carl lächelte zufrieden. Ja, das passte. Sein Besucher sollte stöhnen, wenn er die Perfektion sah, die Großartigkeit seines Genies, das die Szene geschaffen hatte.

„Oh Gott”, flüsterte der Mann. Carl riskierte eine leichte Bewegung, so dass er den bleichen Arm des Körpers und den Mann, der neben ihr kniete, sehen konnte. Es war schwer zu sagen, wie groß der Mann war, aber er sah Filmstar-mäßig gut aus, und er war ganz in Schwarz gekleidet, das sich mit den Schatten mischte. Straßenlampen ließen eine schwarze Lederjacke weich glänzen, sodass sie aussah, als sei sie nass.

Der Mann begann, den Körper zu berühren, zog sich dann aber zurück. Nun, es war unmöglich, zu glauben, dass sie trotz allem noch am Leben war. Carl nahm das als Hommage an die Perfektion des Moments an, den er geschaffen hatte. Es war nicht erlaubt, sie zu berühren, nein. Niemand durfte es berühren außer ihm.

Es kamen noch mehr rennende Schritte aus der Ecke der Allee, und das war schlecht. Wenn der Mann ein Krimineller war, der gejagt wurde ... Carl spürte plötzlich Gefahr und suchte nach einer Möglichkeit, in die Schatten zu gleiten und zu verschwinden. Es gab keine. Er war gefangen, wo er war. Gefangen, gefangen, gefangen ... er musste bleiben. Er musste es beenden.

Der Mann hörte die Schritte ebenfalls; sein Kopf ruckte nach oben, und die Straßenlaternen ließen etwas schimmern, was Tränen in seinen Augen sein mochten. Er machte ein raues, frustriertes Geräusch und rannte weiter und wich dabei dem Körper und dem Blut, das um ihn herum wie schwarzer Kirschsaft glitzerte, aus.

Carl hielt den Atem an, als die Verfolger des Mannes um die Ecke kamen. Keine Polizei. Bitte, keine Polizei.

Und es war keine. Zwei schwere, muskulöse Männer in Anzügen, die Waffen trugen, aber ohne dieses Donut-Laden-Verhalten der Polente. Sie starrten ein paar Sekunden lang schweigend Carls Tableau an, perplex, bevor die Schritte einer dritten Person um die Ecke kamen und verlangsamten.

Die Stimme einer Frau sagte: „Was zum Teufel ist mit Euch Idioten ...” und verfiel für einige lange, süße Herzschläge in Schweigen. Als sie fortfuhr, war ihre Stimme leiser und wesentlich rauer. „Oh Gott.”

„Wir haben sie nur gefunden”, sagte einer der Männer. „Was sollen wir tun, Miss Parker?”

Sie ging nach vorn in das Licht der Straßenlampe und kam damit in Carls direktes Blickfeld. Er ließ seine Luft mit einem unhörbaren Stöhnen aus, denn sie war perfekt. Groß, dunkelhaarig, mit der aufregenden entfernten Schönheit einer lebenden Puppe.

Nein, keine Puppe. Sie trug eine Waffe, genau wie ihre menschlichen Wachhunde.

Ihr Gesicht zeigte keine Regung, als sie auf Carls perfekt arrangierte Szene herabstarrte. Keine Angst, keine Abscheu, keine Bewunderung. Sie war so entfernt und unerreichbar wie die Sterne.

„Gehen Sie Jarod suchen”, sagte sie, ohne aufzusehen. Die Männer zögerten, und sie ruckte ihren Kopf hoch und blickte sie so eindringlich an, dass Carls Puls zu springen und zu toben anfing.

Sie gingen, ihre Füße hämmerten hart auf dem Straßenbelag, und die schöne Miss Parker beugte sich an der Seite der Leiche in eine graziöse Hocke. Anders als der Mann, den sie jagte, zögerte sie nicht, die fahle, grau-weiße Haut am Handgelenk zu berühren, um nach einem Puls zu fühlen, der nie wieder schlagen würde. Oh, sie war schön. Schön und stark. Perfekt. Sie konnte einen anrühren. Ja, sie konnte alles anrühren.

Carls Befriedigung mit dem Tableau war angesichts dieses neuen Wunders verschwunden. Dieses Ding auf dem Boden war tot und vergangen, seine Fantasievorstellung war mit ihr draufgegangen. Diese hier erschien ihm lebendig und aufregend echt, so wie es nur wenige Dinge waren. Wenn ich sie berührte, würde ich es wirklich fühlen? Denn das hatte er nie, wirklich, es war alles nur eine Empfindung ohne Bedeutung. Aber sie könnte anders sein. Ja. Sie würde anders sein.

Er setzte dazu an, einen Schritt vorwärts zu machen, aber ihr Kopf kam nach oben, als ob sie das scharfe Messer in seiner Hand gespürt hätte. Die Waffe kam in einer lässigen, eleganten Bewegung nach oben und verfolgte eine unsichtbare Bedrohung.

Kann sie mich treffen, bevor ich sie erreiche? So ein eindringlicher, faszinierender Gedanke, aber dann erkannte er, dass sie gar nicht auf ihn reagierte. Da waren ferne Schritte, die näher kamen. Auf das Scharren von Schuhen auf dem Asphalt hinter ihr drehte sich Miss Parker um, immer noch in der Hocke, und zielte auf den ankommenden Fremden. Sie seufzte und stand mit einer Grazie auf, die Carl schwindlig werden ließ.

„Sydney”, sagte sie. Ein älterer Mann gesellte sich zu ihr und sah auf die Leiche herab. Er hatte ein intelligentes Gesicht, das aber nur wenig verriet; nur in der Anspannung um seine Augen herum konnte Carl sehen, dass sein Tableau ihn traf. Dieser Sydney hatte ... wie war das Wort? ... Aplomb.

Miss Parker sagte: „Sagen Sie mir, dass das nichts mit Jarod zu tun hat. Bitte.”

„Ich glaube nicht, dass dem so ist”, sagte der Mann namens Sydney, und lief langsam um das Tableau, aus Carls Sichtfeld. Er hatte eine kräftige, langsame Stimme, und sie erinnerte Carl an jemanden, den er einmal gehasst hatte. Inzwischen natürlich tot. Wenn er sie jemals gehasst hatte, waren sie tot. Obwohl, wenn er das so sah, hatte er das natürlich zu seiner Aufgabe gemacht.

„Nun, das kann nicht unsere Aufgabe sein”, sagte Miss Parker. Sie klang nicht überzeugt. „Oder?”

Sydney seufzte. „Nein. Wir sollten gehen, bevor wir weitere Spuren an diesem Tatort hinterlassen.”

„Rufen Sie die Polizei, Syd.” Zum ersten Mal hörte Carl einen Anflug von Emotion in ihrer Stimme und war erfreut. Nicht nur schön, sondern auch empfindsam. „Sie ist jemandes Tochter. Jemand liebt sie. Wir können nicht einfach weggehen und sie hier liegen lassen.”

Sydney zog ein Handy aus seiner Tasche und wählte. Als er mit der Polizei sprach, ging Miss Parker wieder in die Hocke und starrte den Körper an. Sah sie einen Mangel? Keine Sorge, dachte Carl zu ihr. Ich kann es besser. Nächstes Mal werde ich es besser machen.

Er fühlte einen kalten, aufregenden Moment der Angst, als ihre Augen in seine Richtung schweiften, aber sie konnte ihn in den tiefen Schatten nicht sehen. Ich kann Dich sehen, mein Schatz. Ja. Ich kann Dich seeeeehen ...

Miss Parker stand auf, als Sydney das Gespräch beendet hatte. Sie schob ihre Waffe ins Holster. Ohne ein Wort liefen die beiden weg, um die Leiche herum, in die Richtung, in die ihre Wächter und der erste flüchtende Mann verschwunden waren.

Miss Parker, dachte er völlig entzückt. Er zählte bis sechzig, kam dann aus den Schatten heraus und begann, in die selbe Richtung zu laufen, in die sie gegangen waren.

Sie würde die beste werden.


Dreckiger, schmutziger, widerlicher, mordender Bastard.

Miss Parker ließ ihren Abscheu aus ihrem Körper fließen, explodierte in Boxhieben und Tritten, die voll wilder unterdrückter Energie waren. Ihr Trainer ging einen Schritt zurück, sie peitschte durch einen Rundumtritt und rammte die Seite ihres Fußes in ein gepolstertes Ziel. Der gedämpfte Aufschlag hallte durch den kleinen, stickigen Raum.

„Genug”, sagte Kenneth Fu. Sie schüttelte den Kopf und saugte tiefe Atemzüge schweißdampfender Luft ein. Sie wandte sich einem anderen Ziel zu und begann zu boxen, hart und schnell, und fühlte Schweiß, der an ihrem Rücken, ihren Armen und unter ihrem beengendem Sport-BH zwischen ihren Brüsten herabrann. Verdammt soll er sein. Verdammt zur Hölle!

Sie war sich nicht sicher, wen sie verdammte — den Killer oder Jarod. Jarod dafür, dass er sie in diese Allee gelockt hatte, an diesen grauenhaften Ort, der nach Tod und Boshaftigkeit stank. Den Killer dafür, wer — nein, was er war.

„Genug!”, befahl Kenneth wieder. Sie schüttelte schweißdampfende Haare aus ihren Augen und boxte fester, sodass der Beutel zurückwich und hüpfte.

Er stoppte sie mit einem einfachen, kräftigen, zweckmäßigen Schlag auf ihren Hintern, der sie auf den gepolsterten Boden warf. Sie rollte sich ab, kam hoch, bereit zu kämpfen, und schnappte einen Moment nach Luft. Kenneth war nicht in Kampfposition. Er sah nur beleidigt aus.

„Sie können mich dafür bezahlen, dass ich Sie in Form bringe, nicht dafür, dass Sie sich selbst zerlegen”, sagte er. „Genug.”

Er war kein großer Mann, aber er war standfest wie die Chinesische Mauer. Sie hatte gelernt, ihn nicht zu unterschätzen, nicht nur seine Kraft — die die ihre mindestens um das Vier- bis Fünffache überstieg —, sondern auch seine Beweglichkeit und Willenskraft. Wenn Kenneth diesen Ton anschlug, meinte er es ernst.

Sie hielt inne. Sie beugte sich vor, legte ihre Hände auf ihren gebeugten Knien ab und sah zu, wie Schweißtropfen aus ihrem Haar auf den Boden fielen, als sie atmete. Jeder einzelne Muskel tat ihr weh, und in einigen fühlte sie das verräterische Brennen der Überanstrengung. Nach etwa einer Minute begann sie mit den Streckübungen, die ihr später ihre Beweglichkeit sichern sollten. Kenneth reichte ihr ein Handtuch und kritisierte missbilligend ihre Haltung.

„Wollen Sie es mir sagen?”, fragte er schließlich.

„Das wollen Sie nicht wissen.” Sie war hereingeplatzt, sobald das Flugzeug aus Seattle gelandet war, hatte eine tierisch heiße Dusche genommen, sich in den Sport-BH und schwarze Spandex-Hosen geworfen und war hergekommen, um ihren Körper zu misshandeln. Er hatte zuerst versucht, sie zu beurteilen, gab dann aber auf, als er sah, wie groß ihre Frustration war. „Eine Leiche.”

„Und Sie wollen Vergeltung dafür”, sagte er. „Was wollen Sie von mir, so einen althergebrachten chinesischen Aphorismus? Oder wie oder was?”

„Schlagen Sie mich, Sensei.

Er lachte. Sie wischte sich den Schweiß aus ihrem Gesicht und dem Nacken und schauderte, als ihr Körper abkühlte. Keine Spur von Jarod in Seattle, natürlich. In welches Loch auch immer er verschwunden sein mochte, er hatte es hinter sich zugezogen.

Sie konnte ihre Gedanken nicht davon abwenden. Wie sie um die Ecke kam — die kurze Irritation ihrer Männer fühlte, die nur dastanden und glotzten —

Und dann das tote Mädchen, nackt auf einem weißen Laken liegend, ihr Blut um sie herum verspritzt wie auf einer abstrakten Leinwand. Ihr rasierter Kopf sah so verwundbar aus, ihr langes dunkles Haar war um sie herum wie exotische Federn verteilt. Schwarze, gleißende Stichwunden —

Scheiße, sie brauchte schon wieder etwas zum Draufschlagen. Sie schloss ihre Augen und konzentrierte sich darauf, ihre Sehnen zu strecken.

„Sie sehen eine Menge schlimmer Dinge”, sagte Kenneth, nun nicht mehr lachend. „Sie können sie nicht mit hier herein bringen. Das ist schlecht für Sie, es ist schlecht für ihren Blick. Verstehen Sie?”

„Ja”, sagte sie. „Tut mir Leid, Sensei.”

„Es soll Ihnen nicht Leid tun. Sie sollen es besser machen.”

Sie nickte ihm zu, ein formelles Nicken eines Schülers zu seinem Meister. Er lief hinaus und ließ sie zurück, ihre Zehen betrachtend und sich daran erinnernd, wie kalt sich die Haut des Mädchens angefühlt hatte, wie unwirklich es sich angefühlt hatte, als es geschehen war. Sie hatte den Tod schon früher gesehen. Nach den Vorstellungen der meisten Leute war sie ein hartherziges Miststück.

Und doch ...

Jarod hatte es auch gesehen. Die Qual musste durch ihn hindurch gegangen sein wie ein erhitzter Speer. Eine weitere Eigenschaft, die sie gemeinsam hatten, während andere, inklusive ihrer Sweeper, es als bizarr und geschmacklos abgetan hatten. Sie fragte sich manchmal, warum sie einige Dinge so sehr trafen. Hatte sie wirklich ein gewisses Pretender-Potenzial, oder benahm sie sich nur — wie ihr Vater einmal gesagt hatte — wie ein kleines Mädchen? Dieser Vorwurf war das Ende der süßen, kleinen, unterwürfigen Miss Parker gewesen, erinnerte sie sich. Im Alter von zwölf, an der Grenze zur Pubertät, hatte sie ihre Rüstung angelegt, war in den Krieg gezogen und hatte nie zurückgesehen.

Benehmen wie ein kleines Mädchen. Ich WAR ein kleines Mädchen, Daddy.

Sie atmete tief ein, fühlte das warme Strecken bis in ihre Zehen und kletterte schließlich auf ihre Füße zurück, um Kenneth die formelle Verbeugung zu geben, um die Sitzung zu beenden. Er gab sie zurück, lächelte und sagte: „Schlagen Sie die Steine.”

Sie ging zurück zu den Duschen und schrubbte den Schweiß und den Ärger weg. Als sie herauskam, wurde es schon spät, der Sonnenuntergang war eine gestufte Anordnung von orange, violett und rot am Horizont. Wolken hingen tief am Horizont. Der Gymnastikbeutel in ihrer Hand war leicht genug, aber was sie trug, drückte sie herab: Ein taillierter Hosenanzug, eine flammendrote Seidenbluse, italienische Lederstiefeletten, ein typisches Schulterholster, eine Neun-Millimeter-Handwaffe.

Ihre Centre-Uniform.

Ihr Handy klingelte, als sie den Gymnastikbeutel auf dem Rücksitz verstaute. Sie ließ es mit einer Hand aufschnappen und lehnte sich gegen das sonnengewärmte graue Metall des Mercedes.

„Parker”, sagte sie. Keine Antwort. „Hallo?”

Immer noch keine Antwort, obwohl sie das eindeutige Rauschen einer offenen Verbindung hörte. Sie zog irritiert die Stirn in Runzeln und sagte: „Jarod? Die Schweigemasche zieht bei mir nicht, also werden Sie mich entschuldigen, wenn ich ...”

„Liebling”, sagte ihr Vater. Er klang alt und müde. „Tut mir Leid, ich habe erst noch ein anderes Gespräch beendet. Wie geht es Dir?”

„Gut, Daddy.” Er rief nie an, nur um sie zu fragen, wie es ihr ging. „Was ist los?”

„Oh, nichts. Du hast ihn fast erwischt, habe ich gehört. Nun, beim nächsten Mal, Prinzessin. Nächstes Mal. Hör zu, ich dachte, ich könnte Dich um einen kleinen Gefallen bitten.”

„Natürlich.”

„Ich brauche Dich, um Dr. Raines rauszubringen”, sagte ihr Vater. Sie öffnete ihren Mund, starrte fest in den Sonnenuntergang und zwinkerte. Nein, sie hatte das nicht gehört. Schlechte Verbindung.

„Ich hoffe, Du meinst Abendessen und einen Film”, sagte sie. Eine heiße Nachmittagsbrise ließ ihre Haare flattern, zogen an ihrem Revers und bewegte die hohen Pinien nahe der Küste. Das Centre war fünf Minuten den windigen Küstenweg hinunter entfernt. Sie hörte das Klatschen der Wellen auf Sand, und das Schweigen ihres Vaters.

Schweigen.

„Daddy —” Ich bin nicht Dein gottverdammter gedungener Mörder! „Daddy, verlang' das nicht von mir. Bitte.”

„Liebling, dieser keuchende Bastard sitzt mir schon zu lange im Rücken. Zu lange! Er denkt, er kann mich manipulieren, nun, er ist dieses Mal einen Schritt zu weit gegangen. Kümmere Dich drum, es ist mir egal, wie Du es anstellst, und ich muss die Einzelheiten gar nicht wissen.” Seine Stimme hatte eine stählerne Schärfe angenommen. Das war kein Gefallen, das war ein Befehl. „Treffen wir uns morgen beim Abendessen?”

„Nein”, sagte sie. „Nein, ich wäre dazu nicht fähig.”

Sie hörte, wie er auflegte, und zum zweiten Mal an diesem Tag überkam sie dieses Gefühl von Unwirklichkeit. Die Wellen brachen sich in einiger Entfernung, die Pinien raschelten, die Brise strich warm über ihr Gesicht wie die Hand eines Liebhabers.

Dr. Raines rausbringen. Sie war nur eine weitere Spielfigur auf dem Schachbrett geworden, um bewegt oder geopfert zu werden, wie die Situation es gerade erforderte. Außerdem hatte Daddy ja nun einen Sohn. Töchter waren nicht nur sekundär, sie waren überflüssig.

Wenn er wirklich ihr Vater war. Jarod hatte sie sogar darüber zweifeln lassen, der verdammte Kerl. Nun, was ist schlimmer, wenn er nicht Dein Vater ist, oder einen Vater zu haben, der von Dir erwartet, dass Du auf seinen Befehl hin tötest?

„Gott”, flüsterte sie, und wollte ihr Gesicht mit beiden Händen reiben, aber ihr Makeup war zu frisch, und sie war beherrscht genug, um mit sich selbst nachsichtig zu sein. Ihr Vater hatte ihr gerade einen direkten Befehl gegeben, von dem sie sehr genau wusste, dass sie ihn nicht ausführen konnte. Sie könnte einen Sweeper damit beauftragen, überlegte sie. Er wollte die Einzelheiten nicht wissen. Aber wären ihre Hände — ihre Seele — wirklich sauberer, wenn sie nicht selbst abdrückte?

Sie brauchte ein Wunder. Aber aus ihrer langen Erfahrung wusste sie, dass Wunder im Centre dünn gesät waren, insbesondere, seit sie Jarod verloren hatten.

Sie unterbrach sich dabei, als sie das Telefon in ihre Tasche zurückstecken wollte.

Jarod verloren.

Sie hatte einen Gedanken gehabt, etwas, was so schnell an ihr vorbeigeflogen war, dass sie nur eine Ecke davon hatte sehen können. Etwas über Jarod. Etwas über ... über ...

Etwas über das junge Mädchen, das tot in einer künstlichen Pose in der schmutzigen Allee lag. Was hatte ihr Vater gesagt? Du hast ihn fast erwischt. Ja, das hatten sie. Sie waren so dicht rangekommen, dass sie noch sein Rasierwasser riechen konnte, sein Bett war noch warm gewesen.

Das Mädchen. In der Allee. Sydney, sagen Sie mir, dass das nichts mit Jarod zu tun hat.

Es hatte nichts mit ihm zu tun gehabt, aber es hatte jetzt mit ihm zu tun. Jarod hatte es gesehen. Er hatte die selbe, brennende Spitze gefühlt. Sie kannte ihn, sie wusste, dass er emotional nicht dazu in der Lage war, einfach davor wegzulaufen. Sie hatte die selbe Versuchung gefühlt, den dummen, sinnlosen Tod des Mädchens zu rächen.

Sie starrte in den Sonnenuntergang, und zum ersten Mal in einem langen Leben rundeten sich ihre Lippen zu einem vollen, herzlichen Lächeln. Sie wusste, wo Jarod war. Oder wo er bald sein würde.

Und wenn das kein Wunder war, dann wusste sie nicht, was eines war.


Sie sagte im Centre nicht Bescheid, wohin sie ging. Dafür gab es zwei Gründe: Zum einen, dachte — nein, wusste — sie, dass Jarod sehr genau darüber Bescheid wusste, was im Centre vor sich ging, und wenn sie die üblichen Kanäle benutzte, mochte sie ihre einzige Chance vergeuden.

Der zweite Grund war rein persönlich. Sie schlief, träumte von Jarods Haut und Händen und dem Geschmack seines Mundes, bevor das Flugzeug auf dem Wasser-Landeplatz landete. Es störte sie, unbewaffnet zu reisen, aber das war nur eine Vorsichtsmaßnahme, weil sie nicht den Firmenjet benutzen konnte; sie hatte ihre Waffe, sicherheitshalber ungeladen, zusammen mit ihrem Makeup in ihren Koffer gepackt. Die Landung war unspektakulär, genauso wie ihr Ausstieg und ihr Weg vom Landeplatz zum Terminal.

Am Terminal wurde es allerdings schnell so richtig interessant.


„Was meinen Sie damit, meine Tasche wurde nach Tucson geschickt?”, verlangte sie zu wissen, und lehnte sich so weit über den Tresen, dass es aussah, als ob sie ihn überspringen wollte. Der Kundendienstler von America Airlines — jung, männlich und schlotternd — ging einen Schritt zurück, hielt sich fest und versuchte, zu lächeln. „Wagen Sie es nicht, mich anzulächeln, Wunderknabe, erklären Sie mir lieber, warum mein Koffer in Tucson ist, um Gottes Willen!”

„Es tut mir sehr Leid, Ma'am”, sagte er. Und sie hätte ihm sagen können, dass es ihm allerdings sehr Leid tun würde, wenn Miss Parker wie Vesuv vor seinem Arbeitsplatz explodierte. „Wir haben ihn zurückgeschickt, er sollte nicht später als morgen um 18:00 Uhr hier sein —”

Das reichte. Sie langte hinüber, schnappte ihn an seinen Revers' und schleppte ihn halb wieder zu sich. Er versuchte, ihrem Griff zu entkommen, und fror dann nach einem Blick in ihre Augen ein.

„Hören Sie”, sagte sie sehr sanft, mit leiser Stimme, wie Samt, der über rauen Stahl gezogen wurde. „Ich bin FBI-Agentin. Meine Waffe ist in dieser Tasche, und Sie werden sie mir beschaffen. Sofort. Denn es werden Köpfe rollen, wenn Sie es nicht tun, und Ihrer wird als erster in der Guillotine stecken, ist das klar?”

Er nickte, während sein Adamsapfel konvulsiv auf und ab zuckte. Seine zimtfarbenen Sommersprossen stachen aus einem käseweißen Gesicht. Ein Rotschopf. Sie mochte Rothaarige. Rothaarige, die taten, was sie sollten, mochte sie noch lieber.

„Ich werde im Bellevue Club Hotel sein”, sagte sie. „Es ist mir egal, ob sie eine Niere aus einem CareFlight kicken müssen, aber mein Koffer wird morgen früh bei mir sein. Verstanden?”

„J-ja, Ma'am.”

„Gute Antwort”, sagte sie und ließ ihn los. Sie drehte sich um, ohne abzuwarten, ob er zusammenbrach, und lief schnell über den bevölkerten Platz, hinaus in die kühle Bergluft, und eine wartende Schlange von Taxifahrern war bereit, sie überall hin zu bringen. Sie nahm das erste, das sauber aussah, stieg ein und sagte: „Bellevue Club Hotel.”

„Keine Taschen?”, fragte er sie. Ein schmuddeliger kleiner Mann mit einer Golfkappe, die nun wirklich niemand mehr trug außer Taxifahrern. Sie spießte ihn mit einem Blick auf und war irritiert darüber, dass er kicherte. „Junge, Junge. Willkommen in Seattle, Süße.”

Sie ließ ihm die „Süße” nur durchgehen, weil sie ihre Kräfte sparen musste. Sie wollte ihre Waffe, sie wollte ihr Makeup, und am meisten wollte sie Jarod.

Auf verschiedene Weise.

Aus dem Fenster zu sehen verlor schnell seinen Reiz, denn es gab nichts zu sehen außer Lichtern und einem milchigen, wolkenverhangenen Himmel, und darunter die Neonlichter der Stadt. Sie sah auf die Uhr. Sie hatte Zeit damit verschwendet, hierher zu kommen, eine Menge Zeit; auf der Welt, die an der Ostküste weiter in Richtung Mitternacht sank, war es trotzdem erst 20:00 Uhr. Seattle-Zeit. Sechs Stunden in der Luft, und es war immer noch Abendessenszeit.

Wo war Jarod? Was würde er essen?

Sie lehnte sich plötzlich nach vorn, klopfte gegen die Scheibe, die sie vom Fahrer trennte, und sagte: „Ich habe es mir anders überlegt. Bringen Sie mich zu dieser Adresse.”

Sie las sie von einem Stück Papier in ihrer Tasche ab. Sie hatte nicht vorgehabt, vor dem Morgen dorthin zu gehen, aber die Nacht war jung, und die Spur konnte nur noch kälter werden.

„Übler Stadtteil”, sagte der Fahrer warnend. „Nette Lady wie Sie —”

„Fahren Sie einfach.”

Er hatte den Hinweis verstanden. Keine weitere Konversation, als sie durch Gassen, Bögen und enge Straßen fuhren, durch unerwartete Nebelbänke, und schließlich vor einem Laden mit einbruchssicheren Stangen und einem GESCHLOSSEN-Schild, das an einem Winkel der Tür hing, ankamen.

„Warten Sie”, sagte sie.

„Lady, ich habe noch andere Fahrgäste!”

Sie zeigte ihm eine Hundert-Dollar-Note, sah ihm in die Augen und sagte: „Warten Sie.”

Er wartete. Sie lauschte auf das Leerlaufgeräusch des Motors, als sie auf dem schmutzigen Gehsteig zu der Tür lief. Es sah verlassen aus. Sie schlug mit der Faust gegen das Glas, wartete, und schlug dann nochmals dagegen. Schließlich kam aus dem Hintergrund ein Licht.

„Jau?”, sagte eine Stimme neben ihr. Sie sprang auf, blickte nach unten und sah eine Gegensprechanlage, die halb von einem Mauerstein verdeckt wurde.

„Adrian?”

„Kenn' ich nich'.”

„Witzig”, sagte sie. „Ich kenne Ihren Namen vom Centre.”

Ein langes Summen an der Tür, als das Schloss freigegeben wurde.

Als sie hineinschritt und das Schloss hinter sich klicken hörte, hoffte sie, dass Broots es richtig verstanden hatte, wenigstens dieses eine Mal, denn ihr war durchaus klar, dass sie als Frau allein in schlechter Nachbarschaft war, ohne die freundliche Begleitung einer warmen Neunmillimeter unter ihrem Mantel.

Aber sie machte sich nicht wirklich Sorgen. Trotz all seiner Macken verstand Broots nur selten etwas falsch.

Adrian kam aus dem hinteren Zimmer. Er hätte die Vorlage für ein Poster der Arischen Bruderschaft sein können, kahlgeschoren, überdeckt mit blauen Tätowierungen, die sie an Dornen und Stacheln erinnerten.

Er sagte kein Wort.

„Ich brauche eine Identität”, sagte sie. „Und stellen Sie keine Fragen.”

Er hatte ein überraschend nettes Lächeln. „Meine Süße”, sagte er, „die einzige Frage, die ich stelle, ist bar oder Kreditkarte.”


Es dauerte über eine Stunde lang — ein überraschend kurzer Zeitaufwand, dachte sie, für eine so professionelle Erledigung. Sogar den Berechtigungsausweis konnte sie unter dem gnadenlosen Licht nicht von einem echten unterscheiden. Auch ihr Bild sah authentisch unattraktiv aus. Sie nickte, ließ die Ledermappe in ihre Tasche gleiten und holte Banknoten aus ihrer Geldrolle.

„Haben Sie eine Mitfahrgelegenheit?”, fragte Adrian, als er das Geld in die Brusttasche der kragenlosen Jeansjacke stopfte. Die Tätowierung auf der rechten Seite seines Halses, fiel Miss Parker auf, stellte einen Totenkopf dar. „Denn ich könnte Sie fahren, wenn Sie wollen.”

„Ich habe ein Taxi”, sagte sie. „Danke.”

„Wenn Sie was brauchen —”

„Ich werde anrufen”, log sie. Adrian war zu groß, zu muskulös, und für ihren Geschmack viel zu stark tätowiert. Sie würde sich in seinen Händen wie ein Spielzeug vorkommen.

„Weil da so'n Psycho in der Stadt ist”, fuhr er fort. „Geht Frauen nach.”

„Das ist bei Psychos so üblich.” Auch bei glatzköpfigen, tätowierten Motorradfahrern.

„Nun, ich denke nur, Sie wären besser dran, wenn Sie einen Leibwächter hätten.” Er spannte anzüglich einen Arm an. Das Ergebnis war entweder beeindruckend oder beängstigend, aber sie wusste nicht so recht, was davon zutraf.

„Danke nochmals”, sagte sie mit Schärfe in der Stimme. „Muss gehen.”

Er nickte und beobachtete sie, als sie durch den wirren, düsteren Kramladen zur Tür ging.

Sie öffnete sich nicht. Sie blickte zurück, fürchtete schon, er würde ihr nachschleichen, ein psychotisches Glänzen in seinen Augen, aber er saß immer noch an der selben Stelle an dem kaputten Holztisch.

„Tschuldigung!”, rief er, und drückte auf den Summer.

Sie entkam in die feuchte Dunkelheit.


America Airlines lieferte ihren Koffer morgens um 06:30 Uhr. Sie ging in dem Plüsch-Bademantel des Hotels an die Tür, zwinkerte gegen das Blendlicht im Gang und schnappte: „Zu spät!”, als sie sich den Koffer griff und die Tür vor der Nase des Angestellten zuschlug.

Gottseidank war alles ganz geblieben. Sie lud die Neunmillimeter und legte sie neben sich aufs Bett. Es war früh, aber der frühe Vogel, pflegte ihr Vater oft zu sagen, fängt den Wurm. Sie zappte am Fernseher herum, dämpfte die Lautstärke und rief den Zimmerservice an, um Kaffee und einen getoasteten Bagel mit fettarmem Streichkäse zu bestellen. Der Anblick und Geruch ihrer eigenen Kleidung — so verknautscht, wie sie war — stellten sie wieder zufrieden. Sie setzte sich in die weichen Kissen zurück, streckte ihre Beine auf dem großen Bett aus und sah sich die Morgennachrichten an.

Es gab wirklich einen Serienmörder in der Stadt. Die Medien hatten keine Sensationsbilder, aber Miss Parker erkannte die Allee und den kaum erkennbaren Klumpen unter einer Polizeidecke. Ich war gerade erst dort. Sie schloss ihre Augen und erinnerte sich an die kalte weiße Haut am Arm des Mädchens und die blassen, umwölkten Augen, die nach oben ins Nichts starrten ...

Sie sprang auf das autoritäre Klopfen an der Tür hin auf, dann erinnerte sie sich an den Zimmerservice.

Als sie ihren Bagel verdrückte und den ausgezeichneten Kaffee trank, ging sie ihre Kleidung durch. Gott sei Dank, dachte sie, gibt es Polyester und Spandex und bügelfreie Stoffe. Schließlich konnte sie das alles ausziehen.

Eine Dusche, Makeup und eine Stunde später war sie auf dem Weg zum Seattle City Center und zu den Büros des FBI.


Das FBI-Büro war, wie alle seiner Art, nicht gekennzeichnet. Wenn man nicht wusste, wohin man ging, hatte man nach der Denke der Bundesbehörden auch keinen Grund, dahin zu gehen. Es war eine Denkweise, die Miss Parker durchaus vertraut war. Sie benutzte die Magnetkarte, die sie von Adrian gekauft hatte, und betrat die kühlen, nackten Außenbüros. Ein Agent saß hinter einer Rezeption — kein Sexismus hier — und blickte sie mit professioneller Distanz an, als sie ihren gefälschten Berechtigungsausweis vorlegte.

„Agent Gardner?”, fragte er. Sie nickte. Er wandte sich ab und drückte Tasten auf einem Computer. Sie wartete, während er ihre Identität überprüfte. Jarod war in der Lage, sich in jede Datenbank zu schreiben, in die er wollte, aber er hatte diese Fertigkeit im Centre gelernt. Sie hatte absolutes Vertrauen zu Adrian. Man wurde kein direkter Vertragspartner des Centre, wenn man unfähig war.

Nachdem er sich abgesichert hatte, reichte ihr der FBI-Mann ihre Ausweise mit einem Willkommen-im-Club-Nicken zurück. „Sie werden sich mit SAC Morales treffen müssen”, sagte er. „Durch die Tür auf der linken Seite, den Gang hinunter, Besprechungsraum B.”

Er reichte ihr eine neue ID-Karte, die sie ins Büro lassen würde. Sie hängte ihren Badge an ihre Jacke und ging in den Gang, den er ihr genannt hatte. Es waren nicht viele Leute in den Büros, aber genug, um dem Ganzen einen seriösen Anstrich zu geben. Frauen, die eher nüchtern gekleidet waren, nicht zu viel Bein, kaum zu unterscheiden. Langweilig. Sie selbst lag hart an der Grenze, trug ihren längsten Rock — fast bis zum Knie — und eine Bluse, die sie als Geschäftsfrau ausweisen könnte.

Sie zog die Jacke weiter zu und öffnete die Tür zu Besprechungsraum B. Er war leer, aber es gab Anzeichen vorheriger Treffen — Bagels, die im Hintergrund auf einem Kunststoff-Tablett lagen, Saft und Kaffeetassen waren auf dem Tisch verteilt, und Bilder.

Viele Bilder.

Parker ging ein paar Schritte darauf zu und hielt dann inne. Sie bemerkte die Fotografien am Ende. Sie war dort gewesen, sie hatte diesen grauenvoll entstellten Körper gesehen. Sie hatte diese kalte, blasse Haut berührt.

Was ihr den Atem raubte, waren die anderen. So viele andere. Sie drehte sich in einem langsamen Kreis und zählte die Toten, lieber Gott, so viele. So viele Frauen, manche von ihnen noch kaum erwachsen. Sie hatte eine Menge Tote gesehen. Sie hatte niemals so etwas gesehen.

Siebzehn Frauen. Er hatte siebzehn Frauen umgebracht.

In ihren Gedanken flüsterte es: Bisher.

Die Tür klappte hinter ihr, und sie drehte sich um, um eine andere Frau hereinkommen zu sehen. Ihr Gesicht zeigte eine kantige Strenge, und die dunklen Obsidian-Augen erinnerten Parker an Maya-Statuen. Nicht hübsch, aber auffällig.

Der Anblick einer Fremden in ihrem Besprechungsraum schien sie nicht gerade zu erwärmen.

„Special Agent Morales?”, fragte Parker. Sie streckte ihre Hand aus. Morales kam heran und nahm sie. Sie schüttelten sie wie Männer. „Special Agent Jennifer Gardner.”

Morales' kalte, schwarze Augen hatten Fältchen in den Winkeln. „Sie sehen nicht wie eine Jennifer aus.”

„Wie sieht denn eine Jennifer aus?”

„Wie jemand, der in der Lage ist, echte Brownies in einem EZ-Backofen zu backen.” Morales ließ ihre Hand los und nickte in Richtung der Bilder. „Unheimlicher Bastard, nicht?”

„Siebzehn Tote.”

„Von denen wir wissen.” Morales reichte ihr einen dicken, erweiterbaren Ordner. „Ich habe Sie nicht angefordert, aber ich bin froh um die Hilfe. Lesen Sie sich ein, und tun Sie es bei leerem Magen. Wenn Sie damit fertig sind, brauche ich Sie auf der Straße. Ich werde Sie mit Special Agent Kendrick zusammenstecken, sobald er wieder zurück ist.”

Parker nahm den Ordner und klemmte ihn sich unter den Arm. Sie hatte keinen Grund, das verdammte Ding zu öffnen — allein die Fotografien würden ihren Albträumen Futter für die nächsten zehn Jahre liefern.

„Special Agent Kendrick?”, wiederholte Parker. Morales zeigte ihr ein leichtes Lächeln.

„Sie kennen ihn?”

„Vielleicht.”

„Vertrauen Sie mir”, sagte sie. „Sie werden ihn mögen.„ Morales' dunkle Augen funkelten, als säße ihr der Schalk im Nacken, und blickten über Parkers Schulter. „Da ist er schon.”

Miss Parker drehte sich um und blickte ins Gesicht von Special Agent Kendrick. Sie lächelte.

„Jarod”, sagte sie. Sie streckte ihre Hand aus. „Nett, Sie wiederzusehen.”

Er sah perfekt aus. Die perfekte Darstellung eines FBI-Agenten, dunkel und gutaussehend, und falls sie ihn überrascht haben sollte, sah man das nur an einem kurzen Aufblitzen in seinen Augen. Und dann streckte er seine Hand aus und nahm die ihre. Ein fester, warmer Druck von Fleisch auf Fleisch. Sein Blick wanderte auf ihre frisch geprägten Büromarken, und seine Augenbrauen gingen nach oben.

„Agent Gardner”, sagte er und zeigte dieses überwältigende Lächeln. „Jennifer.”

„Sie kennen sich?” Morales' scharfe dunkle Augen verfolgten jede ihrer Bewegungen.

„Wir sind alte Freunde”, sagte Jarod.

„Ich veranstalte hier keine Wiedersehensfeier, Agenten. Kendrick, was haben Sie für mich?”

Jarods Augen bohrten sich in Parkers, um herauszufinden, ob hinter der nächsten Ecke Sweeper warten würden, ob er das Spiel für eine weitere Runde spielen konnte oder ob es Zeit war, in die Freiheit zu fliehen, solange er das noch konnte.

Parker sagte sehr ruhig: „Wir reden später.”

Er nickte leicht und wandte seine Aufmerksamkeit Morales zu. „Carlson und Roskovicz ermitteln noch, aber wir haben was aus dem Coffee-Shop zwei Blöcke weiter. Sie öffnen früh und backen ihre eigenen Bagels. Der Bäcker kam um 4:00 Uhr morgens an und sah einen dunklen Kleinbus in der Allee, in der man die Leiche gefunden hat.”

„Mehr nicht?”

Jarod lächelte. „Ein männlicher Weißer mittleren Alters hat ihn auf der Straße geparkt. Er kam raus und warf Geld in die Parkuhr. Der Zeuge sagt, dass er dann auf die Allee zurück gegangen ist.”

Morales' Augen weiteten sich. „Haben Sie die Münzen aus der Parkuhr erfasst?”

„Sie sind schon im Labor. Wir hatten Glück, wir holten sie, kurz bevor der Einsammeldienst vorbei kam.”

Morales starrte ihn ein paar Sekunden lang an, und die Hoffnung, die in ihren Augen aufgeglimmt war, verschwand. Sie schüttelte den Kopf. „Er ist zu klug. Es werden keine Abdrücke da sein.”

„Niemand kann an alles denken”, sagte Miss Parker. Sie beobachtete Jarod und fühlte den leichten Schock eines Triumphs, als sich ihre Augen begegneten.

„Nein”, stimmte er zu. „Manchmal hat man einfach Glück.”


Als Morales sie losschickte, hielten sie die höfliche Vorstellung zweier Kollegen auf dem ganzen Weg durch die Büros, zur Lobby und zu den Fahrstühlen aufrecht.

Sobald sich die Fahrstuhltüren schlossen, zog Miss Parker ihre Waffe und hielt sie unter sein Kinn. Jarod machte keine Anstalten, sie aufzuhalten, aber seine Augen flogen zu der Kamera, die in der rechten oberen Ecke des Fahrstuhls angebracht war. Sie wandte den Blick nicht von ihm ab, aber sie verstand das Signal. Kamera. Dumm von ihr. Natürlich würden Kameras in den Fahrstühlen der FBI-Büros sein. Sie hatte nur Sekunden, bevor jemand ihre Verletzung der Fahrstuhl-Etikette bemerkte.

„Schlechter Tag?”, fragte Jarod milde. Sie nickte und steckte ihre Waffe ins Holster, aber ihre Augen versprachen, dass es nicht vorbei war. Und er, verdammt sollte er sein, lächelte. Lächelte.

Das Signal für das Erdgeschoss ertönte. Parker ging einen Schritt zurück und schloss sich ihm an, als sie durch die Lobby mit dem unscheinbaren Bodenbelag liefen, durch Türen, die mit kugelsicherem Glas verstärkt waren und vorbei an Angriffsbarrieren, die als Straßenkunst getarnt waren. Seattle hatte einen schönen, sonnigen Morgen. Der Himmel war ein perfektes tiefes Blau. Baumwollweiße Wolken überzogen die Spitzen der aufragenden Berge. Mit jedem Atemzug fühlte Parker das Kribbeln von kühler, von Pinienduft durchsetzter Luft.

Jarod blieb stehen. Sie hielt ebenfalls inne. Sie starrten einander an, während sich Radfahrer vorbei schoben und Autos lärmend die Straße entlang fuhren, und es erschien ihr, als ob sie beide in einer Art anderen Realität existierten.

Die reale Welt.

Sie griff in ihre Jacke und berührte ihre Waffe wie einen Talisman. Jarod kam sofort einen Schritt näher, der ihn so dicht vor sie brachte, dass sie seine Körperwärme spürte, und sie war absolut unvorbereitet, als er sich zu ihr beugte. Ein langer, langsamer, süßer Kuss, der Stahl hätte schmelzen können. Ihre Hand berührte den warmen Griff ihrer Waffe, aber sie konnte sie nicht ziehen. Er hatte sie zwischen ihnen beiden eingeklemmt, und um sie frei zu bekommen, hätte sie ihn wegstoßen müssen.

Was sie ... noch ... nicht wollte.

Und als er sich zurückzog, hatte er die Waffe, irgendwie. Sie war sich nicht mal darüber sicher, wie das geschah, sie fühlte nur seine Finger, die an ihren Brüsten entlang strichen, und dann das geringere Gewicht ... und ihre Waffe verschwand in seiner Jackentasche, und Jarod schritt beiseite. Seine Augen waren sehr heiter, aber er lächelte nicht.

„Das ist nicht meine einzige Waffe”, log sie. Er drehte sich herum und begann, nach Süden zu laufen. Sie beeilte sich, um ihn einzuholen. „Sie können nicht einfach von mir weglaufen!”

„Rufen Sie die Sweeper und halten Sie mich auf.” Und er wusste bereits, dass sie das nicht konnte, der verdammte Kerl.

„Ich wusste, wenn ich daraus einen kompletten taktischen Eingriff mache, wären Sie verschwunden gewesen, bevor ich Sie gefunden hätte. Es gibt nur Sie und mich, Jarod.”

„So wie es sein sollte”, sagte er. „Das Spiel ist vorbei, Miss Parker. Sie haben verloren. Gehen Sie nach Hause.”

Sie lächelte so breit und sarkastisch, wie sie nur konnte. Er seufzte und schüttelte den Kopf.

„Hier geht es nicht um Sie. Es geht auch nicht um das Centre. Dieser Mann — dieses Monster — hat siebzehn Frauen umgebracht, Parker, ich denke, dass selbst Ihnen das nicht egal sein kann.”

„Es ist mir nicht egal”, sagte sie. „Das FBI scheint in der Lage zu sein, ihn ohne Sie zu fangen.”

„Sie sind an diesem Fall seit dem dritten Mord dran. Morales ist der dritte Special Agent im Einsatz. Sie haben zweimal das gesamte Ermittlungsteam ausgetauscht, und es gibt kein Ergebnis. Sie können ihn nicht fangen.” Jarod sah sie fest an. „Ich schon.”

„Wenn ich Sie lasse.”

„Ja.”

„Und danach verschwinden Sie in die Dunkelheit und lassen mich wie einen Idioten aussehen. Zum wievielten Male, zum sechzigsten? Ist Ihnen jemals in den Sinn gekommen, dass Sie für meinen Tod verantwortlich sein könnten? Das Centre belohnt Fehlschläge nicht gerade.”

„Ihr Vater würde das nie zulassen.”

Sie ließ ihn einhalten. „Mein Vater hat jetzt einen Sohn.”

Was für ein Pretender. Er begriff sofort. „Ich verstehe. Für einen Mann wie ihn wird eine Tochter entbehrlich.”

„Eine enttäuschende Tochter”, sagte sie. „Dumm. Ineffektiv. Mangelhaft.”

Jarod sagte nichts, aber sie sah dieses für ihn so typische Mitgefühl in seinen Augen. Vielleicht war es das, was sie impulsiv sagen ließ: „Er bat mich darum, jemanden für ihn zu töten.”

Jarods Augen verdunkelten sich. „Haben Sie es getan?”

„Noch nicht.”

Er studierte sie intensiv, so wie er Simulationsunterlagen studieren würde, und sie fühlte tief im Inneren das Kribbeln einer Reaktion. Er nahm Anteil. Nach all dieser Zeit, seiner ganzen Geschichte, nahm Jarod immer noch Anteil.

Und ihr ging es — so unglaublich das scheinen mochte — genauso.

„Sie müssen davon weg kommen, Parker”, sagte er. „Sie werden Sie zerstören, wenn sie es können, genau wie Ihre Mutter. Ändern Sie Ihr Leben. Laufen Sie weg.”

„Entkommen?” Sie lächelte bitter. „Ich habe es versucht, erinnern Sie sich? Flucht bedeutet nur, dass Ihr Käfig mit Ihnen mitwandert.”

„Es ist nicht nur Ehrgeiz, der Sie im Centre hält. Es ist nicht einmal Angst, Miss Parker.”

Er hatte Recht, das war es nicht. Sogar an die Gefahr nur zu denken, war schon gefährlich, aber sie kannte sie, und er ebenfalls. Wenn ich weglaufe, sehe ich Dich niemals wieder. Niemals. Das ist schlimmer als alles, was sie mir im Centre antun können.

Ihre Blicke trafen sich und hielten sich fest, und was sie in seinen Augen sah, überraschte sie. Nicht nur Mitgefühl, oh nein, da war absolutes Verstehen, und noch etwas, etwas, was kaum einer Prüfung standhalten würde. Er wollte —

Sie wusste, was er wollte. Sie fühlte es in der massiven Hitze, die sich im Inneren ihres Körpers sammelte, im Kribbeln ihrer Haut. Was er wollte, war genau das selbe, was sie wollte.

Auf der Straße blökte eine Hupe, dann krachte Metall. Es überraschte sie heftig genug, um ihre Augen von ihm abzuwenden, nur für eine Sekunde, und als sie ihren Blick wieder von den beiden streitenden und brüllenden Taxifahrern abwandte, stand sie allein auf der Straße.

Jarod war weg.


Carl stand in Miss Parkers (was für ein wunderschöner perfekter Name für ein wunderschönes perfektes Ding) Zimmer und erkundete die geschmackvollen, teuren Möbel. Sie mochte das beste, sein Mädchen. Das Bellevue Club war das feinste der Stadt.

Sie hatte einen dicken Frotteemantel auf dem Bett liegen gelassen, und das Zimmermädchen hatte noch nicht aufgeräumt. Er nahm den Mantel und drückte seine Nase hinein, atmete den Geruch von Miss Parkers Haut und ihrem Haar. Ja. Ja, sie war da.

Er kletterte in die Kuhle auf dem Bett, wo sie gelegen hatte. Das Kissen roch auch nach ihr. Ein dunkles Haar hatte sich in der feingewobenen Baumwolle verfangen, und er nahm es vorsichtig an sich und steckte es in eine Plastiktüte.

Sein erstes Teil von ihr.

Ihre Kleidung war schön, immer noch ein wenig verknittert vom Koffer. Alles frisch gereinigt, so dass kein Geruch daran war. Die Schuhe waren allerdings wundervoll. Und die Kleidungsstücke, die sie in der vorherigen Nacht getragen hatte, schön in einen Wäschesack verpackt, waren noch besser. Er nahm die Unterwäsche und steckte sie in eine andere Plastiksammeltüte. Er würde das später analysieren. Finde ihre Geheimnisse. Sie hatte so viele Geheimnisse, diese Miss Parker.

Er fand ihr Parfüm und nahm eine Probe davon. Er würde später mehr davon kaufen, genau das, was sie mochte. Er würde es am Ende über sie sprühen, um das duftende Porträt zu vervollständigen. Ja. Ja, alles würde perfekt sein.

Ihm fiel ein, dass sie nun jederzeit zurück und in diesen Raum kommen konnte, wo sie ihn entdecken konnte, wie er Stücke von ihr sammelte, und er konnte sich vorstellen, wie sich ihre wunderschönen Augen weiteten und ihre fein geschminkten Lippen im Schock erstarrten. Würde sie schreien? Sie sah nicht wie jemand aus, der leicht schrie. Nein, wirklich nicht, sie sah mehr nach einer Kämpferin aus.

Er schloss seine Augen und hielt dieses Bild fest, verlor sich im Geruch von Blut und Parfüm, und so bekam er das schnelle Klopfen an der Tür nicht mit. Und als er es bemerkte, war es zu spät. Das Schloss öffnete sich mit einem trockenen Klicken, und die Tür schwang auf.

Es war aber gar nicht Miss Parker, die ins Zimmer kam, es war ein uniformiertes Zimmermädchen, gepflegt und untadelig sauber, die ihn anlächelte.

„Entschuldigen Sie”, sagte sie, und setzte dazu an, wieder hinaus zu gehen.

„Noch nicht”, sagte er sanft, und griff nach ihr, um sie zu töten. „Aber Sie werden entschuldigen.”

Er erstickte ihre Schreie mit einem makellos weißen Kissen, das immer noch nach Miss Parkers Haar roch.


Jarod beobachtete, wie Miss Parker nach ihm suchte. Er trank Kaffee und saß an einem kleinen Tisch in Fensternähe in einem der tausend Starbucks, die in der Nachbarschaft verstreut waren, und dachte über die Vergangenheit nach, und über Fehler. Er hatte eine Menge Fehler, und er war sicher, dass Sydney zustimmen würde; er war arrogant, er war selbstsüchtig, er ging manchmal unvorsichtig mit dem Leben anderer Leute um (aber nur der Leute, von denen er glaubte, dass sie es verdient hatten — schon wieder Arroganz).

Sein größter Fehler war jedoch seine Selbstsucht.

Seine eigene Einsamkeit hatte ihn dazu gebracht, seine Vergangenheit am Leben zu halten; ohne seine Telefonanrufe, seine regelmäßigen Erinnerungen an Miss Parker und Sydney, dass er noch am Leben und frei war, hätte er das Centre eigentlich hinter sich lassen können.

Er hatte die Vergangenheit aus Selbstsucht heraus am Leben erhalten, und es hatte Miss Parker die Freiheit, ihren Liebhaber und beinahe ihr Leben gekostet. Er hatte sich ein Verhaltensmuster angeeignet, das ihm genehm war und das ihn beruhigte, ohne Rücksicht darauf, wie für alle um ihn herum die Konsequenzen aussahen. Miss Parker, die allein hierher gekommen war — das verwirrte ihn. Es war kühn und unerwartet, aber es war auch ein Akt der Verzweiflung.

Es war an der Zeit für ihn, seine Selbstsucht aufzugeben. Ihretwegen.

Er nahm einen Schluck Kaffee und sah, wie das Sonnenlicht auf Miss Parkers seidigem, dunklem Haar glänzte. Er bedauerte die harte Tatsache, dass er sie nie mehr so beobachten würde, nie mehr ihr Lächeln oder die tiefe, schöne Farbe ihrer Augen sehen würde.

Ihre Augen schweiften auf der Suche nach ihm die Straße entlang, aber sie sah ihn nicht. Er legte seine Finger auf seine Lippen und berührte damit sanft das Glas.

Als sie ihre Suche auf seine Straßenseite eingeengt hatte, war er mit seinem Kaffee fertig.

Er warf den Becher in den Müll, als er ging.


Verdammt.

Miss Parker verlagerte ihr Gewicht von einem Fuß auf den anderen und versuchte, den Schmerz zu verteilen. Die Schuhe, die sie angezogen hatte, waren nicht für lange Verfolgungsjagden gedacht. Sie wollte nichts weiter als in ihr Zimmer kommen, diese Todesschuhe loswerden und gedankenlos eine Stunde lang einfach irgend eine Talkshow im Fernsehen ansehen. Vielleicht konnte sie Jarod im Angesicht des reißerisch aufgemachten Problems anderer Leute vergessen. Sie hatte ihn gehabt. Sie hatte ihn gehabt, und sie hatte ihn verloren, und sie hatte das verwirrende Gefühl, dass sie ihn nie wieder finden würde. Er hatte sich nicht einmal die Zeit genommen, sie zu verspotten, und das war so untypisch für ihn — für ihn, den sie gewohnt war, zu verfolgen.

Ein Geschäftsmann in der Ecke des Fahrstuhls lächelte sie an, das professionelle Lächeln eines Mannes, der wusste, dass er erfolgreich war, und der erwartete, auch bei ihr erfolgreich zu sein. Sie tat so, als sei er gar nicht vorhanden. Der elegante, walnussfarben ausgelegte Fahrstuhl verlangsamte zu einem Halt in einem Stockwerk, in das sie nicht wollte, und der Geschäftsmann stieg aus und zog seinen Koffer mit Rädern wie ein Haustier hinter sich her.

Sie starrte mit leerem Blick an die Stelle, an welcher er gestanden hatte, als sich die Türen schlossen und der Fahrstuhl weiterfuhr. Ihr Stockwerk wurde mit einem diskreten Ton angekündigt, und sie zwinkerte und schritt vorwärts, als sich die Tür öffnete.

Sie lief beinahe in einen unauffälligen kleinen Mann, der schnell und mit geweiteten Augen zurückwich. Eine dicke Frau mit zwei dicken, flennenden Kindern lief hinter ihm auf, die perfekte Urlaubsfamilie. Er blickte auf die Fahrstuhlanzeigen, brummelte eine Entschuldigung und schritt beiseite. Sie kümmerte sich nicht darum und grub bereits in ihrer Geldbörse nach dem für ein Kaltgetränk nötigen Dollar. Als sie zurückblickte — alte Gewohnheit, sich nach hinten abzusichern —, sah sie, dass die Vier in den Fahrstuhl gestiegen waren. Der Mann starrte sie noch an, als sich die Fahrstuhltüren schlossen.

Sie vergaß sie und kaufte eine Coca-Cola.


Der Schock, sie von Angesicht zu Angesicht zu sehen, wich zurück. Carl rieb konvulsivisch seine Hände gegeneinander, stellte fest, dass seine Finger zitterten, und steckte sie in die Taschen seiner Jacke. Er mochte es, Situationen zu kontrollieren. Er wollte die Angst in ihren Augen sehen, aber statt dessen hatte sie ihn gar nicht wahrgenommen.

Die Frau und die zwei Kinder, die mit ihm zusammen in den Fahrstuhl gestiegen waren — was für ein Glück, dass sie mit ihm zusammen eingestiegen waren —, hatten ihn nicht weiter beachtet. Die Mutter stauchte den Jungen wegen etwas zusammen, was er im Hotelzimmer getan hatte. Carl unterdrückte ein Kichern. Er bezweifelte, dass der Junge etwas so Schlimmes getan hatte wie er.

Die Frau und die Kinder stiegen im zweiten Stock aus, wo sich die Restaurants befanden. Er war dankenswerterweise allein mit seinen Erinnerungen an Miss Parker und ihre blicklose Verachtung. Wusste sie es nicht? Fühlte sie nicht seine Großartigkeit?

„Sie wird”, flüsterte er. Der stille Fahrstuhl warf es mit einem sanften Wispern zu ihm zurück, zustimmend. Sie wird. Sie wird.

Er kam im Erdgeschoss an und bog sofort scharf nach links ab, um den Kameras in der Lobby auszuweichen.


Miss Parker öffnete ihr Hotelzimmer mit der Code-Karte, schaltete das Licht an und beugte sich sofort vor, um ihre Schuhe loszuwerden.

Sie unterbrach sich mitten in der Bewegung, starrte blicklos auf das, was sich in der Mitte des Raumes auf einem weißen Tuch befand und in warmem goldenen Licht gebadet wurde, das durch das offene Fenster fiel.

Sie richtete sich langsam auf, ohne den Blick abzuwenden, und wich zurück, bis sie ihren Rücken hart gegen die Tür presste. Ihre rechte Hand suchte nach dem Trost ihrer Waffe, aber sie erinnerte sich daran, wie sie in Jarods Tasche verschwunden war. Ihr Puls hämmerte hart, hart genug, dass es weh tat, und sie versuchte, kein Geräusch zu machen, als sie sich vorwärts bewegte. Das Badezimmer war blutverspritzt und leer. Da war eine blinde Ecke nur einen guten halben Meter entfernt, wo sich jemand hätte verbergen können, und sie fühlte ein starkes Zittern durch ihre Muskeln laufen. Dreh Dich um. Geh raus. Schrei so laut Du kannst und ruf die Bullen.

Es wäre vernünftig gewesen, aber sie ging weiter vorwärts, verringerte den Abstand Schritt für Schritt, bis sie den ganzen Raum überblicken und sehen konnte, dass sich niemand in den Ecken versteckte. Oder unter den Betten.

Da war nur sie und das, was er für sie auf diesem ursprünglich weißen Laken in der Mitte des Raumes zurück gelassen hatte.

Miss Parker fühlte plötzliche heiße Wellen von Übelkeit und Schwindel und drückte sich gegen die Wand. Der Raum roch nach Kupfer und einem unangenehmen Unterton wie in einer Kloake. Es war nur wenig Blut an der Leiche, vermutlich nur noch wenig in ihr. Er hatte es in der Badewanne herausgewaschen.

Oh mein Gott.

Sie begriff schließlich, dass er das für sie da gelassen hatte. Eine Drohung. Ein Versprechen.

Ihre Zukunft.

Sie wollte nach dem Hotel-Telefon greifen, dachte an die Spurensicherung und grub ihr Handy aus ihrer Tasche, um das FBI anzurufen.


Special Agent Morales hatte ein weiches Licht in ihren schwarzen Augen, wie Öl auf Wasser, als sie sich Parkers Geschichte anhörte. Parker bemerkte dieses Glitzern. Sie fühlte selbst die Freude an der Jagd.

„Verrückt”, sagte Morales, als sie geendet hatte. Ihre Stimme war sanft und zufrieden. „Wir haben schon immer vermutet, dass er besondere Kenntnisse über die Agenten hatte, die diesen Fall bearbeiten, aber er hat sich bislang nicht so weit vorgewagt und einen direkten Kontakt gesucht. Er mag Sie, Agent Gardner.”

Parker hatte sich vorher nie so sehr gewünscht, nicht „Agent Gardner” zu sein.

„Wo ist —” Parker musste einen Moment nachdenken, um sich an seinen Decknamen zu erinnern. „Agent Kendrick?”

„Ich hatte gehofft, Sie könnten mir das sagen. Ich habe ihn angepiept, bislang aber noch nichts von ihm gehört.” Morales schob das Problem beiseite und konzentrierte sich auf das wichtigste Objekt. „Haben Sie irgend jemanden auf dem Stockwerk gesehen, als Sie ankamen? Verwaltung? Zimmermädchen?”

„Nur eine Familie, die in den Fahrstuhl stieg.”

„Familie?”

„Mann, Frau, zwei Kinder”, sagte Parker. Ihre Erinnerungen brachten den farblosen Mann zurück, aber er war schwer zu beschreiben. Durchschnitt, Durchschnitt, Durchschnitt. Die Frau und die Kinder waren einfacher. Parker erzählte ihnen alles, woran sie sich erinnerte, bis hin zu ihrer Kleidung.

„Ich bezweifle, dass das unser Kerl ist”, sagte Morales. Unsere Profiler sind sich sehr sicher darüber, dass er nicht verheiratet ist und nicht in einer Beziehung steht. Der Abstand zwischen den Morden und die Zeit, die er sich lässt, sagt uns, dass er keine Eile hat, irgendwo hin zu kommen. Um das zu tun, was er dieser armen Frau angetan hat, muss er mindestens eine Stunde hier gewesen sein, ohne gestört worden zu sein.”

Eine Stunde, die sie damit verschwendet hatte, nach dem verschwundenen Jarod zu suchen. Parker schluckte saure Übelkeit hinunter.

„Wenn ich hier gewesen wäre ...”

„Könnten Sie auf diesem Laken liegen”, unterbrach Morales sie brüsk. „Sehen Sie, ich sehe durchaus die Risiken, klar, aber so, wie er die Leiche für Sie hinterlassen hat, ist das eine Nachricht. Und sie ist persönlich. Wir müssen diese Gelegenheit wahrnehmen.”

„Welche Gelegenheit?”

„Das hier ist ein ziemlich teures Hotel.” Morales' Augen verweilten einen Moment in ihren, und Parker sah, wie Überlegungen durch sie hindurch gingen. Es war verdammt sicher, dass das Budget des Büros nicht das Bellevue Club Hotel beinhaltete. Wo wohnte Morales? Im Holiday Inn? „Teuer heißt sicher. John!”

Einer der anderen Agenten — da standen fünf oder sechs von ihnen auf dem Gang und hörten zu, während die Spurensicherung in ihrem Zimmer arbeitete — wurde aufmerksam. Alle hatten den selben Haarschnitt, die selben dunklen Anzüge — es war, als wollte man einzelne Sweeper voneinander unterscheiden. John hatte rötliches Haar, fiel Parker auf. Es betonte seine meergrünen Augen.

„Video”, sagte Morales. „Gehen Sie.”

John nickte und trottete den Gang entlang zu den Fahrstühlen. Morales überprüfte den Rest ihres Haufens.

„Ich will, dass jeder einzelne Gast befragt wird” sagte sie. „Jeder Angestellte. Jeder Penner, der in den Hauseingängen des Blocks herumfliegt. Jeder Parkwächter. Bewegung. Die Erinnerungen werden nicht frischer.”

Sie gingen auseinander. Morales wandte ihre Aufmerksamkeit wieder Parker zu.

„Geht's Ihnen gut?” fragte sie, aber nicht so, als sei sie an der Antwort interessiert. Parker nickte. „Lassen Sie uns einen Blick auf die Leiche werfen.”


Agent Kendrick war tot und verschwunden.

Jarod beendete die Zerstörung der Identität von Kendrick — zu schade, wirklich, denn Kendrick war nützlich — und führte seine übliche Aufräumaktion in seinem vorübergehenden Zuhause durch. Nichts da, womit das Centre etwas anfangen könnte. Nichts außer dem, was er für sie zurück ließ, natürlich.

Befreit von den Regeln und Gedankenwegen eines FBI-Agenten ging er auf die Jagd. Nicht nach Miss Parker — sein Spiel mit ihr war vorbei — um ihrer beider Willen — sondern nach einem Killer.

Er musste das zu Ende bringen. Schnell. Und der beste Weg, das zu bewerkstelligen, war das, was er die ganze Zeit versucht hatte, zu vermeiden.

Pretending.

Es war immer besser, die Identität von jemandem wie Agent Kendrick anzunehmen. Eine weiße Weste. Die Veränderungen schnitten dann nicht so tief ein, und die Wunden heilten schneller. Aber Agent Kendrick zu sein, hatte ihm nicht viel geholfen, weil Agent Kendrick genauso wie der Rest des FBI nicht sehr viel über den Mann wusste, den sie offiziell Unsub 314 nannten. Unsub 314 war etwas, womit nur wenige FBI-Agenten schon mal zu tun gehabt hatten, und nur sehr wenige hatten so etwas erfolgreich bekämpft. Er wünschte, dass einer der beiden Profiler, die er kennen gelernt hatte, an dem Fall beteiligt wären, aber Sam hatte, wie er zuletzt gehört hatte, in New Jersey mit einer Entführung zu tun, und Rachel Burke war in Louisiana und jagte einen Serienbomber. Sie wären hilfreich gewesen.

Wünschen nützte nichts. Jarod stand an der Ecke und beobachtete den vorbeifahrenden Verkehr von einem Ort aus, von welchem er wusste, dass Unsub 314 an einem nebligen kalten Morgen vor Sonnenaufgang vor zwei Tagen gestanden hatte, und ließ sich selbst zu dem werden, was er fürchtete.

Er fürchtete sich davor, weil er es so beängstigend gut kannte.

Auf der Ecke stehen, in beide Richtungen schauen. Niemand sieht her. Das Gefühl kalten Triumphs, von Euphorie. Der Geruch von Bleichheit und Blut immer noch in seiner Kleidung. Auf der anderen Straßenseite sieht ihn ein früher Bagelbäcker, als er Münzen in einen Parkautomaten wirft — keine Fingerabdrücke, natürlich, er war selbst bei diesen Dingen vorsichtig. Handschuhe an seiner Hand trennten in von der Welt. Bevor er das Tableau vorbereitete, würde er seinen sauberen Anzug anziehen; er kannte die Besessenheit des FBI, wenn es um Fasern und Haare ging. Er schenkte ihnen nichts. Nichts außer dem Anblick.

Jarod wandte sich ab und wanderte langsam die Straße hinunter, zurück zur Allee. Er fühlte den Unterschied in der Art, wie er lief, wie er glitt, wie ein Nachtjäger. Darin lag eine tiefe, dunkle, rote Freude, die dem Teil von ihm, den er weggeschlossen hatte, Übelkeit bereitete, dem Teil von ihm, der ihn von diesem schrecklichen Ort weg ziehen würde.

Allee. Es ist kalt und dunkel. Muss alles perfekt machen. Sie genau so anrichten.

Tableau. Das Wort fühlte sich richtig an. Jarod hatte eine geistesblitzartige Vorstellung von etwas Irrealem, wie ein Modell, dem Leben entnommen. Eine künstliche, sorgfältig arrangierte Szene.

Münzen in die Parkuhr. Warum?

Weil ich vorsichtig bin. Weil ich weiß, dass die Polizei das Nummernschild jedes Autos überprüfen wird, das sich in einem Radius von zehn Blocks befindet. Ich weiß, dass das FBI es tun wird, wenn es die Polizei nicht macht. Ich erinnere mich an Berkowitz.

Nein. Es war mehr als das.

Weil ich warten muss.

Warten worauf?

Jarod zwinkerte, als er merkte, dass er in die Hocke gegangen war, in der Nähe einer Mülltonne, und auf eine leere Strecke dampfenden Asphalts blickte. Nichts da jetzt, aber vor zwei Tagen ...

Ich ging nicht weg. Ich kann nicht weggehen, bevor es jemand real werden lässt. Nur indem sie gesehen wird, wird eine Sache real.

Kunst braucht ein Publikum.

Jarod stand völlig still und hörte auf seinen schnellen Herzschlag. Er hatte die Leiche als erster gefunden, und nun wusste er ohne jeden Zweifel, dass Unsub 314 ihn beobachtet hatte.

Beobachtet den Schock, der sich auf Jarods Gesicht breit macht, gefolgt von Schmerz und Zorn. Beobachtet Jarod, wie er weiter flüchtet, weil Anhalten das Centre bedeutet, und das Centre bedeutete den Tod.

Jarod ließ langsam die Luft heraus und stand auf. Er überblickte die Allee und suchte nach Winkeln. Ich würde das Tableau sehen wollen. Und das Gesicht desjenigen, der es bewundert. Also ... müsste ich ...

Jarod lief zu der Mülltonne hinüber. Sie lehnte wie betrunken auf einer Seite, das Opfer von zu vielen rücksichtslosen Lastwagen, und wie Jarod verborgen in den Schatten. Ja. Sicher in den Schatten. Sicher, um zu beobachten.

Jarod lehnte sich mit dem Rücken gegen die Mauer und schloss seine Augen. Ich sehe den Mann. Ich sehe sein Gesicht, ich sehe ihn flüchten. Ich ...

Der Killer kann nicht flüchten, weil jetzt die verfolgenden Sweeper kommen. Eine heiße Panikattacke ... ist es Polizei? Wissen sie Bescheid? ... und dann Erleichterung. Die Sweeper gehen weiter, sind unbeeindruckt, weil es für sie nur ein weiterer schrecklicher Mord ist; sie arbeiten schließlich für das Centre.

Und dann ...

Miss Parker.

„Nein”, flüsterte Jarod. „Bitte.”

Denn in diesem Augenblick — diese heiße, rote Explosion von Gefühlen — wusste er genau, was der Killer fühlte, als Miss Parker — große, elegante, schöne Miss Parker — in die blutrote Vision des Killers gelaufen kam.

Er hatte ... Vervollständigung gefühlt.

Jarod schloss seine Augen und kämpfte sich seinen Weg zurück aus den klammernden, schwarzen Tiefen der Simulation, zurück zu der fragilen Rettungsleine, von der er dachte, dass es sein wahres Ich sei. Und doch, hatte er nicht selbst dieses Gefühl von Vervollständigung gehabt, als er Miss Parker beobachtete? Waren seine Gedanken über sie absolut frei von dunkleren Emotionen?

Er hielt seine Augen geschlossen, als er nach seinem Handy griff und es die vorprogrammierte Nummer wählen ließ. Zweimal klingeln ... dreimal ...

„Ja”, antwortete sie. Etwas in ihrer Stimme, eine scharfe Spannung, löste tief in ihm Alarm aus.

„Parker, Sie müssen mir zuhören”, sagte er. „Nehmen Sie sich ein Taxi. Fahren Sie zum Flughafen. Bleiben Sie in Menschenansammlungen. Nehmen Sie den ersten verfügbaren Flug zurück zum Centre und kommen Sie nicht heraus, bevor das hier vorbei ist.”

Sie ließ ein paar stille Sekunden verstreichen, bevor sie ruhig antwortete: „Er hat in meinem Zimmer ein Mädchen getötet. Sie liegt auf einem Laken auf dem Boden.”

Die unheimliche Ruhe des Schocks, eine dünne Eisschicht über einem geschmolzenen Kern der Wut. Jarod fühlte, wie ein Adrenalinstoß durch seinen Körper schoss, als ob er auf den Hinterkopf geschlagen worden wäre.

Das ist nur das Vorspiel, meine Liebe. Aber Du wirst die Hauptsache sein. Ich werde meine Zeit mit Dir verbringen, werde aus Dir eine bleibende, ehrfurchtgebietende Schönheit machen. Meine kalte tote Königin ...

Er wurde wieder er selbst, japsend und angeekelt, zitternd und das Telefon zu fest greifend. Miss Parker sagte seinen Namen in einem scharfen Ton.

Beende die Simulation. Beende sie!

Er war sich nicht sicher, ob er das konnte. Er kletterte aus der Dunkelheit heraus, aber nun folgte ihm die Dunkelheit. Eindringend. Auffressend.

Beende die Simulation!

„Verschwinden Sie von hier, Parker. Bitte”, sagte er heiser, und legte trotz ihrer Proteste auf.


Miss Parker klappte langsam ihr Handy zusammen und dachte über den seltsamen Tonfall in Jarods Stimme nach. Sie hatte ihn schon eingebildet, besorgt, geschwächt, sogar im Delirium gehört — aber niemals wirklich verängstigt. Und wenn es Jarod ängstigte —

Nein. Sie war eine Parker, verdammt nochmal. Und sie lief nicht davon. Niemals.

Agent Morales beobachtete sie mit einem Stirnrunzeln, das sich nur noch vertiefte, als Parker knapp sagte: „Agent Kendrick.”

„Wo ist er?” Vorgesetzte zur Angestellten, nicht Frau zu Frau. Parker war einen Moment irritiert und hätte am liebsten einen ihrer typischen Abgänge gebracht, aber sie brauchte Morales jetzt.

„Hat er nicht gesagt.” Es war buchstäblich die Wahrheit, und außerdem fühlte sich Parker in diesem Moment nicht besonders kooperativ. „Klang so, als folge er einer Spur.”

„Er verfolgt die Spur zur Arbeitslosigkeit, wenn er mich nicht auf dem Laufenden hält”, sagte Morales. Sie schoss einen kalten, dunklen Blick auf Parker ab. „Wissen Sie, welche gemeinsamen Erlebnisse Sie auch immer gehabt haben mochten, das gibt ihm keine Erlaubnis, einen Zieleinlauf um den Special Agent in Charge herum zu machen. Sagen Sie ihm das, wenn er wieder anruft.”

„Sind wir fertig?”, fragte Parker. Sie fühlte sich schmutzig und erschöpft, emotional taub. Jarod wollte sie aus der Stadt haben, und sie war sich nicht so sicher darüber, ob er falsch lag. Vielleicht war es an der Zeit, zurück in die warmen, blutigen, greifenden Arme des Centres zu klettern. Ein paar Sweeper, die ihr den Rücken frei hielten, würden nicht schaden.

„Für den Moment”, sagte Morales. „Das Hotel hat Ihnen ein anderes Zimmer gegeben. Scheinbar ohne Miete. Sie haben Glück.”

„Glück”, echote Parker.

Ihr neues Zimmer war nicht einfach auf dem selben Gang, es war auf der anderen Seite des Hotels, auf dem Stockwerk der Penthäuser, eine riesige Präsidenten-Suite mit einem Bad, das groß genug war, um Daddys Yacht zu Wasser zu bringen. Sie schloss sich in die trockene Pracht ein, kickte ihre Todesschuhe beiseite und lief auf dem weichen, beigen Teppich zum Fenster. Die Stadt breitete sich vor ihr aus, in niedrigen Wolken gelegen, gewiegt von Bergen, umgeben von Wäldern.

Irgendwo da draußen verfolgte sie ein Jäger. Sie konzentrierte sich auf ihre Spiegelung im Fensterglas, ein hohläugiger, gequälter Geist.

„Nun”, sagte sie zu ihrem Geist, „wenigstens musst Du nichts auspacken.” Keine Taschen, denn ihr Zimmer war wegen der Beweise versiegelt worden. Keine Waffe, denn die steckte in Jarods Tasche, verdammter Kerl. Nichts außer einem Kostüm, das nach Blut und Tod roch, und Schuhen, die sie niemals wieder tragen wollte.

Parker zog alles aus und lief nackt ins Badezimmer, wo sie die Badewanne in Poolgröße mit Wasser füllte, das heiß genug war, um sie zu desinfizieren.

Sie weinte nicht, bevor sie sich in diese Behaglichkeit gekauert hatte, im inneren immer noch kalt. Sie trocknete ihre Augen mit einem frischen Waschlappen, als sie das leise, unverwechselbare Klicken hörte, mit dem die Tür aufgeschlossen wurde.

Die Luft wich aus ihrem Körper. Sie fühlte einen kalten weißen Stich von Panik, stand auf, so leise sie konnte, und griff nach einem großen weißen Handtuch. Als sie aus der Badewanne stieg, griff sie nach dem Türgriff der geschlossenen Badezimmertür.

Er bewegte sich in ihrer Hand. Sie schritt zurück, aber nicht rechtzeitig; die Tür wurde aufgetreten, sie glitt auf nassen Fliesen aus und fiel zu Boden. Ihr Kopf schlug gegen den Rand der Badewanne, ein scharfer, heißer Aufprall, der die Welt grau und neblig werden ließ.

Sie brauchte ein paar Sekunden, um festzustellen, dass sich jemand über sie beugte. Jemand in der kastanienfarbenen Uniform des Hotelpersonals. Er hielt etwas in der Hand. Ein Funkgerät?

„Wir haben sie”, sagte er. „Ich brauche ein Bergungsteam, und seid vorsichtig, die FBI-Leute sind hier überall.”

Sie zwinkerte stark, als er ihren Hinterkopf auf Schädelfrakturen hin untersuchte. Fokussierte auf sein Gesicht.

„Tony?” fragte sie. Sie kannte seinen Nachnamen nicht; Sweeper hatten keine, und zur Hölle, sie verdienten sie auch nicht. Tony-der-für-Lyle-arbeitet. Dieser Tony.

„Keine Sorge, Miss Parker. Wir holen Sie hier raus. Denken Sie, Sie können aufstehen?”

„Wie —”

Tony reichte ihr eine große, harte Hand und zog sie in eine stehende Position. Sie brachte das Handtuch wieder sicher an seinen Platz. Gott, ein Sweeper. Lyles Sweeper. Sie würde es verdammt nochmal nicht erlauben, dass er sie nackt sah.

„Wir haben einen Tipp bekommen”, sagte er. „Ihr Vater ist wirklich besorgt, Miss Parker. Er will Sie zu Hause haben. Jetzt sofort.”

Als Tony die Tür öffnete, stand ein weiterer Sweeper davor und hielt ihre Kleidung. Es war Sam, großer, stiller, vertrauenswürdiger Sam, der auf Befehl ein Killer-Pitbull oder ein freundlicher Golden Retriever sein konnte. Nun, wenn jemand ihr die Unterwäsche reichen durfte, war Sam die beste aus einer schlechten Auswahl.

Sie riss ihm alles aus der Hand, wandte sich an Tony und sagte: „Raus. Sofort.”

„Ma'am”, sagte Tony, und verzog sich. Er zögerte, bevor er die Tür schloss. „Tut mir Leid wegen Ihres Kopfes, Ma'am.”

„Tut mir leid wegen Ihrem”, gab sie mit einem Lächeln zurück, das nur zu einem kleinen Teil ihren Schock tarnte, „berücksichtigt man, dass er rollen wird, wenn wir nach Hause kommen.”

Sie schlug die Tür zu, legte das Handtuch ab und zog sich an.

Das Bergungsteam — zwei weitere Sweeper mit einem modernen Mietwagen und Sonnenbrillen — trafen sie an einem der Lieferanteneingänge. Tony zog seine Hotel-Verkleidung aus, warf sie zusammen mit dem Generalschlüssel in einen Wäschereibehälter und entblößte dabei ein Schulterholster. Parker bekam es nicht genauer zu sehen, bevor er seine Sportjacke anzog, aber es sah nach einer Waffe aus, die sie hätte mögen können. Sehr sogar.

„Ich brauche eine Waffe”, sagte sie flach, und streckte ihre Hand aus. Sam und Tony wechselten einen Blick. Sam, der mehr unter ihrem Befehl stand, zuckte mit den Schultern und gab ihr eine schöne Ruger mit einem etwas größeren Gewicht als ihre eigene Waffe. Sie nickte und versuchte, sie in ihr leeres Holster zu schieben. Passte nicht besonders gut, aber gut genug.

Und überhaupt ... fühlte sie sich besser. Viel besser.

Tony öffnete ihr die Autotür, nur einen Schritt von Sam entfernt. Schmeichelte er sich ein, um seinen Job zu behalten? Gute Chance. Sie lehnte sich in den Rücksitz und nickte Sam zu; er nahm Tony die Tür ab und grüßte ausdruckslos, als er sie schloss.

Der Wagen beschleunigte sanft. Sie drehte sich um und sah, wie Tony und Sam zu einem weiteren wartenden Auto gingen. Sicher zurück in der tödlichen Umarmung des Centres.

Sie fragte sich, warum sie sich nicht besser fühlte.

„Miss Parker?”, fragte der Fahrer. Sie blickte ihn im Spiegel an, aber seine Augen verbargen sich hinter einer Sonnenbrille. „Der Jet wartet auf Sie. Wir werden Sie direkt hinbringen.”

„Wartet mein Vater auf mich?”, fragte sie. Die beiden Sweeper sahen sich an. Einer wandte seine Aufmerksamkeit wieder dem Fenster zu, das Äquivalent eines „ist-nicht-mein-Job”-Schulterzuckens.

„Nein, Ma'am”, sagte der Fahrer — der Verlierer. „Er sagte, er wird Sie sehen, sobald Sie zu Hause sind.”

Sie drehte sich um, um die vorbeihuschende, bewölkte Landschaft zu betrachten. Sie wusste, warum ihr Vater, als ihm klar wurde, dass sein kleines Mädchen allein war und von einem Serienmörder verfolgt wurde, nicht gekommen war, um sie zu retten. Sie hatte es die ganze Zeit gewusst, aber sie hatte sich nie erlaubt, es wirklich zu glauben.

Entbehrlich. Jarods Wort. Und er hatte, wie immer, Recht.

Sie zwinkerte ein Brennen in ihren Augen weg, das nicht wirklich von Tränen kam, und blickte gerade rechtzeitig durch die Frontscheibe, um eine alte Frau zu sehen, die die Bordsteinkante herunter taumelte, nur ein paar Meter vor dem Wagen, ein verschwommener Fleck blasser Haut und verknitterten Flannels.

Der Fahrer stand auf der Bremse, und Miss Parker drückte sich in die Sitze, als die Limousine quietschte und schleuderte, aber sie konnte ihre Augen nicht von der alten Frau abwenden. Die Frau sah arm aus, möglicherweise obdachlos, ein vager Ausdruck wandelte sich in schiere Angst, als sie sich zu dem Geräusch der Bremsen umwandte.

Miss Parker schloss ihre Augen, kurz bevor sie den dumpfen Knall des Zusammenstoßes hörte, dann das Echo der knirschenden Reifen, die etwas überfuhren.

Der Wagen kam zum Stehen. Für ein paar Sekunden gab es keinerlei Geräusch, dann stieß der Fahrer zischend den Atem aus, öffnete seine Tür und sagte: „Bleiben Sie hier, Miss Parker.”

Sie erhaschte einen Blick auf den wartenden Mann auf dem Bordstein, als der Sweeper ausstieg. Einen Herzschlag lang erkannte sie ihn nicht — nur ein durchschnittlicher Mann, durchschnittliche Größe, durchschnittliches Gewicht — und dann, als ob das Bild bei ihr eingeschnappt wäre, sah sie, wie er sie durch sich schließende Fahrstuhltüren anstarrte.

Er war es.

„Stop!”, schrie sie die Sweeper an, aber es war zu spät, sie waren bereits aus dem Wagen ausgestiegen und konzentrierten sich auf die Frau, die von dem Wagen überfahren worden war. Der Sweeper auf der Fahrerseite schwankte und wurde auf das Dach des Wagens geworfen. Er blockierte ihre Sicht, als er vor ihrem Fenster herabhing, aber sie wusste, noch bevor sie das Blut sah, dass er tot war.

Sie drehte sich zu dem Mann auf der anderen Seite des Autos um, aber er blickte nach unten, in die Nähe der Hinterreifen, sein Gesicht fahl und erledigt. Miss Parker griff nach dem Türgriff, aber er wackelte nutzlos in ihrer Hand. Natürlich. Sie würden nicht riskieren, dass sie ihnen entkam.

Sie hämmerte gegen das Fenster, als er sich niederbeugte, und er sah sie blicklos an, ungeduldig, gerade als ihr Durchschnittsmann sich hinter ihn stellte, sein Kinn nach oben riss und mit einer einzigen, geübten Bewegung sein Jagdmesser hineinstieß.

Miss Parker floh zurück vor den rubinroten Spritzern, die an ihr Fenster klatschten, und griff nach ihrer Waffe. Nicht ihre Waffe, sie war zu schwer, ungewohnt, fühlte sich nicht lebend und ansprechend in ihren Händen an, aber sie würde es tun, sie würde es tun müssen ...

Sie konnte durch das blutige Fenster nichts sehen. Sie warf sich herum, sah nach hinten heraus und erblickte eine Menschenmenge, die sich auf dem Bürgersteig zusammenballte, einige von ihnen schrieen nun und rannten weg, niemand bewegte sich, um zu helfen.

Wo zum Teufel waren Sam und Tony?

Sie konnte den Killer nicht sehen. Sie musste aus dem Auto heraus. Raus. Sie war wie ein Fisch im Fass, die Velours-Polster nichts anderes als die Auskleidung eines Sarges ...

Sie krabbelte über den Sitz auf die Beifahrerseite und griff nach dem Türgriff. Immer noch kein Zeichen von ihm, und ihr Herz schlug so fest, es war ein ständiger hämmernder Rhythmus in ihren Schläfen, Gott, Gott, bitte lass mich hier rauskommen, und ich schwöre, ich schwöre —

Sie bekam die Tür ganz leicht auf und kam schnell heraus, die Waffe schussbereit, und suchte nach Zielen. Niemand außer unschuldigen, flüchtenden Zivilisten. Die obdachlose Frau, die bei den Hinterreifen lag, blutete und bewegte sich nicht. Genauso wie der Sweeper. Wo zum Teufel war —

Hände griffen nach ihren Ellbogen und zerrten, hart, zurück. Sie fiel auf die Knie, schrie auf sowohl wegen ihrer schmerzenden Kniescheiben als auch vor Schreck. Sie versuchte, sich wegzurollen, um einen Schuss auf ihren Quälgeist anzubringen, aber die Hände behielten ihren festen Griff bei und zogen sie unbarmherzig zurück unter den Wagen.

Etwas stach in ihr Bein. Sie schrie wild auf und trat um sich, versuchte, die Waffe hochzukriegen, aber sie wusste, wenn sie es versuchte, könnte sie sich selbst genauso leicht wie ihn verletzen. Die Wärme eilte durch ihren Körper, falsche, chemisch erzeugte Wärme, die ihr ihre Angst und ihre Wut entzog und sie in kalten, weißen Nebel hüllte. Sie fühlte ein Gewicht von ihrer Hand verschwinden und wusste im nächsten Moment schon nicht mehr, dass es ihre Waffe war. Sie fühlte sich getragen.

Fühlte gar nichts mehr.


Teil 2

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