Fanfiction von Julie Fortune, übersetzt von Frosch
In der weichen, fast indigofarbenen Dunkelheit von Miss Parkers Schlafzimmer klingelte das Telefon. Sie öffnete ihre Augen, starrte an die schwingenden Schatten des Laubes an der Decke und diskutierte mit sich selbst darüber, ob sie drangehen sollte. Punkt eins: Es könnten Sydney oder Broots sein, die wegen Informationen über Jarod anriefen - eher nicht, und jede Information, die sie hatten, würden so hilfreich wie ein Turbocharger für einen Yugo sein. Punkt zwei: Es könnte so ein Perverser sein, der ihr ins Ohr stöhnte. Verlockend. Gott, sie wurde einsam. Punkt drei ... es könnte ihr Vater sein. Oder Neuigkeiten über ihn.
Sie nahm den Hörer ab, schob sich die Haare aus dem Gesicht und sagte: „Es sollte besser lebenswichtig sein, oder Sie werden einen Lebensretter brauchen.”
„Guten Morgen”, sagte Jarod. Verdammt, sie hatte gewusst, dass sie besser nicht drangegangen wäre.
„Machen Sie schnell, Jarod, denn hier ist es nicht Morgen, und ich bin nicht in der Stimmung für ihre kleinen —”
„Machen Sie eine Fahrt”, sagte er.
„Verpissen Sie sich”, schnappte sie.
„Tun Sie es.” Er legte auf. Sie nahm den Hörer von ihrem Ohr weg und starrte ihn ein paar Sekunden lang besorgt an. Jarod hatte eine Menge Eigenschaften - verärgernd und arrogant, um zwei zu nennen - aber er war nicht grob. Sie war grob. Sie mochte den Rollentausch nicht, überhaupt nicht.
Sie lehnte sich auf ihre Kissen zurück, starrte auf die vom Wind gepeitschten Schatten und entschied sich dafür, sich nicht auf Grund von Jarods neuester Wildgänsejagd um drei Uhr in der gottverdammten Frühe aufscheuchen zu lassen.
„Scheiße”, seufzte sie, und klappte die Bettdecke zurück.
Auch für Jarod war sie nicht gewillt, in einem Nachthemd und Hausschuhen herumzufahren; sie brauchte eine halbe Stunde, und als sie den Motor anließ, war sie jeder Zoll eine Parker — perfekt. Obwohl, wenn sie ohne Schlaf weitermachen würde — und das war ihre zweite Nacht in Folge —, dann wäre sie geeignet für eine Wagenladung Rabatte bei der nächsten Verkehrskontrolle.
Sie hatte den Rücksitz und den Kofferraum überprüft. Sie war zwar müde, aber nicht dumm.
Als sie auf die einzige echte Hauptstraße von Blue Cove einbog, klingelte ihr Autotelefon. Sie klappte es auf und ließ ihre Augen auf der Straße, als sie sagte: „Sie sollten was Gutes haben.”
„Sie überwachen ihre Gespräche zu Hause” sagte Jarod. „Was ich zu sagen habe, darf auf keinem Band zu finden sein.”
„Was macht Sie so sicher, dass dieses Telefon nicht abgehört wird?”
„Es ist nicht Ihr Telefon”, sagte er. Sie sah es sich an, hob ihre Augenbrauen und nahm es wieder an ihr Ohr. „Heben Sie das hier an einem sicheren Ort auf. Von nun an könnte es Ihr neuester bester Freund sein.”
„Was zum Teufel haben Sie ...”
„Hören Sie zu.” Wieder diese Klinge in seiner Stimme, diesesmal schärfer. Sie bremste vor einer roten Ampel und beobachtete ein Polizeiauto, das in der Gegenrichtung vorbeikam. „Ich habe Informationen darüber, dass jemand Ihren Tod befohlen hat.”
„Was?” Sie lachte. „Ach was. Danke für den Tipp, Jarod, aber das kaufe ich Ihnen —”
„Gehen Sie nicht in den Tower.”
„Ich war noch nie im Tower.”
„Dann fangen Sie jetzt nicht damit an. Seien Sie nur — vorsichtig. Und rufen Sie nicht Ihren Vater an.”
„Sie sind ja ekelhaft hilfreich. Was ist los, komme ich Ihnen zu nahe? Sie wollen mich loswerden, indem Sie versuchen, mich dazu zu bringen, meine Grenzen zu überschreiten?”
Jarod schwieg lang genug, dass die Ampel inzwischen umschaltete. Sie schaltete in den ersten Gang und fuhr einen weiteren halben Block weit, bevor er sagte: „Das ist das Problem, Miss Parker. Sie kommen nicht nah genug. Wenn Sie sich nicht mehr Mühe geben, werde ich wohl bald einen neuen Spürhund kennen lernen. Und — das will ich nicht.”
Sie spürte etwas Kaltes in ihrem Magen, trotz allem, was sie wusste. Daddy würde sie nie ersetzen lassen, und er würde sie sicher nicht töten lassen. Sie hatte Jarod in den letzten Wochen um Meilen verfehlt, aber das würde sich ändern — sie hatte das Prinzip oft genug in Broots und Sydney hinein gehämmert. Früher oder später würde Jarod etwas vergessen, und dann würde sie da sein, um ihn aufzulesen. So würde es funktionieren.
So sollte es funktionieren. „Also was bin ich, der Teufel, den Sie kennen?”
„So in der Art.” Jarod klang immer noch seltsam, zu ernsthaft, zu besorgt. „Sehen Sie sich nochmal an, was ich Ihnen in Sacramento zurückgelassen habe.”
„Sie geben mir Hinweise?”, schnappte sie. „Ich brauche Ihre Hilfe nicht.”
„Ich hoffe es”, sagte er. „Denn ich bin nicht sicher, ob ich Ihnen helfen kann. Viel Glück.”
Er legte auf. Sie warf das Telefon auf den Beifahrersitz, wechselte den Gang und ging so schnell in die nächste Kurve, dass ihre Reifen quietschten.
Bastard. Sie hatte nicht vor, ihn an sie herankommen zu lassen. Sie war Miss Parker, und es ging nicht an, dass sie etwas nicht unter Kontrolle hatte. Sie hatte einen schlechten Monat, was soll's!
Es war viertel vor vier. Sie raste an einem Polizeiauto vorbei und sah, wie die Lichter angingen, hörte die Sirene aufheulen. Lächelte fest.
Sie schaltete wieder, drückte aufs Gas und eilte den Toren des Centre entgegen. Sie setzten sich auf einen schwungvollen Druck auf ihrer Fernbedienung in Bewegung und rollten schwerfällig auf. Sie hatte das Bedürfnis, langsamer zu werden, schob es beiseite und blickte nach hinten, um zu sehen, ob die Polizisten immer noch da waren.
„Kommt, fangt mich”, sagte sie und raste durch die Tore, mit nur einem Zoll Abstand auf jeder Seite. Die Tore verlangsamten und begannen, sich zu schließen; das Polizeiauto kam zum Stehen, die Lichter noch an. Parker bremste und ließ den Motor im Leerlauf, beobachtete sie durch den Rückspiegel.
„Tut mir Leid, Jungs”, sagte sie, als sie eine Zigarette aus ihrer Schachtel nahm und sie anzündete. „Ich gewinne.”
Die Lichter gingen aus. Das Polizeiauto fuhr rückwärts und verschwand dann leise.
„Ich gewinne immer”, wisperte sie, und atmete eine Drachenwolke von Rauch aus dem offenen Fenster.
Broots kam zwei Stunden später und sah aus wie ein ungemachtes Bett. „Tut mir Leid, ich bin spät dran”, sagte er. „Ich musste Debbie fertig machen, und es ist nicht einfach, morgens um fünf einen Babysitter —”
„Persönliche Probleme”, sagte Parker, „sind persönlich.”
„Nun, ich konnte sie nicht allein —”
„Sagen Sie nicht, Sie haben sie mit hierher gebracht.” Sie mochte den Gedanken nicht, dass Debbie im Centre gefangen war, wenn auch nur für ein paar Stunden; das Centre konsumierte Kindheiten wie Bonbons — ihre, Jarods, Angelos und genauso hundert weitere.
„Nur für ein paar — sie ist in Ihrem Büro und hat sich hingelegt, aber meine Schwester kommt, um —”
„Toll. Wie auch immer. Wo zum Teufel ist Sydney?”
„Spät dran, schätze ich.” Broots zuckte mit den Schultern; sie warf ihm einen Blick zu, der ihn einfrieren sollte, und sah, wie er blass wurde. „Er, äh, hatte gestern abend eine Verabredung. Vielleicht ist es dabei spät geworden.”
„Eine Verabredung. Perfekt. Ich bin der Hölle. Sydney ist zu spät, sogar Jarod hat ein Sexleben, und ich habe Sie, Gott sei Dank nicht buchstäblich. Wo ist das Zeug aus Sacramento?”
„Ähm — genau hier.” Broots deutete auf den Arbeitstisch und blieb schön aus ihrer Schusslinie, als sie hinüber ging und begann, sich durch den Kram zu wühlen. „Genau — genau — ja, genau da. Diese da.”
Sie zog einen Umschlag aus dem Durcheinander und las die Zusammenfassung des Sweepers auf der Vorderseite. Dann nahm sie ein rotes Notizbuch mit den üblichen Zeitungsausschnitten heraus, und einen Lutscher.
Es war ein großer, weiß mit bunten Wirbeln, ein optischer Witz an einem Stängel. Miss Parker hielt ihn mit zwei gespreizten Fingern hoch, damit Broots ihn beurteilen konnte.
„Er ist — groß”, bot er an.
„Meister des Offensichtlichen. Die Analyse zeigt, dass es wohl genau das ist, wonach es aussieht.”
„Ein Lutscher”, sagte Broots hilfreich. Parkers Augen wurden groß.
„Was?”
„Ein — Lutscher —” Er schien zu merken, dass es keine so gute Idee war, das auch noch zu wiederholen, setzte sich vor den Computer und fing an, fleißig zu tippen. „Nun, das ist es doch.”
„Er nennt mich einen Lutscher?”
Broots tippte weiter, den Kopf gesenkt. Er wurde durch die sich öffnende Tür und die Ankunft von Sydney gerettet, der frisch geduscht, rasiert und verdächtig zufrieden aussah.
„Miss Parker”, sagte er heiter. „Guten Morgen. Fangen Sie heute früh an?”
„Ähm, sie fragt nach dem — nach dem —” Broots suchte sich offenbar den sichersten Kurs und vermied das Hauptwort. Sydney hob seine Augenbrauen beim Anblick der Süßigkeit, die immer noch wie eine tote Ratte zwischen Parkers Daumen und Zeigefinger hing.
„Ah”, sagte er. „Der Lolli.”
Parker fand den Gedanken wiederholungswürdig. „Nennt er mich einen Lutscher?”
„Jarod? Oh, das glaube ich nicht.” Sydney lächelte. Er verschränkte seine Arme in seiner, wie Parker dachte, Standard-Seelenklempner-Pose, aber selbst damit bekam er nicht das Glänzen aus seinen Augen. „Selbst vorausgesetzt, dass er diesen umgangssprachlichen Ausdruck nun kennt, denke ich nicht, dass Sie so viel hinein interpretieren sollten. Jarod ist selten so metaphorisch.”
„Tut mir leid, Ihr gesellschaftliches Leben zu unterbrechen, aber ich würde wirklich gern einen Hinweis auf Jarods neuen Aufenthaltsort finden, und ich würde ihn wirklich gern jetzt finden. Wenn Sie hier so vergnügt herumstehen, könnten Sie genauso versuchen, zu erraten, was zum Teufel das bedeutet.” Sie schob den Lolli in seine Hände.
„Miss Parker —”
Das Telefon summte nach Aufmerksamkeit. Sie griff danach, holte tief Luft und sagte: „Parker.”
„Ihre Anwesenheit wird im Tower benötigt.”
Das war alles. Eine männliche Stimme, keine, die sie kannte; ein mattes Klicken, gefolgt vom Freizeichen. Langsam legte sie den Hörer auf die Gabel zurück.
Nein. Sie holte tief Luft, dann nochmal, um sich zu stabilisieren, dann wählte sie langsam und sorgfältig die Nummer ihres Vaters. Sie hörte dem endlosen hohlen Klingeln zu, bis sie den leeren Trost eines Anrufbeantworters empfing.
„Daddy, sie haben mich in den Tower gerufen. Ich gehe jetzt. Ich — ich wollte nur, dass Du Bescheid weißt.” Jarod sagte ihr, nicht zu gehen. Aber sie hatte keine Wahl. Niemand sagte nein.
Ihr Vater hätte etwas wenig Tröstliches gesagt. Nichts, worüber man sich Sorgen machen muss. Nur eine Formalität. Aber Daddy log, oh Gott, Daddy log.
„Bye”, sagte sie, und wünschte sich, sie hätte es nicht getan. Sie fiel immer in eine schwache Position gegenüber ihrem Vater, selbst wenn er gar nicht da war.
„Der Tower?” Broots klang entgeistert. Sie sah ihn an, dann Sydney, und entschied, dass es das beste war, überhaupt nichts zu sagen.
Die einzige Person, die jemals im Tower gewesen und zurück gekommen war, war, soweit sie wusste, ihr Vater.
Selbst vor Sonnenaufgang war das Centre nicht leer — es waren Leute in den Korridoren, Techniker in Arbeitskitteln, glatte Profis, zwei Schritte vor der Lebensmittelausgabe. Es war beunruhigend, festzustellen, wie wenig von diesen sie bemerkte — Änderungen im Centre, und sie war zu sehr mit Jarod beschäftigt, um es zu merken. Ein Fehler. Im Centre war man schnell außen vor, wenn man etwas nicht merkte.
Sie ging an einer Tür vorbei und hörte trotz der ausgezeichneten Schalldämmung jemanden schreien, ein Geräusch so leise wie eine zirpende Grille. Sie lief ein wenig schneller, das Klacken ihrer hochhackigen Schuhe war das einzige Geräusch in diesem Teil der Halle.
Naja, dachte sie, als sie um die Ecke in Richtung Tower ging, wenigstens bin ich passend angezogen. Sie hatte sich heute morgen große Mühe geben, um dieses einwandfreie Donna-Karan-Kostüm anzuziehen, die Linien schärfer als Papier. Sie würde diesen Vorteil brauchen, und jeden verdammten weiteren, an den sie denken konnte. Jarod sagte, ich soll nicht gehen.
Am Ende des Ganges glänzten die schmucklosen Fahrstuhltüren. Keine Markierungen. Keine Knöpfe. Der Tower war nur für Eingeladene.
Sie lief weiter, klackende Absätze, kein Innehalten in ihrem Schritt, kein Verlangsamen, bis nur noch zwei Schritte nötig waren, um mit den Türen zusammenzustoßen.
Sie gingen zischend auf.
Drinnen stand ein Mann in maßgeschneiderten Hosen, einem bequemen Pullover, ein lässiges Hemd. Seine Schuhe kosteten mehr, als sie monatlich verdiente. Er gab ihr ein heiteres, leeres Lächeln und sagte: „Treten Sie ein, Miss Parker. Sie sind sieben Minuten zu spät.”
Sich ein Beispiel an ihrem Vater nehmend ging sie hinein, verschränkte ihre Arme und wandte ihm den Rücken zu. Kein Wort, sagte sie sich. Gib ihnen nichts, was sie benutzen könnten.
Die Türen fuhren zu. In dem kleinen Raum roch sie ein handelsübliches Parfüm, irgendwas mit zu viel Moschus und Sandelholz. Sie atmete so flach, wie sie konnte, und starrte an die glänzende, kalte, schmucklose Fahrstuhlwand. Ich fühle mich wie bei einem Fernsehabend.
Dass es keine Steuerung hier drin gab, machte es nicht besser.
„Sie stellen gar keine Fragen”, sagte er. „Untypisch. Die meisten stellen Fragen.”
Sie lenkte ihre Augen auf einen schmutzigen Fingerabdruck, hielt ihren Rücken gerade, ihren Mund geschlossen.
„Mein Name ist Mister Allen”, sagte er. „Sind Sie sicher, dass Sie mich nichts fragen wollen?”
Sie drehte ihren Kopf und sah ihn an. „Was dagegen, wenn ich rauche?”
Er lächelte eine falsche Entschuldigung. „Also, ja. Der Tower ist Nichtraucherbereich. Aus Sicherheitsgründen.”
Sie fragte sich, ob er ihr Feuerzeug konfiszieren wollte, und was er glaubte, was für einen Schaden sie damit wirklich anrichten konnte. Der Fahrstuhl kam mit zischender Pneumatik zum Stehen.
Die Türen blieben geschlossen. Parker wartete, bis die Stille bedrohlich wirkte, die Luft war dicht und verbraucht. Hermetisch abgeschlossen, dachte sie. Wie ein Insekt in einem Majonäseglas. Nicht gerade eine beruhigende Vorstellung.
Er streckte seine Hand aus. „Tut mir Leid, ist Vorschrift.”
„Wenn Sie meinen.” Sie rollte ihre Augen und machte Zigarette und Feuerzeug aus. Mr. Allen sah beides amüsiert an und hob seine Augenbrauen.
„Ihre Waffe, Miss Parker. Bitte.”
Sie überreichte sie mit eisigem Schweigen und hoffte, sie würde nicht zu sehr wie ein Dummkopf aussehen. Mr. Allen lächelte, als das Gewicht der Waffe in seine Hand fiel, und sie mochte diesen Blick überhaupt nicht.
Er gab kein Zeichen, aber die Tür zischte hinter ihr auf. Sie drehte sich um und machte ihren ersten Schritt in den Tower.
Ein weißer Raum, leer wie ein Schneefeld. Die Luft fühlte sich kalt und steril an, überklimatisiert, sie dachte verwirrt an ein Leichenhaus, kalter, glänzender Stahl, das Gurgeln von Wasser in Autopsieschläuchen. Ihr zweiter Gedanke war, dass sie in diesem Raum wie eine Kakerlake auf einer Hochzeitstorte wirkte, und sie hatte gerade ihre Waffe hergegeben.
Die Fahrstuhltüren schlossen sich zischend hinter ihr. Sie widerstand der Versuchung, danach zu sehen. Statt dessen öffnete sie sehr bedächtig ihre Zigarettenschachtel, nahm eine heraus und zündete sie an. Nahm einen tiefen, befriedigenden Zug, der heiße, ermutigende Geschmack löschte die Erinnerung an den scharfen Geruch nach Formaldehyd und vermoderndem Fleisch aus.
Ein Alarm klang auf, schockierend laut in der Stille. Parker nahm einen weiteren langen Zug von ihrer Zigarette und wartete.
Ein Teil der weißen Wand glitt zu ihrer Linken auf, und Mr. Allen sagte rügend: „Miss Parker.”
Sie warf die Kippe auf den Boden und drückte die Spitze ihres schwarzen Pumps darauf. Verschmierte sie langsam zu einem Schmutzfleck. Sie atmete eine graue Wolke aus, hob den Kopf und wartete.
Der Alarm verklang. Mr. Allen schüttelte den Kopf, eine Pappa-weiß-was-für-Dich-gut-ist-Geste, stand da und sah sie an.
„Entschuldigung” sagte sie, ohne es wirklich zu meinen, „Sie haben nach mir gerufen. Wollen Sie mir nicht sagen, warum?”
„Keineswegs”, sagte Mr. Allen, und bevor sie sich bewegen konnte, bevor sie auch nur atmen konnte, hatte er zwei schnelle Schritte auf sie zu gemacht und hielt ihr die Mündung ihrer eigenen Waffe an die Stirn.
Sie wich aus, fühlte ihren Magen unkontrolliert torkeln, weil sie eine leichte Freude am Töten in Mr. Allens braunen Augen sah, und sie wusste, was er für einen Job im Centre hatte, was in diesem trostlosen weißen Raum geschah. Sie hatte Recht gehabt. Es war eine Kakerlakenfalle.
Jarod hatte ihr gesagt, nicht hinzugehen. Sie fragte sich, ob es ihm leid tun würde, wenn sie tot war.
„Nette Waffe”, sagte Allen. „Gut in Schuss, saubergehalten — meine ich. Nett, eine Frau zu treffen, die ihre Aufmerksamkeit den wichtigen Dingen des Lebens schenkt, wie ich immer sage. Und ich muss sagen, Miss Parker, Sie tun das definitiv. Frisiert, gebügelt, lackiert — Sie sind in vollem Harnisch, nicht wahr? Aber Sie sind nicht kugelsicher, fürchte ich.”
„Was wollen Sie?” Sie fragte ruhig, in einem so ruhigen Ton, wie sie nur konnte. Keine plötzlichen Überraschungen, bitte nicht, lieber Gott. Sie spürte das heiße Kribbeln von Schweiß auf ihrem Rücken.
„Es geht nicht darum, was ich will, Miss Parker. Ich bin lediglich der Bote. Sie wissen doch, was man immer sagt, töten Sie nicht den Boten? In diesem Fall ist es allerdings eher das Gegenteil.”
Sie schluckte hart und zwang ihre Augen, in seine zu sehen. Sie spielte ihre einzige Trumpfkarte aus. „Ich hoffe, Sie haben meinen Vater gefragt.”
„Machen Sie sich keine Sorgen”, sagte er. „Ihr Vater wurde vollständig informiert. Er stimmt dem Bedarf nach — extremen Maßnahmen zu.”
Er war sich darüber so sicher, dass sie ihre Knie weich werden fühlte. Daddy? Er konnte nicht, er würde nicht, sie hatte alles für ihn getan —
„Wenn Sie es tun wollen, tun Sie es. Sie langweilen mich.” Ihr letztes Spiel. Ihre Hände waren an ihren Seiten zu Fäusten geballt, um das Zittern zu verbergen, ihr Herz flatterte in ihrer Brust. Sie versuchen nur Dich einzuschüchtern er versucht nur Dich einzuschüchtern schau nicht weg zeig ihm Deine Angst nicht er wird nicht ab—
Er entsicherte die Waffe. Sie schluckte Galle und stellte fest, dass sie trotz allem den Mut hatte, in seine Augen zu starren, als er abdrückte.
Klick.
Keine Patrone. Sie japste, unfähig, etwas dagegen zu machen, fing sich selbst mit eisernem Willen ab und zwang sich, ruhig zu stehen, als Allen die Waffe herunternahm.
„Ich denke, ich habe jetzt Ihre Aufmerksamkeit, Miss Parker. Das Management ist nicht glücklich mit der Art, wie Sie in letzter Zeit die Suche nach Jarod durchgeführt haben. Sie möchten Sie doch sehr dringend auffordern, Jarod dorthin zurückzubringen, wo er hingehört. Nicht nächstes Jahr, nicht nächsten Monat. Sofort.”
Nun, nachdem die Angst in Stille gefroren war, spürt sie das Anschwellen von Wut, echte reine Wut, und sie ist froh, dass Mr. Allen die Waffe hält, denn wenn sie in ihrer Hand wäre, hätte sie mehr Löcher in ihn geschossen wie drei Runden auf einem Minigolfplatz.
„Habe ich mich klar ausgedrückt?”, fragte er und lächelte.
„Kristallklar.” Sie zischte die Antwort und zitterte nun vor Verlangen, ihre Nägel durch sein Gesicht zu ziehen, ihm mit ihren hochhackigen Schuhen zwischen die Beine zu treten und ihn so fertig zu machen, dass er nie mehr auf die Idee kommen würde, dafür zu sorgen, dass sie sich so schwach fühlte.
Er langte zur ihr hinüber und steckte eine kleine weiße Karte in ihre Tasche, tätschelte sie besitzergreifend. Ich töte Sie, dachte sie. Es war das einzige, woran sie denken konnte.
„Führung ist Motivation”, sagte er. Die Türen des Fahrstuhls hinter ihr öffneten sich. „Gehen Sie und handeln Sie danach. Sie haben genau vierzig Stunden, um mir Jarod zu bringen — meine Nummer steht auf der Karte, rufen Sie mich an, wenn Sie ihn haben. Rufen Sie sonst niemanden an, nicht Ihren Vater, nicht Ihre Freunde, nicht einmal den Geist ihrer lieben abgereisten Mutter. Wenn Sie das tun, Süße, dann werde ich Sie vielleicht am Leben lassen.”
Broots war nicht in ihrem Büro, als sie dorthin zurück kam, was ein großer Segen war. Sydney kam sofort auf seine Füße, als er sie sah. Es gab Momente, da fühlte sie etwas so Starkes für Sydney, wie eine Art Liebe — ein Vertrauen, das an Schmerz grenzte. Sie musste sich bei ihm nicht verstellen.
Sydney öffnete seine Arme, und sie lehnte sich gegen ihn, ließ ihre Schwäche zwei oder drei Herzschläge lang zu, bis Sydney fragte: „Was haben sie Ihnen angetan?”
Das war die ganze Nachsicht mit sich selbst, die Parker erlauben würde. Sie schritt beiseite, zwinkerte ihre Augen frei und zuckte mit den Schultern. „Sie haben etwas klargestellt.”
„Und was?”
„Sie wollen Jarod mehr als mich. Und mein Vater —” Ihre Stimme brach. Sie holte Luft und wandte sich von ihm ab, kämpfte es herunter. „Mein Vater ist damit einverstanden.”
Sydneys Hand fiel warm auf ihre Schulter. „Haben sie Sie bedroht?”
Ihr Lächeln war manisch und nicht wirklich fest. „Oh ja. Allerdings.”
Er drückte ihre Schulter fest. Seine Wärme an ihrem Rücken war tröstend und gefährlich, denn sie konnte sich den Luxus eines Schwätzchens jetzt nicht leisten, es gab etwas zu tun, etwas, was sie tun musste.
„Wir haben vierzig Stunden”, sagte sie, und wandte sich ihm zu. Sydneys Gesicht war gezeichnet und besorgt.
„Und dann?”
„Und dann werden sie jemanden schicken, der meinen Schreibtisch ausräumt, und Sie werden Spenden für meine Beerdigung sammeln. Aber so weit wird es nicht kommen, Sydney.” Parker ging hinüber zum Arbeitstisch mit dem Berg von Landkarten, Notizbüchern und Berichten. „Weil ich Jarod finden werde.”
„Parker —”
„Nein!” Sie wirbelte zu ihm herum. „Nein. Keine weitere Diskussion. Ich brauche Ihre ganze Anstrengung, Sydney, und ich weiß verdammt gut, dass Sie uns nicht alles gesagt haben, was Sie wissen. Sehen Sie, es gab Zeiten, da habe ich — aber jetzt nicht mehr. Es geht um mein Leben, Sydney.”
„Und um seines”, sagte Sydney nüchtern. „Denken Sie auch daran.”
Sie fand ein neues Ziel, als Broots die Tür öffnete, er sah verwirrt aus. „Miss Parker —”
„Kommen Sie rein”, schnappte sie. „Keine weiteren PTA-Ausflüge, keine Spaziergänge im Zoo, Sie bleiben hier, also gewöhnen Sie sich dran. Wenn Sie keinen Babysitter finden können, schicke ich Debbie in ein gottverdammtes Internat, aber ich brauche Ihre Konzentration, verstehen Sie?”
Er wich zurück, ein Plastikbeutel in einer Hand schwang wild. „Äh — ja. Meine Schwester hat sie gerade abgeholt und wird sie bei sich behalten — jemand bat mich, Ihnen das hier zu geben —”
„Was auch immer.” Parker wandte sich wieder dem Arbeitstisch zu und nahm den Lolli. „Was zum Teufel bedeutet das? Sydney? Wenn er damit nicht sagen will, dass ich ein Lutscher bin, was meint er dann damit, denkt er, dass ich süß bin und er mich abschlecken will?„
„Äh, Miss Parker —”
„Was ist, Broots?”
Er reichte ihr die Plastiktüte so vorsichtig, als würde er einen Grizzly füttern. Sie griff hinein und brachte ihre Waffe zutage — die Trommel wiederhergestellt, mit zusätzlicher Munition. Eine unmissverständliche Erinnerung. Sie sicherte die Waffe, steckte die zusätzliche Kugel ein und sah die beiden an.
„Ich habe weniger als vierzig Stunden”, sagte sie. „Ich brauche Ihre Hilfe. Sie beide. Bitte.”
Broots sank langsam in einen Stuhl, sein Gesicht fahl. „Die Waffe — das war eine Botschaft, oder?”
„Nein. Das war die Pointe eines Witzes. Helfen Sie mir, Jarod zu finden — wenn nicht für mich, dann für sich selbst, denn niemand wird sich länger als zehn Minuten mit Ihrer Inkompetenz abgeben, wenn ich nicht da bin.”
Broots sagte: „Sind Sie okay?”
Es berührte sie auf eine unerwartet zärtliche Art. Sie traute sich nicht zu, zu sprechen, nickte, verschränkte ihre Arme und ging hinüber zu dem Tisch, der mit nutzlosen Hinweisen beladen war, die ins Nichts führten.
Vierzig Stunden. Neunundreißig, und es wurden weniger.
Sydney sagte: „Dann schlage ich vor, dass wir an die Arbeit gehen.”
„Was meinen Sie damit, Sie haben nichts?” Parkers Stimme, ein wenig heiser von einer wachsenden Anzahl von Zigaretten, zu viel Kaffee und Vivarin, war gefährlich sanft. Sie schwebte nah über Broots' Schulter, eine intime Nähe, eine nicht ganz subtile Botschaft, dass er keinen persönlichen Raum hatte, in den sie nicht eindringen konnte. Als sie sich zurückzog, war es nicht, weil sie es sich anders überlegt hatte, sondern weil der Geruch von Broots' Versagerhemd selbst für sie zu viel war.
„Parker”, sagte Sydney müde, von seinem Platz am Arbeitstisch aus, den Kopf gesenkt, in Jarods Notizbücher versunken, oder vielleicht überflog er sie auch nur. „Er tut sein bestes.”
„Nicht. Gut. Genug.” Sie schnitt jedes Wort einzeln ab. „Broots, Jesus, machen Sie eine Suche auf den Vornamen Jarod, in Gottes Namen. Sie haben ein ungefähres Alter. Früher oder später werden Sie einen Treffer haben.”
Broots schob seinen Stuhl zurück und drehte sich zu ihr um. Seine Augen waren blutunterlaufen, seine Hände zitterten, und er sah ärgerlich genug aus, um den Tisch in zwei Hälften zu zerschlagen — oder sie.
„Ich hab' bislang über eine Million Möglichkeiten eliminiert, und ich muss nur noch durch eine halbe Million durch.”
„Nutzlos”, zischte sie. Sie meinte nicht so sehr ihn selbst als das, was er repräsentierte, das Gespenst eines Fehlschlags, den Schatten einer Waffe. „Sechs Affen könnten das besser.”
„Dann sollten Sie sich vielleicht ein paar Schimpansen holen”, schoss Broots zurück.
Sydney ging dazwischen, die Hände erhoben, und sie und Broots gingen einen dringend notwendigen Schritt zurück.
„Broots, warum legen Sie sich nicht eine Weile hin, ruhen —”
„Wir haben keine Zeit zum Schlafen”, unterbrach ihn Parker. „Achtundzwanzig Stunden, Sydney. Die Uhr läuft.”
Broots setzte sich abrupt hin, als ob seine Beine nachgegeben hätten. Parker drehte sich zu schnell um, schwankte, und spürte Sydneys unterstützende Hand unter ihrem Arm, als ihre Muskeln gegen die Schwerkraft kämpften. Er brachte seine Lippen nah an ihr Ohr und sagte: „Sie helfen ihm oder sich selbst nicht damit. Bitte. Lassen Sie ihn arbeiten.”
Sein Kopf liegt nicht auf dem Hackklotz, wollte sie schon zurückfeuern, dann überlegte sie es sich anders. Broots hatte seine Karriere und möglicherweise sein Leben in mehr als einem Fall für sie riskiert, genauso wie Sydney, und bei einem politischen Putsch wurde meist nicht nur der General erschossen.
Sie ging zur Couch, setzte sich, schloss ihre Augen. Ihre Wirbelsäule schien zu schmelzen, drückte sie tiefer und tiefer in die Polster, und sie floss aus ihrem Körper, als sie sich selbst sagen hörte: „Tut mir Leid, Broots.”
„Noch eine halbe Million”, antwortete er. „Sie sollten die Schimpansen besser dransetzen, ich brauche eine Kaffeeepause.”
„Sydney, verbinden Sie mich mit dem Zoo”, murmelte sie. Er lächelte sanft, bedecke seine Lippe mit einem Zeigefinger und ging zurück an seine Arbeit.
Sie träumte von ihrer toten Mutter im Fahrstuhl, ein Nebel aus Blut und Hirnmasse an der Wand hinter ihr, erwachte zitternd und noch kaputter als vorher. Broots, der ihre Bewegung wahrnahm, schüttelte den Kopf. Kein Fortschritt. Parker stand auf, spielte mit den Dingen, die Jarod zurückgelassen hatte — eine Spiderman-Figur, ein Plastikbehälter mit Slime, ein Pez-Spender —
„Haben Sie etwas gegessen?”, fragte Sydney sie sanft. „Ich könnte Ihnen etwas holen.”
„Muss ja eine tolle Verabredung gewesen sein, Sydney” sagte sie. Ihre Stimme fühlte sich wie Sandpapier in ihrer Kehle an. Er lächelte.
„Annehmbar.”
„Es freut mich, dass es wenigstens einem hier gut geht.” Parker nahm den Pez-Spender, legte ihn wieder weg und untersuchte den Lolli.
Sie war so müde, so hungrig, so tief deprimiert, dass sie dachte, zum Teufel, wenn ich ihn nicht finden kann, warum soll ich das als Ersatz da lassen?
Und steckte sich den Lolli in den Mund.
Und spuckte ihn total geschockt wieder aus. Sie wandte sich mit großen Augen zu Sydney und Broots um und hielt ihnen den Lolli hin. „Sydney, er spricht.”
Sydney warf ihr einen typischen Arztblick zu und sagte vorsichtig: „Miss Parker, eine kurze Pause —”
„Vergessen Sie Sigmund, ich bilde mir nichts ein. Dieses verdammte Ding spricht.”
Sydney und Broots kamen näher, um sich den Lolli anzusehen, betrachteten ihn, als würde er plötzlich lyrische Verse ausspucken.
„Jetzt sagt er nichts”, sagte Broots.
„Ja, Sie Genie, aber er hat. Er sagte —” Sie wusste, wie sich das anhören würde, aber sie hatte nicht wirklich eine Wahl. „Er sagte 'beiß mich'.”
Broots würgte, hustete und wurde unter ihrem Blick blass. „Ich — ich brauche etwas Wasser.” Er floh auf den Gang.
Sydney gab sich keine Mühe, ein Lächeln zu unterdrücken.
„Ich bezweifle, dass er meint, was Sie denken. Jarod rechnet mit Fehlinterpretationen.”
„Hören Sie auf zu grinsen”, sagte sie. Er machte einen Kompromiss und bedeckte das Lächeln mit einem gekrümmten Finger. „Denken Sie, ich soll reinbeißen?”
„Das sagt er jedenfalls.”
Sie nahm den Lolli in den Mund, biss zu und wünschte sich, sie könnte in etwas Sinnvolleres beißen, zum Beispiel in Allens Genick. Zucker splitterte, und sie spuckte die Teile vorsichtig in das Taschentuch, das Sydney ihr hinhielt. Jarod, wenn Du das Ding mit Abführmittel überzogen hast -
Der hölzerne Stängel, nun freigelegt, sprach tatsächlich. „Beiß mich. Beiß mich. Beiß mich.”
Parker drehte den Stängel mehrfach herum, bis sie den auf einer Seite eingelassenen winzigen Microchip fand.
Auf der anderen Seite fand sie eine Notiz.
„Syd”, sagte sie, und zeigte ihm den Stängel. Er schielte bewertend auf den Namen.
„Keene?”
„Das steht da jedenfalls. Vielleicht das Lollipop-Äquivalent von Inspektor Nummer 12.”
„Jarods Botschaften sind niemals zufällig”, sagte Sydney, als ob sie das nicht schon gewusst hätte. „Vielleicht sollten wir mal sehen, wo Broots bleibt.”
Parker warf ihm das Lächeln eines Killers zu. „Oh. Lassen Sie mich das machen.”
Jarod fragte sich von Zeit zu Zeit, ob das, was er tat, nicht einfach nur richtig, sondern auch gesund war — er zog daraus ein schreckliches Maß an Befriedigung. Es hatte sicher eine schon sadistische Qualität, die Sydney vielleicht sehr informativ finden würde.
Aber wenn er Männer wie Ken Havens sah, Männer, die in der Lage waren, Trauer wie einen Regenmantel anzuziehen, sich ihren Weg aus dem Gefängnis freizuschluchzen — Männer, die dazu fähig waren, eine Frau und ein Kind in eine mit Kohlenmonoxid gefüllte Garage einzusperren, um an ihre Versicherungen heranzukommen und an eine habgierige Geliebte — Sadismus war, glaubte er, eine sehr vernünftige Antwort.
Er war acht Jahre alt. Jarod nahm sein Notizbuch heraus, und obwohl er es in der Dunkelheit nicht lesen konnte, kannte er die Inhalte aus seinem Herzen, das herzerweichende Bild von Havens Sohn Brian. Acht Jahre alt war er und bekam eine Chemotherapie wegen Leukämie, aber er hätte leben können, er hätte leben können, und Du konntest das nicht zulassen, Ken. Brian und seine Mutter hatten Lebensversicherungen, die bei Unfalltod ausbezahlt werden würden. Und es hatte so sehr wie ein Unfall ausgesehen.
Jarod zählte seine Atemzüge und wartete auf die Ratte, die am Käse knabbern wollte. Er dachte daran, wie es war, in der Dunkelheit zu ersticken. Er hatte es mehrfach für Sydney und später für Raines simuliert. Nicht angenehm, aber dann war er in der Lage gewesen, es abzustreifen, die Tränen und den Schweiß von seinem Gesicht zu wischen und in tiefen Atemzügen reinigende Luft einzuatmen. Kohlenmonoxid bedeutete Ersticken, und das nicht kurz und schmerzlos. Mord war nie schmerzlos.
Also solltest Du einen kleinen Vorgeschmack auf die Hölle bekommen. Absolut.
Er erstarrte, als er das Kratzen von Schuhen draußen auf dem Zement hörte. Die Tür ging auf und ließ die Nachmittagssonne wie Wasser hereinfließen. Er hörte den Lichtschalter klicken, an und aus, an und aus, als Ken wahrscheinlich feststellte, dass die Birne nicht funktionierte.
Natürlich funktionierte sie nicht. Jarod hatte sie vorsichtig durch eine ausgebrannte Birne ersetzt, eine, die auf normale Weise kaputt gegangen war. Keine Abdrücke. Es hatte auch keinerlei Hinweise auf einen Mord an Brian und Theresa gegeben — aber Ken war Mechaniker, und er hatte gewusst, wie er es anstellen musste. Eine fensterlose Garage, ein defekter Türmotor, die falschen Autoschlüssel. Ken hatte den Wagen vorher angelassen, um ihn für sie warmlaufen zu lassen.
Es gab Zeiten, da zweifelte Jarod an dem, was er tat, aber das hier gehörte nicht dazu. Er konnte es nicht auf legale Art beweisen, es gab nicht genug physische Beweise, aber er konnte seine eigene Art von Gerechtigkeit anwenden.
Geh weiter, dachte Jarod. Er schloss seine Augen und hörte Ken frustriert vor sich hin schimpfen, hörte, wie der andere Mann die äußere Tür verkeilte und das Kühlhaus betrat, das fast genau so groß war wie ein Sarg, um das Geld zu holen, das er darin aufbewahrt hatte.
Die Tür fiel zu. Kens Schrei klang winzig und ohnmächtig, fast lästig. Jarod schaltete seine Taschenlampe ein, lief zur Vorderseite des Kühlhauses herum und schien mit dem Licht durch das schmale, dickglasige Fenster. Winkte Kens verzerrtem Gesicht zu.
„Keine Sorge”, sagte er. „Sie haben genug Luft für mindestens zehn oder zwanzig Minuten, wenn Sie aufhören, zu schreien.”
Er schaltete das Licht aus, schloss die Tür und ging um die Ecke zur Telefonzelle.
„Hallo, Polizei?” Er lehnte sich gegen die zerkratzte Plexiglas-Scheibe und packte einen Lolli aus — saurer Apfel. „Ich denke, jemand könnte einen Unfall gehabt haben. Könnten Sie jemanden hierher schicken? Ich glaube, da steckt jemand in einem Kühlhaus fest.”
Die Vermittlerin versprach es. Jarod setzte sich auf einen Stumpf, um sich an dem Sieg zu erfreuen, der kühlen Abendbrise, und einem Sonnenuntergang, für den man sterben könnte.
Wie immer hatte er alles doppelt abgesichert; die Polizei brauchte weniger als fünf Minuten, aber für den Fall, dass sie es nicht schaffen sollten, hatte er den Verschluss-Stift des Schnappschlosses abgefeilt. Ein wirklich kräftiger Stoß würde es aufdrücken — und Ken war stark genug.
Er aß seinen Lutscher auf, als das Orange unter dem Horizont glitt und die ersten Sterne zu sehen waren. Das erste unangenehme Prickeln von Unruhe traf ihn. Sie hätten jetzt da sein müssen. Oder Ken hätte herauskommen müssen.
Er lief zurück zum Lagerhaus. Zu dunkel, um jetzt noch ins Kühlhaus sehen zu können, aber die Tür war immer noch geschlossen. Jarod nahm die Taschenlampe aus seiner Tasche und schaltete sie ein.
Tote Augen starrten zurück, das Gesicht verzerrt, der Mund weit offen.
Nein, dachte Jarod, und einen Gedanken lang dachte er, es sei eine Art Spiel, ein Witz, hahaha, sehr lustig, und dann schlug der Horror zu. „Nein!”
Er griff nach dem Kühlhausgriff, zerrte fest daran. Noch fester. „Nein!”
Die Tür war zu. Er ließ die Lampe fallen, fasste die Klinke mit beiden Händen, zog mit aller Kraft, zog, bis er Blitze vor seinen Augen sah, und schließlich, mit einem metallenen Schnappen, gab die Klinke nach, das Kühlhaus ging auf und ein toter Mann fiel heraus und in seine Arme.
Tot. Das Wort hatte für ihn den Anschein von Irrealität. Er hatte das nicht geplant, das durfte nicht geschehen. Jarod rollte den Körper auf den Rücken, suchte an dem abkühlenden Hals nach einem Puls, kämpfte das Gefühl von bitterem, schwindligem Horror herunter und begann eine Herzmassage, eins zwei drei vier fünf atmen. Die Lippen des Mannes waren schlaff und kalt. Jarod machte noch eine Massage, nochmal Atmen, und nochmal, und nochmal.
„Sie kommen”, keuchte er, und unterbrach nur, um einen Puls zu suchen. Nichts. „Halten Sie durch, Ken, die Polizei ist unterwegs, halten Sie durch, bitte, tun Sie das nicht, bitte —”
Er machte weiter, in einsamer Panik, fast eine Stunde, bis er zusammenbrach, japsend, erschöpft, verschreckt, einsam.
„Sydney”, flüsterte er. Tränen nahmen ihm die Sicht. „Oh Gott, Sydney, hilf mir. Ich will aufhören. Bitte.”
Aber es war keine Simulation. Es war Realität. Die Realität hörte nicht auf, nicht einmal für Pretender.
Er schlang seine Arme um sich und weinte.
Die Polizei kam nicht.
„Hab ihn”, sagte Broots. Er lehnte sich von der Tastatur zurück und ermöglichte Parker und Sydney, einen Blick zu erhaschen. „Jarod Keene. Geboren am 5. April 1960 in Seminole, Kansas —”
”Wir brauchen ein Bild.”
„Da liegen irgendwo langsame Leitungen dazwischen. Warten Sie.” Broots massierte seine Schläfen. „Mann, er ist gut. Gott sei Dank haben Sie diesen Namen gefunden, denn mit der Stichwortsuche hätte ich ihn nie gefunden. Er hat ein Leerzeichen an den Anfang des Datensatzes gesetzt. Ich hätte Jahre suchen und nichts finden können.”
„Was auch immer. Bild.”
Keene konnte alles sein — eine Sackgasse, ein weiterer Jag-Deinen-Schwanz-Trick, nur dass die Sackgasse dieses Mal oben in diesem kalten weißen Raum endete, und dass es Parkers war. Bitte, dachte sie. Jarod, bitte, gib mir eine Chance.
Auf dem Bildschirm wanderten graue Linien langsam herunter, teilten sich in hell und dunkel, Schatten und Licht.
Es gab eine Schrecksekunde, bevor Broots das Offensichtliche erklärte: „Oh mein Gott, er ist es.”
Sydney sank in einen Stuhl, sein Kopf war gesenkt. Sie fragte sich, ob seine Körpersprache Erleichterung oder Bedauern ausdrückte.
Parker sagte: „Broots, sagen Sie mir, dass Houdini eine Adresse auf diesem Führerschein hat.”
„13725 Willow Park, William's Point, Virginia. Sieht wie ein Industriegebiet aus — ich hole mir gerade die GPS-Daten.”
Broots spielte auf seiner Tastatur wie ein klassischer Pianist, eine sichere und zierliche Berührung. Parker sah das Satellitenbild näherkommen — drei weitere Vergrößerungssprünge, und sie blickten auf ein altes Lagerhaus, die meisten Fenster zerbrochen.
„Wie ich sehe, ist er in der Welt herumgekommen”, sagte Parker. „Hat das Ding Infrarot?”
Broots schaltete auf schwarz-weiß um, unheimlich und außerirdisch. An einem Fenster glomm Licht. Ein anderes von der Motorhaube eines geparkten Autos.
„Da ist jemand in diesem Raum”, zeigte Broots. „Und dieses Auto steht noch nicht lange da.”
Parker klappte ihr Handy auf und drückte eine Kurzwahltaste. Sobald die Verbindung hergestellt war, vor jedem Geplänkel, sagte sie: „Helikopter auf dem Dach, in zehn Minuten.”
Die Stimme am anderen Ende der Leitung versuchte, ihr das auszureden. Unklug.
„Ja, ich weiß, wie spät es ist”, sagte Parker in ihrem tödlich-süßesten Tonfall. „Dreißig Sekunden nach Ihrer Hinrichtung. Holen Sie mir den Heli sofort dorthin, oder ich werde Sie persönlich umbringen.”
Sie ließ das Telefon zuschnappen, blickte sich im Büro um und sagte: „Satteln Sie die Pferde, wir fahren.”
Das einzige verfügbare Auto bei der Autovermietung in William's Point war eine Geschäftslimousine, nicht die Sorte, an die Parker gewöhnt war. Sie fuhr, stand auf dem Gaspedal, blickte hin und wieder auf ihre Uhr, als ob sie damit die Zeit verlangsamen könnte.
Sydney blickte ebenfalls auf seine Uhr, und das machte es offiziell. Nicht gut.
„Hier rechts rauf”, sagte Broots, seine Augen auf den Laptop-Monitor gerichtet. „Achten Sie danach auf eine Straße zur Linken — Bruton Street. Dort links, dann rechts, dann sind wir da.”
Parker verlangsamte, als sie zum Willow Park einbog. Sie löschte die Lichter und trieb den Wagen die Straße rauf. Kein Licht in den Fenstern. Sie parkte, griff in ihre Tasche, zog eine Waffe heraus und gab sie Sydney.
„Äh, kann ich auch eine haben?”, fragte Broots.
„Nein”, sagte Parker, dann änderte sie ihre Meinung. Sie gab ihm eine gleichartige Waffe. „Sie ist entsichert. Wenn Sie mich erschießen, bringe ich Sie um.”
Sie zog ihre eigene Waffe, prüfte den Clip, und nickte Sydney zu. Er griff nach ihrem Ellbogen, als sie aussteigen wollte.
„Miss Parker.” Sie riss sich los, hörte ihm aber zu. „Bitte. Ich weiß, wie wichtig das hier ist, aber — tun Sie mir den Gefallen — versuchen Sie, ihn lebend zu bekommen.”
„Oh, ich habe nicht vor, ihn zu töten”, sagte sie. „Glauben Sie mir, ich brauche ihn mehr als Sie.”
Sie löste den Schlitten und ließ die Trommel herumgleiten und schritt dann in die dicke, feuchte, magnoliendurchsetzte Dunkelheit.
Parker glitt wie ein Panther in den Raum und verschmolz mit den Schatten. Es gab kein Licht, nur das gedämpfte Leuchten einer Straßenlaterne durch ein glasloses Fenster zeigte ihr die glänzende Kette von Industriekühlhäusern.
Sie blieb stehen und schaltete ihre kleine Taschenlampe ein, überprüfte den Boden, um sicher zu sein, dass sie nicht auf irgend einen Schutt treten würde, und leuchte damit —
— direkt in die glasigen Augen einer Leiche. Sie gab ein wortloses, schockiertes Geräusch von sich und schritt zurück, zwei Riesenschritte, ihre Waffe kam nach oben und wippte von einer Ecke in die nächste. Jarod? Oh Gott, nein. Nicht jetzt. Bitte lass ihn nicht tot sein.
Kein Geräusch außer ihrem eigenen Atem. Sie wollte es nicht, trotzdem beugte sie sich vor, um den Puls zu fühlen, aber da war schon lange keiner mehr, kalt und gummiartig. Der Geruch von entleerten Därmen war stark genug, um ihn zu schmecken. Parker hustete und legte eine Hand über ihren Mund, um ihre Abscheu herunterzuschlucken, und zwang sich, das Gesicht näher in Augenschein zu nehmen.
Nicht Jarod. Dieser Mann war vierzig, tendierte zum Dickwerden, blond, eine Glatze zeichnete sich ab. Sein Mund stand offen wie ein Scheunentor.
„Ich habe ihn umgebracht.” Jarods Stimme, dicht hinter ihr. Parker schwang herum, immer noch in der Hocke, zielte mit der Lampe und der Waffe zusammen. In der Ecke, neben einem Haufen Kisten, hob ein Schatten seinen Kopf. Er sah schlimm aus — gequält, verwundet. Sie hatte ihn noch nie so gesehen, und es stellten sich ihr sämtliche Nackenhaare auf.
„Keine Bewegung”, sagte sie. „Ich will Sie nicht erschießen.”
Er machte ein Geräusch, das wohl ein Lachen werden sollte, aber dann erstarb. „Ich wünschte, Sie würden es tun.”
„Parker?” Sydneys Stimme vom Eingang her.
„Bleiben Sie zurück!”, rief sie, und kam langsam auf ihre Füße. „Er ist hier drüben.”
Sie machte einen Schritt auf ihn zu. Zwei. Drei. Er würde es jetzt tun. Er würde ausbrechen.
Sie ging direkt auf ihn zu, und er senkte seinen Kopf auf die Knie. Es war die Haltung eines verwundeten Kindes.
„Jarod”, sagte sie mit ihrer sanftesten Stimme, die, die sie von ihrer Mutter kannte. „Es ist jetzt in Ordnung. Ich werde Sie nach Hause bringen.”
„Ich habe ihn umgebracht”, sagte er. Als er zu ihr aufsah, glitzerte sein Gesicht vor Tränen, und seine Augen sahen blind aus. „Ich weiß, was er fühlte — er starb hier drin in der Dunkelheit, konnte nicht atmen. Ich habe ihm das angetan —”
„Schsch”, flüsterte sie. „Wir werden später darüber reden. Alles ist jetzt gut.”
Sie nahm seine Hand. Sie fühlte sich kalt und schlaff an, gefühllos wie die der Leiche. Schock, dachte sie. Muss ihn aufwärmen. Das wichtigste zuerst, bring ihn hier raus, bring ihn ins Auto, ruf Allen an —
„Miss Parker!” Sydneys Stimme mit einem alarmierenden Unterton. „Ist Jarod in Ordnung?”
„Ja! Geben Sie mir eine Minute!” Schärfer, als sie es meinte. „Jarod, Sie müssen jetzt aufstehen. Kommen Sie.”
Er folgte ihrem Drängen, ohne Fragen zu stellen. Nicht der Jarod, den sie kannte, das brilliante, arrogante, manipulierende Kind. Dieses Kind war autistisch.
Sydney hatte nicht auf sie gehört, aber das hatte sie auch nicht wirklich von ihm erwartet. Er kam atemlos an, streckte die Hand nach Jarod aus und unterbrach sich, als der Pretender auswich. Sie wünschte, sie hätte in diesem Moment ihrer beider Gesichter nicht gesehen. Nicht das Wiedersehen, das sich Sydney erhofft hatte.
Sie wusste alles über Enttäuschungen zwischen Eltern und Kindern. Sie sah weg, um ihnen so viel Privatsphäre zu geben, wie sie nur konnte, und sagte: „Lassen Sie uns gehen, Sydney, Sie können im Wagen mit ihm reden.”
Sie fühlte sich auf dem ganzen Weg aus dem Gebäude heraus ungeschützt, auch auf dem Weg bis zu dem verlassenen Parkplatz, zur Straße. Broots war beim Auto geblieben, Gott sei Dank, und hatte den Motor laufen gelassen. Sie übergab Jarod an Sydney, öffnete die Fahrertür und sagte: „Bewegung.” Broots kletterte heraus.
„Oh mein Gott, Sie haben ihn.”
„Jippie”, sagte sie. Sie blickte Jarod durch den Rückspiegel an. Seine Augen waren geschlossen, sein Gesicht fahl und gezeichnet.
„Soll ich das Centre anrufen?”, bot Broots an.
Sie riss ihm das Telefon aus der Hand, ihre Abgespanntheit und ihre schlechte Laune kamen heraus, und sie sagte: „Nein! Niemand unternimmt etwas, bis ich es sage, haben Sie das verstanden, Broots? Keine Anrufe, keine Verbindungen ins Netz, nichts. Ich muss nachdenken.”
Sydney sagte von der Rückbank her: „Miss Parker, ich will Sie nicht beunruhigen, aber wenn man Ihnen vierzig Stunden gegeben hat, dann haben wir jetzt nur noch acht übrig. Vielleicht sollten wir wenigstens in Richtung des Centres fahren.”
Ja. Das war wohl die beste Idee. Fahren, so lange fahren, bis ihr müder und bebender Verstand herausgefunden hatte, was sie tun würde.
Ruf Allen an. Informiere ihn. Du musst es tun.
Sie blickte Jarod wieder im Rückspiegel an, und nur für einen Augenblick erinnerte sie sich an seine Stimme am Telefon, als er ihr sagte, gehen Sie nicht in den Tower. Sie schuldete ihm etwas dafür. Auch für andere Dinge. Wenn sie ihn an Allen übergab, was würden sie dann mit ihm anstellen?
Sie brauchte mehr Informationen.
„Es ist nur eine zweistündige Fahrt”, sagte sie. „Und ich glaube, wir brauchen alle eine Pause.”
Sydney runzelte die Stirn. „Sind Sie sicher, dass das klug ist?”
„Nein”, sagte sie und legte den Gang ein. „Nun haltet die Klappe und lasst mich nachdenken.”
„Wo lang?”
„Äh — links. Nein — nein, nach rechts. Direkt an der Kreuzung hier rauf —
„Rechts?”
„Äh, jep — nein! Warten Sie, das ist nicht die richtige —”
Parker stand auf den Bremsen, schickte Broots schmerzhaft auf das Armaturenbrett, sein Gesicht wurde nur durch die Schulterstütze geschützt. Sie bremste so hart, dass sie an die Airbags dachte, und verdammt, es fühlte sich gut an, etwas Gewalttätiges zu tun.
Die dunkle Geschäftslimousine schlitterte zum Stillstand, das einzige Auto in einem Meer von Dunkelheit, seine Lichter zeigten gedämpft entfernte Verkehrszeichen, die meisten davon bis zur Unkenntlichkeit zerschossen.
„Broots”, sagte sie gefährlich sanft, „bringen Sie mich nicht dazu, Sie umzubringen.”
Er gab ihr die Karte. Sie studierte die Falze, zu müde, um richtig draufzusehen.
„Stecken Sie sie sonstwohin”, brummelte sie und nahm die Rechtskurve. Warf die Karte zu Sydney auf den Rücksitz.
„Wir haben uns verirrt”, sagte Broots, nicht gerade hilfreich. Sie versuchte nicht, es abzustreiten. Nach zwei oder drei Minuten unangenehmen Schweigens erblickte sie ein rotes Leuchten am Horizont. Es löste sich in ein flackerndes Neonlicht auf, das TRUCKER WILLKOMMEN anzeigte. Darunter stellte es sich in kleinen Buchstaben als PICKET FENCE MOTOR LODGE vor.
„Halten wir an?”, fragte Sydney.
„Haben Sie 'ne bessere Idee?” Die letzten fünfzehn Meilen war sie wie benebelt gefahren und konnte sich kaum noch wach halten. Das Vergnügen, Broots zu terrorisieren, gab ihr noch eine Atempause, aber das würde nicht anhalten. „Wenn ja, dann sagen Sie's.”
„Sie haben noch ein paar Stunden bis zu Ihrer — Deadline”, sagte Sydney. „Ein wenig Schlaf wird keinem von uns schaden.”
„Ich werde ihn nicht aus den Augen lassen.” Sie bewegte ihren Kopf in Jarods Richtung. „Sie und Falscher-Weg nehmen ein Zimmer, der fröhliche Junge und ich ein anderes. Und Broots, benutzen Sie um Himmels willen nicht die Kreditkarten.”
Broots zögerte. Sie wusste, was er fragen würde, seufzte, grub in ihrem Geldbeutel nach Bargeld.
Jedenfalls dachte sie, dass er das fragen wollte. Statt dessen sagte er: „Ich fühle mich bei dieser Sache nicht wohl.”
„Was?” In ihrer Ereiferung klang ihre Stimme wie das Knallen einer Peitsche. Er wich zum ersten Mal nicht aus.
„Er ist — er braucht Hilfe. Schauen Sie ihn sich an. Das ist nicht Jarod, das ist —” Broots lehnte sich zu ihr herüber. „Hat er wirklich jemanden umgebracht?”
„Broots, gehen Sie einfach und mieten die Zimmer, denn wenn ich noch eine Stunde dieses Auto fahren muss, werde ich Sie erschießen.”
Er rettete sich nach einem letzten, zweifelnden Blick mit dem Geld in der Hand und verschwand im Büro des Motels. Parker legte ihren Kopf erschöpft gegen die Sitzpolster, geknebelt von dem Geschmack nach alten Zigaretten und Kaffee.
„Sie werden ihn zerreißen”, sagte Sydney. „Sie wissen das. Sie werden ihn nun, wo er so weit gekommen ist und so viel gelernt hat, nicht mehr ins Pretender-Programm zurück bringen. Wenn wir ihn ins Centre zurückbringen, wird das, was man ihm antun wird, unser Gewissen belasten.”
„Ich habe kein Gewissen”, flüsterte sie. Sie war so müde, dass Tränen in ihren Augen brannten, und alles, was sie wollte, alles, was sie wollte, war in ein Bett zu fallen und sich auszuruhen. Zum Teufel mit Mr. Allen, zum Teufel mit der Waffe an ihrem Kopf, sie würde sterben, wenn sie keinen Schlaf abbekam. „Sie auch nicht, Sydney. Es ist ein wenig spät, sich jetzt eins wachsen zu lassen.”
„Sie sollten mich zurückbringen.” Jarod. Es war das erste, was er seit einer Stunde gesagt hatte. Sie zwang ihre Augen auf und sah, wie er mit leerem Blick aus dem Fenster sah, seine Stirn lehnte gegen die Scheibe. „Ich sollte nicht da draußen sein. Bringen Sie mich zurück ins Centre. Ich gehöre nicht hier raus.”
„Jarod”, sagte Sydney sanft, „denk dran, was mit Dir geschehen wird.„
„Das ist mir egal.”
„Wissen Sie was? Mir auch”, sagte Parker. „Also werden Sie genau das tun, was ich Ihnen sage, und wann ich es Ihnen sage. Haben Sie kapiert?”
Jarod schloss seine Augen. „Ja.”
Es war nicht gerade ein sehr befriedigender Sieg.
Das Motelzimmer war unter aller Kanone, aber Parker war nicht in der Stimmung, um sich zu beschweren, und sie bezweifelte, dass Jarod derzeit eine Meinung hatte. Es verlangte sie nach einer Dusche, aber trotz Jarods derzeitiger Passivität konnte sie ihm nicht so weit trauen — und sie konnte Broots und Sydney nicht weit genug trauen, um sie für ihn Babysitter spielen zu lassen. Keiner von ihnen war vertrauenswürdig genug.
Jarod stand noch da, wo sie ihn verlassen hatte, in der Mitte des Zimmers. Sie kam von ihrer Inspektion des Badezimmers zurück, runzelte die Stirn und sagte: „Suchen Sie sich ein Bett aus, ich bin nicht so wählerisch.”
Er setzte sich auf die Kante des Bettes, das näher am Badezimmer stand, seine Hände vor sich ineinander verklammert. Sie dachte daran, dass sie keine Zeit dazu gehabt hatte, ihn zu durchsuchen, und bei dem Gedanken an eine versteckte Waffe wurde es ihr mulmig.
„Gehen Sie duschen”, sagte sie. Er blickte nicht einmal auf. „Jarod. Sofort.”
Er stand mit der Begeisterung eines Verurteilten auf, der auf den langen Marsch ging, zog seine schwarze Lederjacke aus und faltete sie säuberlich auf dem Bett zusammen. Darunter trug er ein schwarzes T-Shirt. Sie wartete darauf, dass er sich daran erinnerte, dass sie auch noch da war, aber er machte weiter, nahm von ihr nicht mehr Notiz, als es eine geschlechtslose Centre-Kamera tun würde. Er öffnete seine Jeans und zog sie aus, griff dann nach dem Bund seiner Unterhose.
Sie drehte sich um und lief zum Fenster, zündete sich eine frische Zigarette an und fragte sich, wie schlimm er verletzt worden sein musste, um sie so sehr zu ignorieren.
Sie wartete, bis sie das Wasser im Bad laufen hörte, bevor sie sich umdrehte, ihre Zigarette im Aschenbecher ausdrückte und nach dem Telefon griff.
Sydney klang immer noch hellwach, aber im Hintergrund konnte sie Broots schnarchen hören.
„Denken Sie, er hat es getan?”, fragte sie unverblümt. „Stand da und beobachtete diesen Mann, wie er erstickte?”
Ein langes, langes Zögern. „Ich weiß es nicht. Jarod hatte immer einen so guten Sinn für Richtig oder Falsch —”
„Das ist ein rutschiger Abhang. Wer entscheidet das, Syd? Wer entscheidet, was richtig ist?” Sie zündete eine weitere Zigarette an und betrachtete den Rauch. Es war etwas sehr Beruhigendes an dem Gefühl des Papiers, den Geschmack des Tabaks. Ich muss wirklich abwesend sein. Die sind nicht mal meine Marke. „Wann hört der Pretend auf und wird Realität? Wie kann er den Unterschied erkennen?”
„Miss Parker —”, Sydney seufzte, seine Frustration war fast greifbar. „Ich weiß nicht, was ich Ihnen sagen soll. Er hat nicht mit mir gesprochen — tatsächlich hat er immer zu Ihnen gesprochen, wenn er denn gesprochen hat. Sie haben eine wesentlich bessere Chance, herauszufinden, was geschehen ist, als ich. Aber ich lege Ihnen nahe — vergessen Sie nicht, mit wem Sie es zu tun haben.”
„Das tue ich nie” sagte sie und saugte Rauch ein. Das Kribbeln in ihrem Hals wurde schmerzhaft. „Machen Sie eine Pause.”
„So sehr ich auch zögere, Jarod in diesem Stadium ins Centre zurückzubringen — Sie sollten an sich selbst denken, Miss Parker. Machen Sie den Anruf.”
Sie legte auf und legte sich auf das Bett. Gott, sie war müde, so müde, dass ihr jeder Muskel weh tat.
Ich will diesen Bastard Allen nicht gewinnen lassen. Aber welche Option habe ich schon? Der Tod war keine, das war vom Tisch. Jarod ausliefern, oder — was?
Sie hätte gern geglaubt, dass sie sich von den Menschen isolieren konnte, sie davon abhalten konnte, sie zu verletzen, so wie der Verlust ihrer Mutter immer noch schmerzte. Aber als sie so da lag und über Jarod und Broots und Sydney, ihren Vater und das Centre nachdachte, wusste sie, dass es nicht stimmte.
Sie konnte die Dinge nicht einfach auf sich beruhen lassen. Sie war wie ihre Mutter.
Es ängstigte sie.
Sie zog das kühle Gewicht ihres Handys langsam aus ihrer Tasche, zusammen mit der Karte, die ihr Allen gegeben hatte. Sie studierte die Nummer, zerzauste die Ecke der Karte mit einem roten Fingernagel, schloss ihre Augen und dachte an ihre Mutter.
Sie steckte das Telefon wieder in die Tasche zurück. Zum Teufel damit. Ich bringe Jarod hinein. Kein anderer wird das Lob dafür einstecken.
Sie spürte die innere Anspannung wie ein gespanntes Kabel. Sie hatte entweder die Kontrolle zurück gewonnen oder sie verloren.
Aber wenigstens konnte sie mit den Ergebnissen fertig werden.
Ohne es zu wollen, schlief sie ein, ein unruhiges Nickerchen, das endete, als das Wasser im Badezimmer abgedreht wurde. Sie öffnete ihre Augen und wartete darauf, dass Jarod herauskam ... und wartete ... und wartete.
Schließlich, trotz des schreienden Protests ihrer Muskeln, zog sie ihre Waffe und ging ins Badezimmer, um nachzusehen.
„Jarod?” Sie schob die Tür mit der Mündung der Waffe auf und achtete auf Schatten in ihren Augenwinkeln. Das Bad bestand aus in die Augen stechenden, weißen Kacheln und war voller Dampf, die Handtücher hingen noch an der Stange. Sie ging einen Schritt hinein, trat vorsichtig auf dem feuchten Boden auf und sah, dass Jarod immer noch in der Badewanne saß, die Knie zur Brust hochgezogen. Er zitterte konvulsiv, obwohl der Raum erstickend heiß war. Es verlangte sie nach Sydney, aber sie brachte es nicht fertig, ihn aufzuwecken.
„Jarod”, sagte sie. Keine Reaktion. „Kommen Sie. Raus.”
Er legte seine Stirn auf seine gebeugten Knie. Wasserbäche rannen von seinen Haaren hinunter in sein Genick, entlang der Kurven seiner Schultern, die saubere, perfekte Linie seines Rückens.
Parker setzte sich auf den Toilettendeckel, legte die Waffe beiseite und nahm ein Handtuch von der Stange. Er bewegte sich nicht, als sie es ihm über die Schultern legte. Ohne darüber nachzudenken, rieb sie das Handtuch sanft über den mit Gänsehaut überzogenen Rücken, über dampfendes Haar.
Als er schließlich den Kopf hob, zog sie sich entnervt zurück. Er suchte nach dem Handtuch, schmerzhaft unbeholfen, und sah zu ihr auf.
Wurde er rot? Wirklich, oder hielten sie nur ihre schmerzenden Augen zum Narren?
„Ich hole Ihre Sachen”, sagte sie, nahm ihre Waffe und drehte sich um, um zu gehen.
„Miss Parker.” Jarods Stimme klang heiser, nicht ganz fest. Sie sah zu ihm zurück. „Danke.”
Sie durchsuchte gründlich seine Kleidung, bevor sie sie ihm brachte. Als er aus dem Badezimmer kam, war er komplett angezogen, das Shirt klebte an feuchter Haut. Er legte sich auf das Bett, faltete die Hände über seiner Brust und starrte an die fleckige Decke. Parker kämpfte ihre eigene Müdigkeit noch einmal herunter, um in ihrer Tasche nach einem Paar Handschellen zu graben. Sie langte hinüber und befestigte eine davon an Jarods Handgelenk.
Seine Augen suchten ihr Gesicht, so nah, so nah. „Ich werde nicht weglaufen”, sagte er. Sie glaubte ihm. Seine Muskeln waren schlaff, seine Augen zeigten weder Humor noch eine Täuschungsabsicht. Immer noch nicht der Jarod, den sie kannte und fürchtete.
Parker schloss die andere Handschelle um ihr Handgelenk. „Nun sind wir beide sicher”, sagte sie. „Rücken Sie rüber.”
Sie lag neben ihm, starrte an die selbe Decke und dachte bei den Rostflecken schwerfällig an Rorschach-Klecksbilder. Sie war, so fasste sie zusammen, zu müde, um zu schlafen. Sie konzentrierte sich auf tiefe Atemzüge, auf Stille, und war unfähig, die Wärme seines Körpers neben sich zu ignorieren.
„Haben sie jemals jemanden getötet?”, fragte Jarod. Die Frage kam so plötzlich, dass sie alarmiert aufschreckte. Sie drehte den Kopf, um ihn anzusehen, aber er starrte immer noch an die Decke.
„Ende der Konversation”, sagte sie.
„Fühlten Sie sich schuldig?”, fragte er.
„Jarod —”
„Ich verfiel zunächst in Panik, aber das war eigentlich nicht wegen ihm, sondern wegen mir. Vielleicht war das der Schock. Nun fühle ich — als hätte ich mir ins eigene Fleisch geschnitten. Etwas ist verschwunden. Ich wusste, wie alles war, und jetzt nicht mehr. Jetzt weiß ich gar nichts mehr.”
Sie antwortete nicht. Die Bettfedern quietschten, als er sich auf seinen Ellbogen rollte, um zu ihr herabzublicken, seine Augen so dunkel, dass sie endlos erschienen.
„Ich habe jemanden umgebracht”, sagte er. „Hat das für Sie denn überhaupt keine Bedeutung?”
Sie hörte ihr Herz hämmern und fragte sich, ob er es auch hörte. Das war eine Seite an Jarod, die sie noch nie zuvor gesehen hatte — eine erschreckende Verletzlichkeit, und eine dunkle Strähne. Eine merkwürdige und interessante Kombination.
„Sie haben ihn nicht getötet”, sagte sie — eine Wahrheit, über die sie sich nicht klar war, bevor sie sie aussprach, ein Geschenk ihrer Schwindel erregenden Müdigkeit. „Sie spielten ein Gedankenspiel mit ihm, und entweder hat er die Regeln nicht befolgt, oder Sie haben nicht an alles gedacht. Sie wollten ihn erschrecken, aber sie hatten niemals vor, ihn zu töten. Dafür kenne ich Sie zu gut, Jarod.”
Er starrte sie ein paar Sekunden lang an, dann rollte er sich wieder auf seinen Rücken. Ihre Finger waren nah beisammen, und Parker schloss ihre Augen und war hilflos in einer Vision gefangen, wie es wohl mit Jarod sein würde, dem einzigen Mann, den sie je getroffen hatte, der so vollständig zu ihr passte. Sie hatte sich immer gefragt, wie es wohl mit einem Pretender wäre, mit jemandem, der sie kennen, der sie werden könnte.
Er würde wissen, was sie sich wünschte, dachte sie, und schob die Spekulationen mit verzweifelter Gewalt beiseite.
„Ist eigentlich auch egal, oder?”, sagte er. Sie glitt nun davon, zu müde, um wach zu bleiben, obwohl sie wusste, dass sie in seiner Nähe nicht schlafen durfte, nicht, weil es gefährlich wäre, sondern wegen des seltsamen Gefühls, dass sie ihn nicht verlassen wollte. „Ich dachte, ich hätte alles geplant. Das tue ich immer. So bin ich. Ich war draußen und habe mir den Sonnenuntergang angesehen, und er starb da drin. Er starb, weil ich Gott spielte.”
Schlafen Sie, versuchte sie zu sagen, aber dann fiel sie in die Dunkelheit und ließ ihn zurück.
„Parker.” Jarods Flüstern, sein Atem warm in ihrem Genick. Sie fließt träge auf die Oberfläche des Erwachens zu, jeder Nerv in ihrem Körper prickelte, und die Berührung seiner Finger hatte die Macht eines Orgasmus'.
Wach auf, denkt sie.
Sie kann nicht. So weit, nicht weiter, sie fließt in Dämmerlicht, kennt nichts außer der eleganten Folter seiner Hand, die ihr das Haar aus dem Gesicht zurückstreicht und wie Küsse über ihren Hals läuft. Sie treibt auf ihn zu, zu hilflos, um einzuhalten, und seine Finger verfolgen die geteilten Kurven ihrer Lippen, Seide auf Seide. Sie hört ihren unregelmäßigen Atem, hört sich selbst im Traum stöhnen.
Wach auf.
Sie will nicht, sie will in dieses exquisite Dämmerlicht hinein treiben, will sich ausliefern, alle Hemmungen aufgeben. Nur einmal im Leben alle Barrieren fallen lassen.
Jarods Atem ist unregelmäßig an ihrem Ohr. Sein Körper ist so heiß, fieber-heiß, es brennt durch ihrer beider Kleidung. Seine Lippen berühren ihren Hals, wecken Spiralen von Feuer und Explosionen. Sie stöhnt, gekreuzigt zwischen Wunsch und Traum. Niemand hat sie je auf diese Weise berührt, niemals in ihrem Leben. Sie war nie in der Lage gewesen, sich bei den anderen so gehen zu lassen, immer wachsam, immer der Gewinner.
Seine Hand verlässt ihr Genick, gleitet langsam ihren Oberschenkel hinauf, eine schöne Qual. Mit ihrer freien Hand, die nicht von den Handschellen eingeschränkt wird, greift sie hinauf, langsam wie ein träumender Schwimmer, und berührt sein Gesicht. Sie verfolgt die Linien seiner Lippen mit ihren Fingern, wispert seinen Namen.
Seine Lippen sind voll und weich und feucht von Tränen, und es erscheint ihr, als hätte sie schon immer nach diesem speziellen Geschmack gesucht. Ein langer, langsamer, traumgleicher Kuss.
Sie weiß, dass es passieren wird, noch bevor es passiert, Hitze flimmert über ihrer Haut, eine Technicolor-Explosion in ihrer Wirbelsäule, ein Zucken, das bis in ihre Seele reicht. Die ganzen verschwitzten, athletischen Erfahrungen der wachen Welt bedeuten nichts neben dieser, diese Hitze wie im Herzen eines Sterns in diesen Händen, die sie so sanft berühren, dass sie eine Illusion sein könnten.
Aus einer großen Entfernung hört sie Jarod flüstern: „Es ist nur ein Traum, Parker. Sie können sich erlauben, zu träumen.”
Sie gibt auf, rauscht auf einem ekstatischen Strom dahin, und ihr Weinen ist zwischen seinen Lippen gefangen, ihr Herz zwischen seinen Händen.
Der Abstieg bringt sie zurück in eine ruhige, warme Dunkelheit, das Nachglühen von Sicherheit. Sie schläft gut, zufrieden und warm, ohne Angst und ohne Geister.
Für eine Weile.
Sie erwachte plötzlich, ihr Herz hämmerte, es war nur ein Traum gewesen, bitte lieber Gott, lass es nur den feuchten Traum einer einsamen Frau gewesen sein ...
Sie glitt mit einer Hand hinunter über ihre Bluse, ihren Rock, alles zugeknöpft und verschlossen. Hatte sie ihre Unterhose ausgezogen? Sie konnte sich nicht erinnern.
„Schlechte Träume?”
Jarod saß auf der Bettkante, komplett angezogen. Die Handschellen, von denen sie nicht gemerkt hatte, dass er sie entfernt hatte, lagen offen auf dem Bett zwischen ihnen. Sie warf ihr Haar zurück und brachte sich in eine aufrecht sitzende Position, vorsichtig für ihn, noch vorsichtiger für sich selbst.
„Wie spät ist es?”, murmelte sie. Sie sah auf ihre Uhr. „Spät. Zeit zu gehen.”
Jarod machte einen Zaubertrick mit seinen Fingern und brachte eine weiße Karte zum Vorschein. Allens Karte. Sie unterbrach sich darin, aus dem Bett zu gleiten, und blickte auf den Nachttisch, wo sie ihr Telefon liegen gelassen hatte, die Karte, die Waffe.
Nichts.
„Wer ist das?”
Normal hätte sie zurückgegeben, eifersüchtig?, aber wenn sie an ihren Traum dachte, schien das nicht klug zu sein. Sie beschloss, nichts zu sagen.
„Sie waren im Tower. Ich habe Sie gewarnt — haben sie Sie bedroht?”
„Niemand muss mich bedrohen, damit ich meinen Job erledige.” Er wartete. „Mr. Allen vom Tower gab mir neue Anweisungen.” Mit vorgehaltener Waffe. Aber das konnte sie ihm nicht sagen, es hätte zu viel Schwäche gezeigt.
„Parker”, sagte er langsam, „es gibt keinen Mr. Allen im Tower.”
Ihre Waffe lag in seiner Hand, halb versteckt unter einer Falte der Bettdecke. Sie erstarrte, als sie sie sah, spürte Ärger, der in Übelkeit versank. Nein. Nicht jetzt.
„Hören Sie mir zu”, sagte er. „Es gibt keinen Mr. Allen.”
„Ich war im Tower. Ich habe mit ihm gesprochen. Verdammt, geben Sie mir die Waffe, machen Sie hier nichts Persönliches draus.”
„Sie begreifen nicht. Es gibt keinen Mr. Allen, aber es gibt einen Allen. Einen Pretender namens Allen.”
Das raubte ihr den Atem. Sie war sprachlos.
„Er ist der Killer des Towers.”
„Sie wollen Sie töten.”
„Nein”, sagte Jarod sanft. „Das habe ich versucht, Ihnen zu sagen. Es sind Leute im Centre, die mich für ihre eigenen Zwecke haben wollen, und Sie stehen im Weg. Ihre mangelnden Fortschritte haben Sie in Gefahr gebracht und gaben ihnen die Möglichkeit, dies alles zu arrangieren. Sie wollten uns zusammen haben, uns alle. Sauberes Aufräumen. Ich verschwinde, und Sie drei sterben.”
„Nein. Unmöglich. Mein Vater —”
„Ihr Vater kann Sie nicht schützen.” Jarod bewegte seine Hand, legte die Waffe auf sein Bein und überlegte. „Allen ist gründlich. Haben Sie die Nummer benutzt? Ihn angerufen?”
„Nein.” Sie wusste, was das bedeutete, wusste, was sie ihm damit eingestand. Er sah zu ihr auf und traf für einen Moment ihre Augen. Sie spürte Wärme durch sich hindurch gehen, Flashbacks eines Traums, und sie sah als erste weg.
Er untersuchte die Waffe genauer, betrachtete die Oberfläche, die Kunststoffgriffe. Schließlich holte er einen der Gummistopper heraus, die die Schrauben verbargen.
„Er würde keine Wanze in etwas einbauen, was Sie zurücklassen würden. Sie würden das Auto zurücklassen, Taschen, Ihre Kleidung — aber Sie würden niemals auf Ihre Waffe verzichten.” Er zeigte Parker den winzigen Microchip, der in das Metall eingelassen war. „Er weiß, wo Sie sind.”
Oh Gott. Sie hoffte, dass man ihr die Angst nicht ansehen würde, aber sie hatte keine Zeit, sich darüber Gedanken zu machen. Sie glitt aus ihrem Bett, glättete ihren Rock, erblickte ihre Unterhose, die auf dem Boden lag und entschied sich dafür, sie liegen zu lassen.
Sie griff nach dem Telefon, um Sydney und Broots zu warnen. „Ich werde ihnen sagen, alles liegen zu lassen, Laptops, Taschen, alles. Wir müssen in Bewegung bleiben —”
Sie drehte sich um, als sich die Badtür schloss. Jarod war weg. Sie erstarrte für eine Sekunde mit hämmerndem Herzen, dann ließ sie den Hörer fallen und rannte zur Tür, trat sie auf und sah ihn gerade noch durch das enge Badezimmerfenster verschwinden.
„Nein!”, schrie sie, purer Zorn durchpulste sie, wie konnte er ihr das nur antun, jetzt —
Sie wirbelte zurück, in Richtung der Motelzimmertür.
Sie öffnete sich, bevor sie halbwegs dort war.
Mr. Allen kam herein, sauberer, adretter Mr. Allen mit seinem Killerlächeln und den Bankiersklamotten. Er hatte überhaupt keine Eile, schraubte noch einen Schalldämpfer auf die Mündung seiner Automatik. Parker nahm ihre einzige Chance wahr und tauchte auf ihn zu, verfehlte ihn und spürte eine weiße, heiße Explosion an ihrem Hals, als Mr. Allen ihr hart mit der Waffe draufschlug. Sie fiel, rollte auf ihre Seite und versuchte, es abzuschütteln, aber es war keine Zeit, keine Zeit, er stand über ihr und hob die Waffe und —
Vom Eingang her sagte Jarod: „Ich würd's lassen.” Er hielt ihre Waffe an Allens Kopf. „Lassen Sie sie gehen.”
„Ah, hier sind Sie. Wissen Sie, ich habe Ihnen einen netten gemeinsamen Abend gelassen. Ein Geschenk, von einem Pretender an einen anderen.”
Jarod entsicherte die Waffe mit einem hörbaren Klicken. „Danke. Lassen Sie sie gehen.”
„Sie sieht ihrer Mutter sehr ähnlich, nicht wahr? Sie wird ihr mit einer Kugel im Kopf noch ähnlicher sein.”
„Bastard”, wisperte Parker, und zwinkerte Tränen fort. Jarods Arm zitterte.
„Sie sollten mich besser erschießen”, sagte Allen. „Ich wäre nicht in der Lage, dem Schuss auszuweichen, wenn Sie die Kugel richtig platzieren. Aber das können Sie nicht, oder? Das ist nicht Ihre Art, Jarod. Das ist nicht, was Sie sind.”
„Sie wissen nicht, was ich bin.”
„Ich weiß genau, was Sie sind. Don Quichote, der gegen Windmühlen kämpft — aber sie ist keine Esmeralda. Miss Parker ist nur eine weitere Firmenhure, das Centre produziert sie dutzendweise. Sie würde sie töten, wenn sie müsste.”
„Sie hätte mich schon ein Dutzend Mal töten können.”
„Ah, wahre Liebe. Was werden Sie tun, Jarod, mir in den Rücken schießen?” Ich denke nicht. Sie haben bereits einen Mann getötet, und was für ein grausamer Tod. Er muss schrecklich gelitten haben. Wie fühlt man sich, wenn man Gott spielt? Fühlte es sich gut an?„ Allen lächelte. ”Aber Sie haben nicht den Mut, Ihre Urteile zu vollstrecken. Sie haben das Schloss so präpariert, dass es zerbrechen würde, wenn er es aufgestoßen hätte.”
Allen hielt einen kleinen Metallstift in die Höhe, an einer Seite angefeilt. Jarods Gesicht wurde weiß.
„Lassen Sie mal sehen, Sie präparierten die Klinke kurz nach drei Uhr morgens, gingen über die Straße, um sich einen Lollipop zu kaufen. Das dauerte nicht lange, die Veränderung rückgängig zu machen. Dreißig, vierzig Sekunden. Sie hätten Ihr Gesicht sehen sollen, als Sie zurückkamen und ihn fanden. Sehr unterhaltend.”
„Sie waren dort”, flüsterte Jarod. „Sie haben es beobachtet.”
„Ein Mann muss ein wenig Spaß im Leben haben. Und wenn wir schon davon sprechen —”
Parker sah das Flackern in Allens Augen und wusste, was kommen würde. Sie holte aus, lenkte die Waffe ab, aber nicht genug, nicht annähernd genug, sie erinnerte sich an ihre Mutter im Fahrstuhl, Blut, das die Stahlwände herunter läuft —
Der Schuss war so laut, als ob der Himmel einstürzte. Parker wich aus, führte die Bewegung weiter und schlug Allens Waffe aus der Schusslinie, genau in dem Moment, als sein Finger seine Reise beendete und eine Kugel neben ihrem Ohr vorbei flüsterte und sich in den Boden grub.
Allen brach langsam zusammen, die Knie zuerst, dann das Gesicht. Sie schaufelte ihn beiseite, versuchte, aufzustehen, fand Blut an ihren Händen, in ihren Haaren, und stellte fest, dass Allens Stirn verschwunden war.
Jarod zog sie hoch und stützte sie, als sie schwankte. Seine Hände zitterten, seine Augen sahen gequält aus.
„Ich hätte nicht gedacht, dass Sie es könnten”, brachte sie heraus. Er versuchte zu Lächeln.
„Ich konnte es nicht”, sagte er. „Aber ich habe mich in ihn hinein versetzt.”
Zwei Stunden später, als das Blut abgewaschen und alles wieder zurecht gemacht war, beobachtete sie, wie Daddys Helikopter auf der Fläche vor dem Motel landete. Ein Cleaner-Team in dunklen Anzügen eilte mit schwarzen Leichensäcken herbei.
„Prinzessin”, sagte Daddy, und nahm sie in die Arme. „Was zum Teufel ist hier los?”
„Lange Geschichte”, sagte sie. „Ich brauche Dich, um zu wissen, ob Du ihn kennst.”
Er folgte ihr in das Motelzimmer, wo die Cleaner Allens Überreste in den Sack einsammelten. Er beugte sich vor, zog eine Grimasse und sagte: „Hab' ihn nie zuvor gesehen.”
Er log. Sie wusste es, und es verletzte ihn so sehr, dass sie sich umdrehen musste. Sie beobachtete, wie die Cleaner Fingerabdrücke vom Telefon wischten, die Motelzimmertücher und ihre ausgezogene, verdammte Unterhose einpackten.
Daddy legte ihr die Hand auf die Schulter. „Schätzchen, ich werde dem auf den Grund gehen, darauf hast Du mein Wort.”
„Danke.”
„Schade wegen Jarod”, sagte er. „Natürlich verstehe ich, dass Du mitten in einer Schießerei nicht sehr gut auf ihn aufpassen konntest. Trotzdem, das war eine gute Möglichkeit. Zu schade.”
„Daddy, will mich jemand im Tower tot sehen?”, fragte sie. Er drängte sie nach draußen, weg von den Cleanern, weg von der Stelle, an der Broots und Sydney beim dem Heli warteten, in die Abgeschlossenheit des offenen Parkplatzes.
„Ich will nicht, dass Du in Tower-Angelegenheiten verwickelt wirst”, sagte er. „Diese Dinge betreffen Dich nicht, und je mehr Fragen Du stellst, desto gefährlicher wird es. Mach Deinen Job, Prinzessin, finde Jarod und bring ihn zurück ins Centre. Überlass den Tower mir.”
„Du hast die Frage nicht beantwortet. Will mich jemand im Tower tot sehen?” Er starrte sie ein paar Sekunden lang an, die Augen verengt, das Gesicht verschlossen. Drehte sich um und lief zum Helikopter. Sie beeilte sich, um ihn einzuholen. „Daddy, ich muss es wissen. Gibt es eine Fraktion, die will, dass Jarod nicht gefunden wird?”
„Darum musst Du Dir keine Gedanken machen.”
„Daddy —”
Er streckte die Hand aus und griff nach ihrem Arm, drückte so fest, dass es weh tat. Sie erinnerte sich an den Ausdruck, erinnerte sich, ihn so mit ihrer Mutter gesehen zu haben.
Sie hielt ihr Gesicht ruhig, ihre Augen kühl. „Willst Du mich zu meinem Besten schlagen, Daddy?”
Er schob sie beiseite und ging weiter auf den Helikopter zu, Kopf gesenkt, Schultern eckig. Ein massiver Mann, immer noch machtvoll, trotz seines weißen Haares. Ein alter, schlauer Löwe.
Sie fühlte sich so kalt. So allein. Sie sah, dass Sydney sie beobachtete, und drehte sich von ihm weg, um ihre Tränen wegzuzwinkern.
Jarod hatte wieder Recht gehabt.
Von ihrem Vater kamen nie irgendwelche Antworten.
Sie wartete, bis das Cleaner-Team aus dem Zimmer raus war, bevor sie in den Helikopter einstieg und die Tür schloss. Sydney und Broots, die angeschnallt vor ihr saßen, sahen neugierig aus, aber in der Gegenwart ihres brütenden Vaters blieben beide still. Sie legte ihr Kinn auf eine Hand und starrte aus dem Fenster, als die Rotoren schneller heulten.
Das Telefon ihres Vaters summte. Er holte es heraus, hielt es an sein linkes Ohr und hörte zu. Lächelte.
„Exzellent! Das sind gute Nachrichten”, sagte er und klappte das Telefon zu. „Nun, Prinzessin, Du bist frei von der Leine.”
„Was?” Sie sah ihn an; er deutete auf das Fenster hinter ihr, in Richtung der Baumreihe.
„Jarod”, sagte er. „Sie haben ihn.”
Sie fühlte sich, als hätte man ihr in den Magen getreten, und als der Helikopter abhob, sah sie sie zwischen den Bäumen hervor kommen, drei Sweeper, und in der Mitte, in Handschellen, Jarod.
Sie lehnte die Stirn gegen die Scheibe, schloss ihre Augen und dachte, es ist vorbei.
Warum fühlte sie sich dann so miserabel?
Sie brachten Jarod in einen sterilen Wartebereich, weiß wie eine Leichenhalle, das einzige Möbelstück eine Liege. Er stand nicht auf, als sie hereinkam, aber er blickte zu den Kameras, um sie ihr anzuzeigen. Sie begann einen langsamen Spaziergang durch den Raum.
„Sie sehen besser aus”, sagte er. Er beobachtete sie, wie sie ihn beobachtete, und beide studierten die Kameras. „Sind Sie gekommen, um mich zu beglotzen?”
„Ja”, sagte sie.
„Ist das ein gutes Gefühl?”
„Schrecklich.” Raines. Raines wird ihn nun bekommen. Sie fühlte Übelkeit bei diesem Gedanken. Sie hatte einige Überwachungsbänder von Raines' Experimenten mit anderen Pretendern gesehen, und mit Kindern, die die Pretender-Tests nicht bestanden hatten. Sie wollte nicht an Jarods Zukunft in diesem Gebäude denken.
„Erinnern Sie sich daran, was ich Ihnen gestern Abend gesagt habe?”, fragte er. Sie spürte heiße Blitze ihren Rücken entlang schießen, spürte, wie ihre Fingerspitzen bei der Erinnerung brannten. Was hatte er gesagt? Er hatte ihren Namen geflüstert, immer wieder, weniger ein Klang als eine Vibration auf ihrer Haut — nein. Das war ein Traum.
Sie veränderte ihre Stimme, um frigide zu klingen. „Sie haben nicht viel gesagt, was ich erinnernswert finde.”
Er krümmte seinen Finger, damit sie näher kam. Dieses Lächeln, dieses verheerende, unschuldige Lächeln. Da war immer noch etwas Dunkles und Scharfkantiges in seinen Augen, vielleicht Verzweiflung, vielleicht Schuld. Sie ging zu ihm und starrte herunter. Scheinbar zufällig blockierte sie eine der beiden Kameras, und die andere zeigte die Rückseite von Jarods Kopf.
„Was?”, schnappte sie. Er krümmte wieder seinen Finger. Sie machte ein angewidertes Geräusch und ging neben ihm in die Hocke, balancierte mühelos auf ihren hochhackigen Schuhen, Knie zusammen. Sie beobachtete seine Augen, die der Kurve ihrer Beine folgten, hoch zu ihrem Oberschenkel.
Konzentrier Dich, sagte sie sich. Das war das gefährlichste Spiel, das sie je im Centre gespielt hatte.
„Ich sagte, dass ich zurück ins Centre komme, erinnern Sie sich? Ich muss mit Sydney sprechen. Einige Dinge aufarbeiten.” Seine Stimme war leise, seidig, intim. Sie fragte sich, ob die Mikros das auffangen konnten. Er beugte sich näher zu ihr, nah genug, so dass nur die Luft zwischen ihnen die Worte hören konnten. „Ich sagte nicht, dass ich bleiben würde.”
Sie lehnte sich zurück, hielt seinem Blick stand, und als sie das tat, strichen seine Finger über ihre, eine versehentliche Berührung, die nichts und alles bedeutete.
„Sagen Sie mir eins”, sagte sie mit normaler Stimme. „Als Sie mir den Lollipop zurück ließen, wollten Sie mir damit sagen, ich sei ein Lutscher?”
Jarods Lächeln erhellte den Raum. „Miss Parker, das wäre unhöflich.”
Sie stand auf, glättete ihren Rock und ging zur Tür. Als sie darauf wartete, dass sie aufging, sagte er: „Übrigens, ich mag einen guten Lolli.”
„Beiß mich”, sagte sie, und schlug die Tür zu.
Sie lag seit Stunden in einem tiefen, traumlosen Schlaf, als das Telefon klingelte; sie grabschte nach dem Hörer, drehte sich zum Telefon herum und murmelte etwas Passendes.
„Miss Parker”, sagte Sydney. Er klang hellwach. „Ich fürchte, Jarod ist aus dem Centre entkommen.” Er klang nicht besonders beunruhigt.
„Ach wirklich?” Sie lächelte in der Dunkelheit. „Wie enttäuschend für die Sicherheit.”
„Das wäre es, wenn von denen noch einer da wäre. Ihr Vater hat sie sehr hart bestraft.”
„Wirklich.” Ihr Lächeln wurde hart. „Hatten Sie und Jarod eine Möglichkeit, miteinander zu reden?”
„Ja, und wir hatten ein paar sehr produktive Stunden. Sehr interessant.”
„Das ist gut. Nun, heute Nacht können wir nichts tun. Gute Nacht, Sydney.”
„Gute Nacht, Miss Parker.”
Sie schaltete das Licht ein, um den Hörer aufzulegen, und erstarrte, als sie das goldfarben eingewickelte Päckchen auf dem Kissen neben sich erblickte. Sie sah nach dem Alarmsystem — immer noch aktiviert — und stand auf, um die Umgebung abzusuchen. Nichts. Sie nahm die Schachtel, brachte sie in die Küche und setzte Teewasser auf. Sie fummelte an der Verpackung herum, bis sie die Nerven verlor und sie aufriss.
In der Schachtel lag ein Lollipop, dieser so dunkel wie das Herz eines Rubins. Parker untersuchte ihn kurz, dann steckte sie ihn sich in den Mund.
Der winzige Soundchip im Stängel wurde aktiviert. In ihrem Kopf, geleitet von Knochen und Haut, hörte sie Jarod sagen: Schöne Träume, Miss Parker.
Sie lutschte langsam an der Süßigkeit, meditierend, und dachte über Träume nach.
Und lächelte.
Ende
