Fanfiction von Julie Fortune, übersetzt von Frosch
Miss Parker tauchte langsam aus einem schwarzen, traumlosen Schlaf auf, herausgezogen wie ein Fisch an der Angel durch das Klingeln des Telefons. „Neeeeeiiiin”, stöhnte sie, rollte sich herum und vergrub ihren Kopf unter dem Kissen. Durch die Schicht der Daunen hindurch hörte sie das Klingeln, wie ein Finger, der auf ihren Rücken tippte. Sie pflückte den Hörer vom Nachttisch, hielt ihn an ihr Ohr und brummte: „Parker. Verschwinden Sie.”
„Tut mir Leid —” Broots. Sie fragte sich, ob Verstümmelungen immer noch gegen die Centre-Etikette verstoßen würden. Vielleicht breche ich ihm nur was Kleineres. „Ich weiß dass Sie im Urlaub sind, aber ich glaube wirklich, dass Sie sich das ansehen sollten.”
„Was ansehen?” Zwei Wörter am Stück waren fast mehr, als sie fertig brachte. Sie schielte nach der Uhr und las eine unglaublich frühe Stunde ab.
„Ich — ich sag es jetzt besser nicht. Sie wissen schon, über die —” Sie konnte fast seine nervösen Gesten sehen. Broots war nicht gerade ein höflicher Verschwörer. „Wie auch immer, ich denke, Sie sollten das sehen.”
„Denken Sie.” Sie rollte sich auf den Rücken. Draußen vor ihrem Fenster war es tiefe Nacht, die Sterne glitzerten wie Eissplitter, der Mond versilberte Bäume. Das elektrische Summen ihres Weckers schien in der Stille laut. „Sie sollten besser Recht haben.”
Sie legte auf, bevor er Ausflüchte brachte. Als sie sich aufsetzte, wurden ihre schlimmsten Befürchtungen bestätigt. Sie fühlte sich wirklich wie in der Hölle.
Umso mehr ein Grund, messerscharf auszusehen. Sie schaltete das Licht im Badezimmer ein und untersuchte den Schaden, schnaufte und drehte die Dusche an.
Das würde, so spürte sie, ein sehr langer Tag werden.
Genau eine Stunde später stolzierte sie in die Lobby des Centres; ihr Spiegelbild im polierten Glas bestätigte, dass sie niemals eine Miss Parker kennenlernen würden, die gerade aus dem Bett gescheucht worden war, dass sie niemals glauben würden, dass sie überhaupt schlief.
Der fassbrüstige Sicherheitsmann las eine Zeitschrift hinter seinem Schreibtisch — Sports Illustrated — und sie starrte ihn an, bis er ihre Gegenwart bemerkte und hektisch versuchte, das Magazin zu verbergen.
„Beschäftigt?”, fragte sie.
„Ähm, nein, Ma'am”, sagte er. „Guten Morgen, Miss Parker.”
„Prima.” Sie reichte ihm ihren Badge zum Scannen und klemmte ihn dann an die Tasche ihres Seidenkostüms. „Broots. Wo ist er?”
Der Wärter lehnte sich zurück, um einen ständig scrollenden Bildschirm zu betrachten. „SL 5, im Hauptcomputerraum. Miss Parker, ich sehe, dass Sie in Urlaub abgemeldet sind.”
„Sehe ich aus, als ob ich in Urlaub wäre?”, schnappte sie. Der Wärter — auf seinem Anhänger stand der Name Walters, aber sie konnte ihn von all den anderen fassbrüstigen minderbemittelten Klonen kaum unterscheiden — öffnete seinen Mund und stellte dann fest, dass er nichts sagen konnte, was seiner Karriere nicht schaden würde. „Das hab ich mir gedacht. Machen Sie auf, Einstein.”
Er drückte auf den Knopf. Die silbrige Wand hinter ihr glitt weg und gab den Blick auf die kalte Firmenlobby mit Granit und Stahl frei; die Sofas schienen sich tröstend zusammenzukuscheln, eingeschüchtert durch den Raum. Zu dieser Stunde war niemand in der Lobby, aber es waren Kameras da, immer Kameras. Sie strebte den Fahrstühlen zu und hörte den Wärter brummeln: „Auch Ihnen einen guten Morgen.”
Ach, es gab doch nichts Besseres als eine kleine Kabbelei, um sich aufzuwärmen. Walters würde sie nicht unterschätzen, und er würde nie, niemals bei ihr etwas als selbstverständlich voraussetzen. Im Centre war ein ängstlicher Feind ein geschlagener Feind.
Und jeder war der Feind.
Bevor sie in den Fahrstuhl stieg, hatte sie nichts gemerkt, aber sobald sie ihn betrat, fühlte sie es wie statische Elektrizität über ihre Haut krabbeln und stellte fest, dass sie den südlichen Fahrstuhl genommen hatte. Sie drehte sich langsam um, spürte, wie sich ihr Magen nicht nur durch die Fahrgeschwindigkeit verengte, als er dem Sublevel 5 zu fiel, und richtete ihre Augen auf das ausgefranste Loch in der rechten oberen Ecke des Fahrstuhls.
Sie holte tief Luft, weil sie wusste, was kommen würde, denn es kam jedes Mal, garantiert. Ein weißer Blitz. Die Fahrstuhltüren gleiten auf. Blut und Gehirnmasse und ein Loch in der Wand, ihre Mutter zu ihren Füßen zusammengerollt, sterbend, tot. Es kam wie ein Frösteln über sie und ließ Schmerzen in ihren Muskeln zurück. Sie drückte sich mit dem Rücken gegen die Stahlverkleidung, damit sich hinter ihr keine Geister versammeln konnten, schloss ihre Augen und wünschte, dass das Centre das verdammte Loch schließen würde, als ob diese Narbe das einzige wäre, was die Vergangenheit in ihr lebendig erhalten würde.
Einmal hatte sie ihren Vater gefragt. Er hatte sie mit diesen unerträglich heiteren Augen angesehen und gesagt: „Prinzessin, wenn sie es entfernen lassen wollten, wäre es schon vor der Beerdigung verschwunden gewesen. Es ist eine Erinnerung, und sie ist an uns gerichtet.”
Sie wurde erinnert, na gut. Der Schmerz in ihrem Magen wurde durch eine plötzliche Schwere in ihren Knien ersetzt, als der Fahrstuhl bremste; sie blickte reflexartig auf die Anzeigen und sah, dass sie in SL 5 angekommen war.
Broots wanderte den Gang entlang, sein Flannellhemd war verknautscht, die Ärmel waren aufgerollt und zeigten kräftige, aber blasse Unterarme. Wenn er überhaupt mal Farbe annahm, dann war es von der Mikrowellenstrahlung seines Computerbildschirms.
„Ich bin froh, dass Sie da sind”, sagte er leise, schnell und nervös. „Folgen Sie mir.”
„Sie sollten was Gutes haben”, sagte sie. Wie er hielt auch sie ihre Stimme leise. Das war sowohl Reflex als auch Vorsicht; hier gab es überall Mikrofone, und Kameras blickten aus jedem winzigen Loch. Im Centre ein Geheimnis zu haben, war immer eine zeitlich begrenzte Angelegenheit.
Broots benutzte seine Schlüsselkarte, um den Raum zu öffnen, den sie für sich immer als Nerd-Tempel bezeichnete; es war ein riesiger Computerraum, dominiert von einigen glatt aussehenden, schwarzen kleinen Cray-Mainframes, an allen Seiten flankiert von Schreibtischen und Terminals.
Broots setzte sich an den nächstgelegenen Schreibtisch, den mit dem Namensschild ALLGEMEIN, wo er eine Dilbert-Puppe an den Monitor geklebt hatte. Parker stellte sich hinter ihn, als er Tasten drückte.
„Überwachungsdateien”, sagte er. „Ich habe die Dateien routinemäßig durchgesehen, wissen Sie, um nach Dingen zu suchen, die die Satelliten-Teams übersehen haben könnten — Jarod kann ziemlich schlau sein, wenn er will. Aber das war nicht das, was mir aufgefallen ist.”
Er brachte vier verschiedene Überwachungsfotos nebeneinander auf den Bildschirm, alle in Farbe, alle von einer Hispanic-Frau. Auf dem ersten kam sie aus einer Berghütte, einen grünen Rucksack auf ihrer Schulter — Blue Jeans, Wanderstiefel, ein Flannellhemd, fast so ähnlich, wie das, das Broots trug. Auf dem zweiten lud sie Gemüse von einem vorsintflutlichen Jeep ab — noch mehr Jeans und Wanderstiefel, auf dem allgegenwärtigen Flannellhemd einen dicken Ski-Parka. Das dritte Bild zeigte sie, als sie Kiefernnadeln von den Treppen fegte — noch mehr Blue Jeans, noch mehr Flannell. Parker begann, einen Trend zu erkennen. Das vierte Bild zeigte die Frau, als sie dabei war, einen Pfad hinunter zu wandern.
„Und?” Parkers Frage troff vor Gehässigkeit. Broots sah sie mit hochgezogenen Augenbrauen an.
„Sehen Sie es denn nicht?”
„Abgesehen davon, dass sie ein Opfer der Mode ist?”
Statt einer Antwort blendete er die Daten unter jedem Bild ein. April. Mai. Juni. Juli.
„Falsches Wetter?”, riet sie. Er schüttelte den Kopf.
„Ich habe die Wetterberichte überprüft. Das Wetter ist konsistent. Jemand hat sich hierbei eine Menge Mühe gegeben — aber nicht genug.”
„Ich geb' auf.” Abgesehen von der Uhrzeit war sie intrigiert. „Zeigen Sie's mir.”
Er deutete wortlos auf die Haare der Frau. Parker sah aufmerksam hin, ein Bild nach dem anderen. Zwang sich, es noch einmal zu tun, und dann wieder. Es traf sie wie ein Eimer kaltes Wasser.
„Ihre Haare sind nicht gewachsen”, sagte sie. Broots nickte energisch.
„Es ist zu einheitlich. Wenn man von einer Frau jeden Monat ein Bild macht, und selbst, wenn sie ihre Frisur beibehält, wird das Haar länger, es sieht nicht jeden Tag gleich aus — diese Bilder sind verändert worden. Ganz sicher. Jemand hat sich eine Menge Arbeit gemacht, damit wir denken, sie würde immer noch überwacht. Ich denke, dass das aufeinanderfolgende Bilder sind, vielleicht maximal an ein paar aufeinanderfolgenden Tagen gemacht.”
„Wer ist sie?”, fragte Parker. Sie lehnte sich an den Schreibtisch und verschränkte ihre Arme, ihre beleidigende Art war ihr durch den Geruch nach Verschwörung ausgetrieben worden. „Hat offenbar was mit Jarod zu tun.”
Broots zog einen Notizzettel heran. „Äh — Nia Pedron. Howard Falls, Oregon. Sie ist die, die — die, die Jarod —”
Er schien den Satz nicht vollenden zu können. Die Erkenntnis traf Parker, ein plötzlicher Sprung ihres Herzschlags, eine Reaktion, die sie nur schwer verbergen konnte.
„Die, die Jarod gebumst hat?” fragte sie so lieblich wie säuregefüllte Pralinen. „Sein Latin Lover?”
„Ich wollte nicht sagen — ähm, wir wissen nicht, was wirklich —” Broots zog sich an seine Tastatur zurück, eine sehr kluge Entscheidung. Sie wusste es. Sie hatte es in dem Moment gewusst, als sie Jarods Telefonanruf gehört hatte, in welchem er Sydney wegen Frauen um Rat fragte. Sie wusste es ganz genau, als sie die Frau von Angesicht zu Angesicht getroffen und in ihre Augen gesehen hatte.
Konzentrier Dich, sagte sie sich. „Könnte Jarod dahinter stecken? Wir wissen, dass er das Centre schon vorher infiltriert hat. Vielleicht hat er Hilfe von drinnen.” Vielleicht Sie, Broots. Es war ein knauseriger Gedanke, und nicht sehr realitätsnah; Broots war viel zu verschüchtert, um Jarod zu helfen. Seine Loyalität war definitiv auf seine Schmerztoleranz begrenzt.
Er schüttelte den Kopf. „Nicht möglich. Diese Bilder sind an der Quelle verändert worden, Miss Parker. Direkt in Satellit Sechs. Wenn das Jarod war, dann muss er hier jemanden in der Hand haben, und das für mehr als vier Monate.”
Satellit Sechs befand sich in so einer anonymen Stadt in Nevada, nicht weit entfernt von einer anderen Einrichtung, deren Existenz im allgemeinen geleugnet wurde und die als Area 51 bekannt war. Daddy war direkt verantwortlich für diese Satelliten-Büros. Ein scharfer, kalter Schnitt in ihr Herz — was würde das bedeuten, wenn sie einen Verräter fand? Was würde ihn das kosten?
Jarod. Konzentriere Dich auf Jarod. Das war der wichtigste Durchbruch seit sechs Monaten, und sie hatte nicht vor, ihn zu verschenken.
„Besorgen Sie alle Personalakten von jedem, der in Satellit Sechs arbeitet — jeder, Agenten, Bürohengste, die Typen, die die Klos putzen. Wenn Jarod da seine Hand im Spiel hat, will ich sie am Gelenk abschneiden.” Parker richtete sich auf, blickte aber immer noch auf die Fotos von Nia Pedron. Die Frau, die sie geärgert hatte, gequält hatte auf eine Weise, die sie gar nicht so genau wissen wollte. Ihre Augen hatten sich an diesem Tag im Wald getroffen, und Pedron hatte gelächelt, das triumphierende Lächeln einer Frau. Ich habe ihn bekommen. Du nicht.
Ich will ihn nicht, hatte Parker gedacht, aber das war natürlich eine Lüge gewesen. Sie wollte Jarod auf jede Art, auf die sie ihn kriegen konnte, bevorzugt in Handschellen, und sie wollte ihn an den Haaren zurück in die Centre-Lobby schleifen.
„Nia Pedron”, sagte sie. Broots starrte sie an. „Ich wusste, dass sie Ärger bedeutet. Besorgen Sie mir auch alles, was Sie über sie haben. Ich werde alles mitnehmen.”
„Sie gehen?”, fragte Broots. „Soll ich Satellit Sechs anrufen und —”
Sie langte hinüber und legte ihm einen scharfen Fingernagel auf seine Lippen, spürte sein Beben durch ihre Haut. Sie hätte, das wusste sie, Broots jederzeit haben können, genauso wie eine Schlange ein in die Enge getriebenes Kaninchen haben konnte. Es war ein Trost.
„Geben Sie mir die Akten”, sagte sie sanft und deutlich. „Verwischen Sie Ihre Spuren. Schaffen Sie Ihren Arsch zurück ins Büro und sagen Sie niemandem etwas. Soweit Sie wissen, bin ich immer noch in Urlaub. Wenn Sie auch nur ein Wort davon zu Sydney oder sonst jemandem sagen, ich schwöre bei Gott, dann stecke ich Ihre Hand in den Aktenvernichter.”
Wenn Broots mutiger gewesen wäre, hätte er ihr gesagt, sie könnte ihn mal, er hatte die Information gefunden, er war der Held der Stunde. Aber er war es nicht, und er sagte es nicht. Sie nahm ihren Finger von seinem Mund, beugte sich hinüber und brachte ihre Lippen sehr nah an seine. Nah genug, dass sie spürte, wie es ihn zu ihr zog wie die Motte zum Licht.
„Gute Arbeit.”
Sie ging davon, hinaus in den leeren, widerhallenden Gang, blickte zurück durch die Tür und sah, wie er hinter ihr her starrte, etwas sehr Un-Broots-haftes in seinen Augen. Sie war sich nicht sicher, ob er sie küssen oder mit einem Bleistift erstechen wollte.
Vermutlich war er sich darüber selbst nicht sicher.
Gut, dachte sie, lächelte und ging, um sich ihr morgendliches Gift hineinzugießen.
Sie las die Akten im Flugzeug nach Eugene, Oregon. Das meiste zog sich wie Kaugummi. Die Satelliten-Angestellten waren alle totale Langweiler — der einzige Leckerbissen, den sie fand, war, dass der Leiter der Datendienste, ein Äquivalent zu Broots, zu einem Börsenmakler ein schwules Verhältnis hatte. Der Gedanke daran amüsierte sie eine halbe Stunde lang, als sie sich Notizen machte — Erpressung war unterm Strich immer nützlich. Die anderen waren mondän — die Hälfte der Verheirateten hatten Affären, gehabt oder immer noch, einige waren heimlich auf Drogen. Keine Straftaten, und nach den psychologischen Profilen war keiner ein Kandidat, um für Jarod zu arbeiten. Aber ... psychologische Gutachten waren schon früher falsch gewesen. Sie wünschte sich, Sydney mitgenommen zu haben, aber das hätte mehr Aufmerksamkeit erregt, als sie wollte. Sie musste schnell handeln, und allein.
Die letzte Akte betraf keinen Centre-Angestellten. Sie öffnete den Deckel und begann, die Vergangenheit von Nia Pedron zu verschlingen.
Zwischen den Seiten verstand sie absolut, warum Jarod von dieser Frau angezogen worden war. Verwaist, von gesichtslosen Behörden in Argentinien zum Opfer gemacht, war Nia Pedron der perfekte weibliche Spiegel von Jarods zerschlagener Kindheit. Nur dass Nias Erfahrungen wesentlich schlimmer waren, zumindest die körperlichen. Parker las die medizinischen Berichte von 1972, die dokumentierten, dass sie ein unterernährtes Kind gewesen war, übersät mit den Narben von Schlägen und Vergewaltigungen, ein Kind, das kaum seinen Namen sagen konnte. Ein Kind, so verängstigt davor, zu verschwinden, dass sie nicht schlief.
Sie fragte sich, was Sydney über Pedrons Lebensstil sagen würde — isoliert auf einem Berg, nur von wenigen, ausgewählten Leuten umgeben, angewiesen auf ihre eigene Kraft und ihre Fähigkeiten, um zu überleben. Jarod war in diesen Wald gekommen. Er hatte die Narben gesehen, und weil er eben Jarod war, hatte er versucht, zu helfen.
Parker wusste, wie sie mit Nia Pedron fertig werden würde. Nimm ein Sweeper-Team zu ihr mit, überwältige sie, steck ihren Kopf in einen schwarzen Sack, bring sie in eine Zelle mit Betonwänden und lass ihre Angst für Dich arbeiten. Man müsste sie nicht einmal verletzen.
Gott, ich hasse es, dass ich sowas weiß.
Parker legte ihre Hand auf ihre Stirn und rieb einen aufkommenden Kopfschmerz weg.
Als sie in Howard Falls ankam, regnete es, und es war dunkel; sie fuhr den gemieteten Jeep mit wildem Geschick, schlidderte nah an Bäumen und Vorsprüngen vorbei, aber nie nah genug, um die Reise vorzeitig zu beenden. Sie verfehlte die Abzweigung zu Pedrons Hütte und musste zurück fahren, aber schließlich fand sie den engen Pfad und quetschte den Jeep zwischen dicht gedrängten, niedergedrückten Kiefern hindurch, die die Wolken und den Mond verdeckten.
Sie sah die Hütte erst, als sie plötzlich vor den Scheinwerfern auftauchte. Sie parkte und stellte den Motor ab, hörte auf das Trommeln des Regens auf der Motorhaube und dem Autodach. Es war unheimlich still. Der Regen sah wie Rauch im Scheinwerferlicht aus, bevor sie die Scheinwerfer ausschaltete. Sie wählte mit einer Hand auf ihrem Handy, beobachtete die Rückseite der Hütte und suchte in den geduckten Schatten nach Licht oder Bewegungen.
„Miss Parker?”, sagte Broots atemlos. „Gott, wo waren Sie? Ich habe versucht, Sie anzurufen —”
„Dann hab ich ja Glück. Der Empfang ist hier nicht besonders gut.”
„Ich habe gerade erfahren, dass ein Typ namens Larry Grainger tot in seinem Auto in Nevada gefunden worden ist — er ist ein Funktionär von Satellit Sechs, und er führte Beobachtungen gegen Nia Pedron durch. Das klingt nicht nach Jarod, oder? Der bringt keine Centre-Leute um.” Broots klang pathetisch eifrig und schien sich sehr sicher zu sein. „Vielleicht ist es etwas anderes. Vielleicht waren wir im Unrecht.”
„Vielleicht”, sagte Parker. Sie war nicht überzeugt. Die Verbindung knackte und zischte. „Verdammt, die Verbindung wird schwächer. Ich rufe an, wenn ich etwas habe.”
Sie klappte das Telefon zu und ging hinaus in den Regen. Sie sank sofort bis zu den Knöcheln in dicken, schwarzen Schlamm ein, verfluchte den Zustand ihrer Ferragamo-Pumps und watete plump zu den hölzernen Stufen, dem überdachten Vorbau.
Dann fiel ihr auf, dass die Tür ein Stückchen offen stand, angestoßen durch den Wind. Sie richtete sich auf, versuchte, ihre Augen der verdammten Schwärze anzupassen und trat die Tür auf, tauchte auf eine Seite und ging an der hölzernen Wand in die Hocke.
Die Tür knarrte zurück, stieß an eine Wand und kam quietschend zum Halten. Kein Geräusch außer ihrem eigenen Herzschlag. Parker zählte bis zehn, dann stand sie auf und hielt die Taschenlampe weit von ihrem Körper weg, als sie sie einschaltete und damit nach drinnen zielte.
„Jesus”, flüsterte sie.
Das Haus war ein einziges Chaos, Papier flog herum, Tische waren umgekippt, Lampen zerschlagen. Ein kaputtes Telefon lag auf der Seite, von der Wand abgerissen. Parker ging ein paar vorsichtige Schritte hinein, überprüfte die Küche, das schmale Gästezimmer, das Badezimmer. Im Gang fand sie eine langgezogene, getrocknete, schwarze Blutpfütze auf dem Holz.
Du hast es ihnen ganz schön schwer gemacht, dachte sie. Und selbst dann. Du würdest kämpfen, bis Du tot wärst, oder bewusstlos.
In dem Schlafzimmer im oberen Stockwerk gab es keine Anzeichen des Einbruchs. Pedrons Makeup lag unberührt auf der Ablage im Badezimmer, ihre Kleidung hing säuberlich im Schrank. Die Koffer waren unbeschädigt. Parker blickte auf den säuberlichen Stapel mit Briefen auf dem Bekleidungstisch und blätterte sie durch, um nach Daten zu sehen. Das aktuellste Datum war März 1997. Eine Staubschicht bedeckte alles, und das Haus machte einen verwahrlosten Eindruck.
Sie blätterte nochmals durch die Briefe, öffnete einen nach dem anderen und las fröhliche Zeilen von Freunden, Mitleid heischende Bettelbriefe von Wohltätigkeitseinrichtungen, die übliche Flut von Werbebriefen, die von Pedron bis Parker jeden plagte. Sie hatten die selbe Kreditkartenfirma.
Ganz unten im Stapel war eine Karte ohne Absender, und als Parker sich das Schreiben ansah, wusste sie, dass es von Jarod war. Sie klappte sie auf und nahm die Karte heraus, dachte an Pedron, wie sie in ihrem Stuhl saß und diese Zeilen las.
Jarod hatte das Gedicht auf Spanisch geschrieben, aber Parker kannte die Sprache gut genug, um die Worte zu verstehen. In ihnen war eine vorsichtige, zarte Leidenschaft, Worte, die ein Mann an eine Frau schrieb, die sein Herz berührt hatte. Parker folgte den Zeilen mit ihren Fingerspitzen, fühlte einen Schmerz in ihrem Herzen, als hätte man ihr etwas weggeschnitten, und steckte die Karte in den Umschlag zurück.
Der Barcode auf der Rückseite. Sie starrte ihn ein paar Sekunden lang an, dann suchte sie sich ein Stück Papier und schrieb die Nummern ab.
8007020000.
Sie zeichnete die Bögen und Striche nach und sagte sanft: „Du bist so schlau, das bin ich auch.” Worte aus einem Kinderbuch, das ihre Mutter ihr vorgelesen hatte, vor so langer Zeit, Worte, die sie für Jarod wiederholt hatte, als Kind, damit er lächelte. Sie hatten so lange im Wettstreit gelegen, auf so viele verschiedene Arten. Sie fragte sich, ob sie überhaupt irgend einen Triumph spüren würde, wenn sie schließlich — was unvermeidlich war — gewann.
Zwischen den ganzen Briefen und Rechnungen steckte ein einzelnes Attest von einem Arzt mit dem Datum 20. März 1997. Parker wollte es schon beiseite schieben, dann las sie es aufmerksam.
„Oh Gott”, flüsterte sie, und spürte, wie die Welt um sie herum taumelte, genauso, wie sie vier Monate zuvor um Nia Pedron herum getaumelt sein musste, als sie das gelesen hatte.
Bestätigung der Schwangerschaftstest-Ergebnisse: Positiv.
Sie rief Broots im Centre an, empfing aber nur statisches Rauschen. Sie nahm die Karte und den medizinischen Bericht, ging hinaus in den Regen und fuhr so schnell, wie Schwerkraft und Glück es ihr erlaubten, den Berg hinunter.
Jemand im Centre war hinter dieser Sache her. Leute mit der Macht, zu bekommen, was sie wollten, zu tun, was sie wollten, und die töteten, wenn sie wollten. Daddy? Gott, sie wollte es nicht zugeben, aber es war möglich. Raines? Mehr als möglich. Wahrscheinlich. Raines hatte jahrelang versucht, versagende Pretender-Kandidaten für seine eigenen medizinischen Experimente zu bekommen — er hatte sich sogar Jarod für eine Reihe grausamer Spiele geschnappt, wenn Sydney nicht da gewesen war. Für Raines wäre Jarods ungeborenes Kind genau das, was er brauchte, um seine eigenen Machtstrukturen aufzubauen und seine eigenen dunklen Ziele zu verfolgen, die er schon seit zwanzig Jahren verfolgte.
Das bedeutete, Nia Pedron war irgendwo am Leben, irgendwo im Centre.
So wie es nun aussah, war Parker ihre einzige Hoffnung auf Überleben.
Am nächsten Tag um 11:30 Uhr traf sie Sydney und Broots zum Mittagessen im Speisesaal des Vorstands auf SL 3 und benutzte ihre rote Karte, um die beiden mit hinein zu nehmen. Broots glotzte mit offenem Mund auf den Marmor, die Aubusson-Teppiche, die privaten, schwach beleuchteten Tische. Sie schoss einen Blick auf ihn ab, damit er den Mund hielt, bis sie saßen, wo sie es wollte, in einer der am wenigsten beleuchteten Ecken des großen Raumes.
„Ich war hier noch nie”, sagte Broots, und fummelte an seiner Serviette herum. „Ich wusste nicht einmal, dass das Centre einen eigenen Vorstands-Speisesaal hat.”
„Wenn ich einen weiteren Teller mit püriertem, mysteriösem Fleisch essen muss, werde ich kotzen”, sagte Miss Parker, und zündete sich eine Zigarette an. „Dies ist der sicherste Ort, um zu reden. Hier gibt es keine Wanzen. Hier werden alle Leichen begraben.”
Broots zog den Kopf ein und studierte ernsthaft die Speisekarte. Neben ihm trank Sydney Kaffee. Nun, dachte Parker, so lässt es sich leben — saubere, weiße Tischtücher, chinesisches Porzellan, silberne anstelle der üblichen Aluminiumgabeln. Sie nickte dem Kellner zu, damit er Wein einschenkte, und nippte daran, dann winkte sie ihn weg. Ein weiterer Gedanke — sie beobachtete ihn, wie er von ihnen weg ging, etwas rührte sich in ihrer Erinnerung. Kannte sie ihn? Oh ja, sein Name war William irgendwas. Ein mittelmäßiger Liebhaber, aber was will man von jemandem erwarten, dessen ganzes Leben darin bestand, Flaschen zu entkorken.
Broots beugte sich vor, Panik in den Augen. „Raines! Raines sitzt in der Ecke!”
Parker drehte sich in die Richtung und erblickte den Sauerstoffflaschen-Mann eine Footballfeld-Länge entfernt. Er schlürfte Suppe. Ein schattenhafter Wächter beschützte Raines vor bösen Buben mit Gabeln und schlechtem Wein.
„Natürlich ist er das” erklärte Sydney sanft. „Dr. Raines hat Vorstandsprivilegien. Er isst hier jeden Tag.”
„Steigende Dosierung, Broots”, sagte Parker. „Neutrales Gebiet. Hier wurde seit Jahren niemand erstochen. Übrigens, wenn der Zirkusfreak hier ist, brauchen wir uns keine Gedanken darüber zu machen, was er gerade jemandem antut.”
Sie meinte Nia.
„Was, wenn er versucht, uns zu vergiften?”, flüsterte Broots.
„Seit letzten August ist niemand vergiftet worden.”
Der Kellner William kam zurück und sah Miss Parker aufmerksam an. Sie warf ihm einen kühlen Blick zu, um ihn daran zu erinnern, dass niemals etwas zwischen ihnen geschehen war, und sagte: „Cäsar-Salat, leicht gekühlt, Hühnchen Versailles mit gedämpftem Gemüse.”
„Gute Wahl”, sagte William, und wandte sich an Sydney. „Sir?”
„Ich nehme die Bouillabaisse und einen Gartensalat.”
William wandte seinen Blick Broots zu, der hektisch die Speisekarte las. "Äh, Diät-Cola und - einen Hamburger."
Parker rollte mit den Augen. Williams Augenbrauen drohten, über seinen Kopf hinaus zu kriechen. „Ja, Sir. Medium? Und darf ich als Beilage frischen Krautsalat empfehlen?”
„Sicher. Äh — könnten Sie mir die Cola in der Dose bringen? Ich möchte mir selbst einschenken.”
Sydney fing Parkers Blick auf. Sie zog eine Lunge voll Rauch ein, blies ihn in Broots' Richtung aus und sagte: „Erschießen Sie mich, wenn ich Ihnen je noch einmal einen Gefallen tue.”
„Sie haben damit angefangen”, lächelte Sydney.
„Niemand vergiftet Diät-Cola, Broots, das wäre überflüssig.” Sie drückte ihre Kippe aus und trank noch etwas Wein. Die Küste war sauber, niemand in Hörweite. „Hier.”
Sie gab ihnen den medizinischen Bericht. Broots las ihn zuerst, las ihn mit übertriebener Geste noch einmal und reichte ihn dann Sydney. Es war Sydneys Reaktion, die sie sehen wollte, aber er verengte nur seine Augen, eine plötzliche Anspannung seiner Schultern. Er ließ einen langen Seufzer hören.
„Das habe ich nicht voraussehen können”, sagte er, und sie dachte, dass da mehr als nur ein wenig Schuldgefühl herauszuhören war.
„Der Vater erfährt es immer als Letzter”, sagte sie, sammelte die Papiere wieder ein und steckte sie in die Innentasche ihrer Jacke, direkt neben ihrem Holster. „Nun? Sagen Sie mir, was das bedeutet.”
Sydney öffnete seine Augen und starrte an ihr vorbei, irgendwo auf mittleren Abstand, dann sagte er: „Nia Pedron ist mit großer Wahrscheinlichkeit von Leuten im Centre gekidnappt worden, das sagt uns die Tatsache, dass das Satelliten-Büro die Überwachungsbilder retuschiert hat. Die Frage ist nun, warum.”
„Jemand will seinen eigenen Pretender großziehen”, murmelte Broots. „Es reicht noch nicht, dass sie sie als Kinder stehlen, jetzt holen sie sie schon direkt aus dem Bauch —”
„Konzentrieren Sie sich, Broots. Wer hätte etwas davon? Keiner von uns, und niemand, der derzeit mit dem Pretender-Programm zu tun hat. Das ist jemand, der sein eigenes haben will.” Parker wurde klar, was sie da gerade gesagt hatte. „Raines.”
Zustimmung in Sydneys Augen, Angst in denen von Broots.
„Ich kann mir vorstellen, dass Sie Recht haben”, sagte Sydney. „Die Frage ist, wo halten sie sie fest? Hier?”
„Broots, erzählen Sie mir was über die Sublevels.”
„Äh, okay. Bis zur 10 gibt es eigentlich nur Standard-Sachen, nichts Besonderes. In 11 bis 17 sind verschiedene Projekte untergebracht, aber die sind alle registriert, kein guter Ort, um jemanden zu verstecken. 18 bis 20 —”
„Gehören zum Pretender-Projekt”, sagte Sydney.
„Jep. SL 22 und 23 werden als Trainings-Center für irgendein Geheimprojekt genutzt und werden von jemandem geleitet, den ich noch nie gesehen habe, ein älterer Mann, raucht ziemlich viel —”
„Vergessen Sie den, der ist das Problem von jemand anderem.” Sie machte eine ungeduldige Handbewegung.
„Über SL 24 weiß ich nichts, da ist es so schwarz wie im Weltraum. Wenn sie dort ist, weiß ich nicht, wie wir sie herausbekommen sollten. Bleibt SL 21. Es war ursprünglich Teil des Pretender-Projekts, aber die Labore sind dahin umgezogen, wo sie jetzt sind, der Sublevel war verlassen und wurde Raines für Experimente mit genetischer Programmierung überlassen. Offiziell ist er geschlossen und das Projekt aufgegeben.”
Parker atmete Rauch aus und spürte, wie ihre Pupillen größer wurden. „Genetische Programmierung?”
„Meist Bluttests an Pretendern, aber auch an den Kindern, die aus dem Programm heraus genommen worden waren. Wie Timmy.”
„Und andere Tests?” Sie wussten alle, dass es andere Tests gegeben hatte, einige davon psychologisch, einige medizinisch. Broots faltete seine Serviette zwanghaft in kleine Quadrate.
„Falls es DSAs dazu gegeben hat, sind sie verschwunden, und es gibt keinerlei Aufzeichnungen. SL 21 ist angeblich seit sechs Monaten geschlossen.”
„Angeblich?”
Broots brach ab, als William zurückkam, mit Bouillabaisse für Sydney, einer rot-weißen Dose Diät-Cola für Broots und Parkers Salat. Der Kellner warf Broots einen ziemlich abgekühlten Blick zu und sagte: „Ihr Hamburger kommt in Kürze, Sir. Es ist eine Sonderanfertigung.”
„Oh”, sagte Broots bescheiden. Er beobachtete den Kellner, als dieser ging. „Großartig. Jetzt bin ich auf einer neuen Reihe von Unbeliebtheitslisten.”
„Erzählen Sie weiter”, schnappte Parker. „Angeblich.”
„Nun, es gibt keine Überwachung auf diesem Stockwerk, und offiziell ist es geschlossen, aber die Sicherheitsdateien zeigen an, dass an einigen Türen dort unten Zugangscodes verwendet wurden. Also geht da jemand rein. Jemand arbeitet dort. Ich — äh — habe mit Vanessa Cartessi von der Datenabteilung gesprochen.”
„Wessen Zugangscodes?”, fragte Sydney.
„Das ist das Problem. Niemandes, offiziell — ich meine, die Codes sind aktiv, aber alle IDs sind geschwärzt.”
„Wie ist das möglich?” Parker spießte ein Stück Hühnchen auf wie einen Gegner. „Entweder sind es Centre-Angestellte oder nicht.”
„Dann sind es keine. Aber sie sind im Centre, und sie haben ihr eigenes kleines Territorium in SL 21. Ich kann absolut keine weiteren Informationen darüber finden.”
Parker kaute und schluckte und fing Sydneys Blick auf, als er von seiner Suppe aß. „Nun?”
„Ich habe Raines' Personal überprüft”, sagte er. William kam mit Broots' Hamburger herbei — der, wie Parker zugeben musste, wesentlich leckerer aussah als ihr Salat —, und die Unterhaltung wurde unterbrochen, bis er davoneilte, um Dr. Raines zu bedienen. Sydney beobachtete ihn, während er sagte: „Die meisten sind unverbrüchlich loyal. Er ist sehr gut darin, sich seinen Rücken freizuhalten. Es gibt allerdings zwei Möglichkeiten: eine Frau aus seinem Sweeper-Team, Cruz, und einer seiner medizinischen Assistenten, Eckard. Cruz hat ein wenig mehr Gewissen, als Dr. Raines angenehm sein mag; sie weigerte sich einmal, einen Jungen in Dr. Raines' Experimentierzimmer zu bringen, und brachte ihn statt dessen zu Ihrem Vater, Miss Parker. Im Verhör sagte sie, sie habe eine Anweisung falsch interpretiert, aber ich glaube, es war Absicht. Das muss auch Raines gedacht haben, denn er hat sie nie mehr in die Nähe von Kindern gelassen. Die meiste Zeit ist sie seine Leibwächterin außerhalb des Centres.”
„Macht unglücklicherweise ihre Arbeit gut”, sagte Parker. „Der andere?”
„Dr. Eckart hat zwei eigene kleine Kinder. Ein Junge und ein Mädchen. Das Mädchen hat das Down-Syndrom. Er ist ihr einziger Ernährer.”
Parker hörte auf zu Essen und nahm einen weiteren besinnlichen Schluck. Sie konnte sich keinen Fehler erlauben, und Sydney wusste das. Sie musste ihr Ziel suchen und knallhart handeln, skrupellos, denn wenn sie zögerte oder die falsche Verbindung herstellte, würde sich die Kette um ihren Hals wickeln.
„Ich brauche Eckards Akte”, sagte sie zu Broots. „Persönliches, alles. Alles über die Kinder.”
Broots wurde blass. Sein Hamburger, auf den er sich so gefreut hatte, fiel auf den Teller zurück, als Broots Diät-Cola herauswürgte.
„Sie wollen doch nicht — nicht die Kinder —” Sie klopfte Asche von ihrer Zigarette ab. Sagte nichts. Broots schloss seine Augen, schüttelte den Kopf und sagte: „Das kann ich nicht tun. Ich werde es nicht tun.”
„Sie werden”, sagte sie mit einer zu einem heiseren Flüstern reduzierten Stimme. „Denn Eckard hilft Raines dabei. Hören Sie mir zu, Broots. Wenn Raines es schafft, dieses Baby zu behalten, es nach seinen Vorstellungen zu erziehen, noch mehr davon zu stehlen, ein Zuchtprogramm oder gar ein Klon-Programm hochzuziehen — von wie vielen Kindern reden wir dann? Wie viele werden zerstört? Wir müssen es tun. Wir haben keine Wahl.”
Sydney streckte seine Hand aus und bedeckte ihre damit. „Sie hat Recht. Wir müssen. Wir können nicht zulassen, dass Raines Experimente mit Babys durchführt. Er ist nicht besser als ein Nazi. Glauben Sie mir, ich weiß es.”
Broots biss sich auf die Lippe und blickte sie beide mit Verrat in den Augen an. Aber er nickte. „Wir sollten wenigstens Jarod Bescheid geben. Er hat das Recht, das zu erfahren.”
„Nein.” Sydneys Stimme war leise und endgültig. „Sie haben keine Vorstellung davon, was Sie damit anrichten. Jarods Persönlichkeit begründet sich auf bestimmten Prüfsteinen, und einer davon ist sein Familiensinn. Geben Sie ihm die Existenz dieses Kindes bekannt, und seine Reaktion wird abrupt und gefährlich sein. Er wäre zu allem fähig, um es zu retten. Sagen Sie ihm nichts.”
„Essen Sie”, sagte sie zu Broots. Es war das Freundlichste, was ihr einfiel. „Wir werden Ihre Kraft brauchen.”
Broots stand vom Tisch auf, sah auf sie herab wie von einer höheren moralischen Plattform, auf der er wohl zu stehen glaubte, und sagte: „Mir ist der Appetit vergangen.”
Er bahnte sich seinen Weg aus dem Raum, eine Vogelscheuche in Flannell, so unpassend an diesem flüsternden Zufluchtsort von Macht und geschmeidiger Eleganz.
Sie liebte ihn dafür, hasste sich selbst dafür, hierher zu gehören. Sydney hielt noch immer ihre Hand. Sie rauchte weiter und vermied es, ihn anzusehen.
„Es ist das Richtige”, sagte er. Sie drückte ihre Zigarette aus.
„Das sagt immer jemand. Vermutlich nicht diejenigen, die es tun.”
Zehn Stunden später drang sie von hinten her in Eckards Haus ein und entschärfte dabei die Alarmanlage. Kein Licht. Dr. Eckard war ein tugendhafter Mann, der seinen Kindern regelmäßig zu Essen gab, mit ihnen spielte, sie ins Bett brachte. Ein Familienmensch. Keine Stripper, keine Nutten, kein Telefonsex, kein Spieler, keine Drogen. Man hätte leicht vergessen können, was für ein Monster er war.
Parker folgte ihrem inneren Lageplan bis zur Küche, die Treppen hinauf, leise an Eckards Zimmer vorbei, an dem des Sohnes. Sie öffnete die Tür zum Zimmer der Tochter und ging hinein.
Mondlicht ergoss sich silbern durch das Fenster und fiel auf das Gesicht eines schlafenden Kindes, und entgegen allem, was sie wusste, allem, was ihr antrainiert worden war, fühlte Parker eine Schwäche. Ich kann nicht. Ihre Mutter würde sie dafür verachten. Jarod würde sie umbringen, wenn er das je herausfand.
Das Mädchen trug einen Schlafanzug, der an den Fußenden geschlossen war, ihr dunkles Haar ergoss sich über ein Barney-Kissen. Sie hielt eine abgenutzte Puppe fest. Parker beugte sich vor und strich dunkles Haar aus dem Gesicht — bauschig, undeutlich, verzerrt durch das Downsyndrom. Gott, sie würde nicht einmal verstehen, warum ich das tue. Alles, was sie verstehen wird, ist die Angst.
„Es tut mir Leid”, flüsterte Parker, so leise, dass sie kaum die Luft berührte, und dann legte sie ihre Hand über den Mund des Mädchens und zog sie aus dem Bett. Das Mädchen quiekte, ein Geräusch aus Pein und Angst, das Parker ins Herz stach, aber Parker hielt sie, ihre Augen geschlossen, hielt die um sich schlagenden Arme und Beine des Mädchens fest. Die Puppe flog weg und landete mit einem weichen Schlag an der Wand. Parker fegte Stofftiere von einem weißen Stuhl und setzte sich hin, hielt das Mädchen fest und wartete.
Fünfzehn Sekunden später schlug Eckard die Tür auf und erstarrte, als er seine Tochter und Parker sah, und die Waffe in Parkers Hand. Er wurde so fahl, dass sie dachte, er würde zusammenbrechen, aber er erwischte den Türrahmen und hielt sich fest, seine Augen brannten in diesem fahlen, totenkopfartigen Gesicht.
„Nein”, wisperte er. „Oh Gott, tun Sie das nicht. Tun Sie ihr nicht weh.”
„Nicht meine Wahl”, sagte Parker leise, aber fest. „Bringen Sie mich nicht dazu, Eckard.”
„Wissen Sie, für wen ich arbeite?”
„Dr. Raines kann Ihnen nicht helfen.” Sie ließ die Waffe näher an die Schläfe des Mädchens gleiten. Es war schwierig, das Kind stillzuhalten, die panischen Schreie zu ignorieren. Parker schrie in ihrem Inneren auch. „Niemand außer mir kann Ihnen helfen, Eckard, also hören Sie gut zu. Ich möchte nicht, dass Sie einen Fehler machen.”
Der Junge, zwölf oder dreizehn, tauchte im Eingang hinter Eckard auf, und Parker begriff sofort, dass er sich für den Rest seines Lebens an diesen Augenblick erinnern würde — seine Schwester, die Waffe, die Angst. Sie blickte Eckard an und sagte: „Bringen Sie ihn hier raus.”
Eckard drehte sich um, erschrak, schob den Jungen von der Tür weg und erklärte ihm, dass er in sein Zimmer gehen und die Tür verschließen sollte. Parker nutzte den Moment aus, um dem Mädchen zuzuflüstern, dass alles in Ordnung sei, aber die Schreie veränderten sich nicht, auch das Schlagen hörte nicht auf.
„Was wollen Sie?”, fragte Eckard. In seinen Augen waren Tränen.
„Ich will, dass Sie mir helfen, Nia Pedron aus SL 21 zu holen.”
Bis zu diesem Augenblick war es ein Schuss ins Blaue, aber als sie die blanke Angst in seinen Augen sah, wusste sie, dass sie Recht gehabt hatte. Es stimmte alles, die Frau, das Baby, Raines' Pläne.
„Ich kann nicht!”
Parker entsicherte die Waffe; er reagierte gewalttätig, stürzte vorwärts, hielt inne, als sie sagte: „Wenn Sie sie lieben, bleiben Sie stehen.”
„Sie würden nicht schießen —”
„Nein?”, schnappte sie. „Sie haben keine Ahnung, wozu ich fähig bin, Dr. Eckard. Ich brauche Ihr Wort. Halten Sie es, und Ihre Familie ist sicher. Brechen Sie es, und Sie werden am Ende dieser Woche Kinder beerdigen.”
Eckard atmete schwer, hyperventilierte; seine Mordlust stand deutlich in seinen Augen. Sie hielt dem Blick stand, er durfte nicht an ihr zweifeln, und schließlich blickte Eckard weg und sagte ohnmächtig: „Bitte, tun Sie das nicht. Ich habe nichts weiter getan als Befehle zu befolgen.”
Wie so ein guter kleiner Sturmsoldat. „Dann haben Sie darin ja schon Routine. Tun Sie, was ich will, dann lasse ich Sie in Ruhe. Bringen Sie mich nach SL 21 hinein.”
„Raines wird Sie umbringen.”
„Das ist mein Problem”, sagte sie. Sie ließ das Mädchen los, beobachtete, wie sie über den Boden zu ihm krabbelte und in seine Arme kletterte, ihr Gesicht an seinem Hemd versteckt. So ein kleines Mädchen, so hilflos. Parker machte einen Schritt auf die beiden zu, bis Eckard mit dem Rücken in einer Ecke stand, die mit Pooh und Tigger dekoriert waren, und sagte: „Ich bin ganz Ohr, Eckard. Welche Zeit ist die beste?”
„Früh. Früh ist es am besten.” Eckard hielt seine Tochter schützend fest und drehte sie von Parker und der nun nicht mehr zielenden Waffe weg. „Wir treffen uns im Süd-Fahrstuhl um sieben Uhr morgens.”
„Denken Sie nicht mal daran, Ihre Meinung zu ändern”, sagte sie, und sicherte ihre Waffe wieder.
Der Junge beobachtete sie durch einen Riss in seiner Tür. Sie rannte die Treppen hinunter, aus dem Haus, zurück zu ihrem Auto, beugte sich über das Lenkrad und schluchzte, bis ihr Herz leer war.
Sie brauchte jemanden, dem sie trauen konnte. Nicht Broots — so gut seine Absichten auch sein mochten, er war nur noch ein Stück zitterndes Jell-o, wenn es zu einer Konfrontation kam. Sie ging die Liste in ihren Gedanken durch, während sie dem Ticken der Uhr in ihrem Schlafzimmer zuhörte, als sie spürte, dass sich etwas im Raum veränderte. Kein Geräusch, nur ein Gefühl, so grundlegend, dass es wie Zauberei war. Sie wusste Bescheid.
Das Licht ging an, als sie gerade nach ihrer Waffe suchen wollte, eine nutzlose Reise, denn sie war nicht dort, wo sie sie liegen gelassen hatte. Es gab nur eine Waffe in diesem Zimmer.
Sie befand sich in Jarods Hand.
Er hatte sich verändert, seit sie ihn das letzte Mal gesehen hatte — mehr Muskeln, etwas Bräune. Sein Haar war gewachsen. Aber was sich am meisten verändert hatte, waren seine Augen, dieser tote, schwarze, gewalttätige Blick.
Sie erstarrte dort, wo sie war, sah die Waffe mit etwas an, von dem sie hoffte, dass es Verachtung war, und sagte: „Ich hätte nicht gedacht, dass Sie das brauchen würden, Jarod.”
„Es ist das einzige, was Sie verstehen. Ich habe einen Neun-Millimeter-Universal-Übersetzer mitgebracht.” Seine Stimme war leise, bösartig, knirschend. Sie mochte diesen Klang überhaupt nicht. Er zielte, und sie spürte eine Anspannung in ihrer Brust, genau dort, wo die Kugel eindringen würde. „Howard Falls, Oregon.”
„Jarod —”
„Schweigen Sie!” Er stieß sich von der Wand ab und kam so nah heran, dass sie das Glitzern in seinen Augen sehen konnte, eine kaum gekannte Wildheit. „Versuchen Sie nicht, mich anzulügen. Warum haben Sie das getan?”
„Ich weiß nicht, was Sie —”
Er machte ein Geräusch, wie sie es noch nie von ihm gehört hatte. Es verschreckte sie so sehr, dass sie schwieg, und brachte sich dazu, sich in ihre Kissen zurück zu drücken, führte ihr auf unangenehme Weise ihre eigene Sterblichkeit vor Augen.
„Jarod, ich war erst gestern dort”, sagte sie so ruhig, wie sie nur konnte. „Nia ist seit März verschwunden.”
„Sagen Sie mir, warum sie sie geholt haben.” Sydney hatte Recht gehabt, sie hatte Jarods Fähigkeit zur Wut unterschätzt. Sie hatte ihre immer in ihr Verhalten einfließen lassen; er hatte seine in seine Hilfsbereitschaft sublimiert. Aber sie war da, bei beiden, bereit, wie eine Nagelbombe zu explodieren.
„Ich bin nicht sicher. Jarod, wir versuchen, sie herauszuholen, Sydney, Broots und ich — wir werden uns darum kümmern. Tun Sie das nicht.”
„Sie denken, dass ich Ihnen vertraue?” Er weinte jetzt, der Druck der Wut presste die Tränen aus ihm heraus. „Nein. Nennen Sie mir einen Grund.”
„Nehmen Sie die Waffe herunter. Sie wollen mich nicht umbringen.” Obwohl sie daran dachte, dass das vielleicht nicht wahr sein könnte. „Wenn Sie es tun, bekommen Sie sie niemals zurück.”
Jarod schluckte hart, seine Augen nun weit aufgerissen, weiße Ränder um sie herum. „Nia war 'desaparacido'. Sie kann nicht in Gefangenschaft sein. Wenn sie sie im Centre festhalten, bringen sie sie um.”
„Was, denken Sie, können Sie tun? Ein Gefangenenaustausch? Jarod, Raines hat sie. Warum sollte er sie hergeben, um mein Leben zu retten?”
„Ihr Vater würde es tun.”
„Mein Vater weiß nicht, dass es Nia Pedron gibt. Niemand weiß das außer Raines' Leuten, Ihnen, mir, Sydney und Broots. So läuft das nicht.” Sie hielt seinem Blick stand. „Bitte.”
Er bebte am ganzen Körper. Sie kannte dieses Zittern, hatte es selbst erst vor zwei Stunden gespürt. Sie setzte sich im Bett auf und beobachtete ihn, als er auf das Bett sank, den Kopf gesenkt.
„Möchten Sie, dass ich Sydney hole?”, bot sie an. Er schüttelte den Kopf.
„Ist sie —” Oh Gott, frag mich das nicht. „Ist sie noch am Leben?”
„Ich weiß es wirklich nicht. Ich denke schon, Jarod. Ich gehe um sieben heute Morgen hinein, um sie herauszuholen. Wenn ich nicht — wenn ich nicht zurückkomme, reden Sie mit Sydney. Er wird einen Weg finden.”
„Warum?” Das Wort war ein heiseres Krächzen, zwischen Tränen hervorgestoßen. Er zitterte nun stark, zitterte wie ein verletztes Kind. Sie holte Taschentücher aus einer Schachtel und reichte sie ihm, legte ihre Hand auf seine Schulter, um ihn zu beruhigen. Er drehte den Kopf, um in ihre Augen zu sehen, und stellte die Frage noch einmal. „Warum sollte man ihr das antun?”
Sie wollte es ihm sagen, es drängte sie so sehr dazu, aber sie erinnerte sich an Sydneys Worte und sagte: „Weil Sie sie lieben.”
„Tue ich das?” Er holte unsicher Luft. „Ich fühle für sie nicht wie —”
„Wie was?” Aber sie wusste es bereits, und es war nun an Jarod, den Blick abzuwenden.
„Ich will sie schützen. Ich will nicht, dass ihr irgend etwas zustößt.”
„Ich weiß.” Sie wusste auch, was er hatte sagen wollen und nicht konnte, nicht sollte. Sie berührte sein Haar und stellte fest, dass es schweißfeucht war, die Haut darunter kalt. Schock. Sie wickelte eine Decke um ihn, die ihrer Mutter, blassgelb.
Als sie sie geradezog, blickte er sie direkt an und sagte: „Wenn Sie für irgend etwas davon verantwortlich sind, sagen Sie es mir jetzt. Lügen Sie mich nicht an. Bitte.”
Sie setzte sich neben ihn, sah auf das Bild ihrer Mutter, das sie betrachtete und sagte: „Diesmal lüge ich nicht. Sie und ich wollen das selbe — dass Nia Pedron befreit wird. Und ich werde dafür sorgen. Aber Sie müssen hier bleiben. Ich kann Sie nicht beide retten.”
„Also haben wir einen Waffenstillstand?”
„Waffenstillstand”, sagte sie sanft. „Für diese Sache.”
Sie ging, nachdem er sich hingelegt hatte, die gelbe Decke um sich gewickelt, und fragte sich, ob sie Sydney anrufen und ihn bitten sollte, den Babysitter zu spielen, oder ob sie darin vertrauen konnte, dass Jarod tat, worum sie ihn gebeten hatte.
Sie brauchte Sydney im Centre, falls etwas schief ging.
Der Sonnenaufgang war noch nicht einmal ein Wunsch am Horizont, als sie durch die Eingangstore des Centres fuhr; sie blickte suchend über die Wagen und sah Broots' Toyota, Sydneys eleganten schwarzen Volvo. Die Bande war da. Sie holte mehrfach tief Luft, hörte auf ihren regelmäßigen Herzschlag und stieg aus dem Wagen in die morgendliche Kälte und ihre steigende Angst.
Ich mache etwas falsch, und Raines gewinnt. Daddy wird untergehen. Jarod wird wie eine Granate dazwischenfahren. Wir werden alle tot sein.
Sie hielt ihren Kopf hoch erhoben, ihre Schritte locker, als sie die Treppen hinaufstieg und in die Lobby ging.
„Morgen”, sagte Walters. Wie sie bemerkte, war er vernünftig geworden. „Schön, Sie wiederzusehen, Miss Parker.”
Sie war nicht wirklich in der Laune, ihn fertigzumachen. „Ich bin froh, dass ich Ihnen eine Freude machen kann. Wo ist Broots?”
„SL 5, Ma'am. Oh, und Ihr Vater hat Sie gesucht.”
„Mein Vater?”, wiederholte sie, und zwang sich zu einem Lächeln. „Danke Ihnen. Ich werde raufgehen.”
Sie hoffte, Walters würde es nicht merken oder sich nicht dran erinnern, dass sie nach unten ging, wo Broots und Sydney vor einem leuchtenden Terminal in dem riesigen Computerraum kauerten. Broots roch nach Schweiß und alten Klamotten, Sydney nach frischem Cologne, aber sie beide rochen nach Angst. Sie wusste, dass sie sie wie ein Parfüm trug.
„Jarod ist aufgetaucht”, sagte sie sanft. „Sydney, er ist in meinem Haus. Ich habe ihn dazu gebracht, zu warten.”
Sydney kam alarmiert aus seinem Stuhl hoch. „Er hat nicht —”
„Ich brauch keinen Arzt, Sydney, er hat mich nicht verletzt. Aber er weiß, dass sie verschwunden ist, und er weiß, dass jemand im Centre sie hat. Er ist bereit, uns eine Pause zu gönnen, aber nur eine. Danach —”
„Er weiß nichts über —” Broots hob seine Augenbrauen. „Oh. Nein. Ich schätze, er weiß es nicht.”
„Wenn er es wüsste, wären wir schon mitten in einer Schießerei. Es ist halb sechs, ich treffe Eckard um sieben. Ich brauche jede Darstellung von SL 21, die Sie kriegen können, Wartungsschachte, alles, und Sydney —” Sie drehte sich zu ihm um, holte tief Luft und sagte: „Ich will, dass Sie mir Angelo holen. Wenn jemand den besten Weg aus SL 21 kennt, dann er. Ich brauche ihn dort, er soll auf mich warten.”
„Angelo hat Stimmungen. Es könnte sein —”
„Er wird kommen. Sagen Sie ihm, es ist für Jarod.” Sie zögerte. „Sagen Sie ihm, es ist für mich.”
Sydney nickte und ging. Sie wandte sich an Broots.
„Ich werde Sie nicht im Stich lassen”, sagte er. Sie schenkte ihm ein schwaches Lächeln, nichts Raubtierhaftes.
„Ich treffe Eckard im Süd-Fahrstuhl. Folgen Sie uns mit den Kameras, so lange Sie können. Wenn wir drei Minuten aus dem Fahrstuhl sind, möchte ich, dass Sie die gesamte Hölle nach SL 21 bringen. Feueralarm, Sicherheitsalarm, was immer Sie hinkriegen. Sperren Sie die Fahrstühle. Können Sie das?”
Broots nickte und wischte sich Schweiß von der Stirn. Sie beugte sich näher zu ihm.
„Können Sie das?”, wiederholte sie.
„Ich werde Spuren hinterlassen”, sagte er. „Daran führt kein Weg vorbei.”
„Sie stehen unter meinem Befehl. Jeder weiß, dass ich Ihnen ein Nein nicht durchgehen lasse.”
Broots fing ihren Blick auf und sagte: „Sie sind verschreckt, oder?”
„Sehe ich verschreckt aus?”
Er schüttelte leicht den Kopf. „Nein. Aber Sie sind es. Ich für meinen Teil habe große Angst.”
Sie legte ihm eine Hand auf die Wange, eine Geste, die sie nicht vorgehabt hatte, aber sie zog sich auch nicht zurück. Keiner von ihnen sagte etwas.
Sie stand auf, zog ihren Lederrock gerade und lief schnell und zuversichtlich aus dem Raum, wohl wissend, dass es vielleicht das letzte Mal in ihrem Leben war.
Leben Sie wohl, Broots.
Sie hatte ihn angelogen. Das Centre würde hinter ihm her sein, wenn sie fiel, und ihn in die Mangel nehmen, bis er nur noch ein Lumpen war. Broots würde froh sein, wenn sie ihm die Kugel gaben.
Es tut mir Leid.
Sie stieg um 06:55 Uhr in den Süd-Fahrstuhl ein. Leer, bis auf das Patronenloch und ihre Geister. Sie fuhr hinunter nach SL 6, sah eine Gruppe Techniker ein- und in SL 8 wieder aussteigen, teilte die Fahrt mit einem älteren Mann mit einem vom Alter zerknitterten Gesicht, dem eine Zigarette in den Fingern hing. Sie fuhren mit kollegialem Schweigen hinunter nach SL 24, wo er ausstieg, und der Fahrstuhl fuhr wieder hinauf nach SL 9.
Eckart stieg ein. Blass, schwitzend, verängstigt, er war schlimmer als Broots. Sie drückte ihre Zigarette aus und sagte: „Gute Wahl. Drücken Sie auf den Knopf.”
Die Fahrstuhlsteuerung reagierte nicht nur auf Schlüssel, sondern auch auf Fingerabdrücke; Eckard legte seinen Daumen auf SL 21 und gab eine neunstellige Nummer ein. Die Kabine fuhr nach unten.
Mutter, dachte Parker, und sehnte sich nach diesem Geist, umarmte ihn. Ich versuche es. Bitte, hilf mir.
Sie öffnete ihre Augen, als die Fahrt verlangsamte. Eckart, der geräuschvoll durch die Nase atmete, sah aus, als wollte er durchgehen; sie zog ihre Waffe und hielt sie an seine Seite, schwarzes, mattes Metall traf auf schwarzes Leder.
Die Türen glitten zu einem leeren, schmucklosen Gang hin auf. Eckart machte ein jammerndes Geräusch voller Angst.
„Raus”, flüsterte sie. Als er zögerte, zielte sie auf ihn. Er hastete hinter ihr her, sie griff nach seinem Arm und brachte ihn fast zum Stolpern. Hinter ihnen schlossen sich die Fahrstuhltüren. „Sie haben zwei Minuten, um mich in ihr Zimmer zu bringen. Gehen Sie.”
Es war wie in einem Traum. Lampen surrten, die Klimaanlage seufzte, aber der Ort schien verlassen. Keine Türen in den Wänden. Eckard brachte sie zum Ende des Ganges, zu einer leeren, glatten Wand, und sagte: „Hier.”
„Wo?” Sie drückte ihm die Waffe in die Seite. Er streckte die Hand aus und legte sie flach auf eine Stelle der Wand.
Sie glitt beiseite. Hinter der Glasscheibe —
„Oh Jesus”, wisperte Parker. Ihr Finger zog sich etwas enger um den Abzug, und für einen Moment wollte sie Eckart umbringen, ohne einen Gedanken an seine Kinder, ohne einen Gedanken an die Konsequenzen. Wie viele Räume wie diesen gab es auf diesem Gang? „Bringen Sie mich rein.”
„Ich kann nicht!”
„Tun Sie es!” Die Uhr in ihrem Kopf tickte. Broots, noch nicht. „Tun Sie es, oder ich schwöre bei Gott, ich werde Sie töten.”
Eckard berührte zitternd einen anderen unmarkierten Teil der Wand. Punkte leuchteten auf. Er positionierte seine Hand über den Punkten, und die Glaswand glitt beiseite. Parker duckte sich hinein, ihn mit sich ziehend, schob ihn in die Ecke aus dem Weg und näherte sich dem Krankenbett.
Halterungen an Nias Armen, aber keine Narben. Keine Blutergüsse. Sie hatte nicht lange gekämpft.
„Sie.” Sie spuckte es zu Eckard aus. „Haben Sie das getan?”
Fahler, dünner Körper. Die Muskulatur geschwächt.
„Raines.” Seine Stimme zitterte. „Ich schwöre. Sehen Sie, sie hätte — sie hätte niemals kooperiert, sie wollte nicht essen, sie kämpfte die ganze Zeit gegen uns. Wir verloren sie und ihr Baby. Wir — wir hatten keine Optionen. Ich schwöre.”
Augen zugeklebt. Die Brust hebt und senkt sich. Der Tropf.
„Sie sagen mir besser, dass Sie sie nicht lobotomiert haben.”
„Nein! Nein, ich schwöre, sie ist betäubt, nur betäubt —”
Eckart umarmte die Wand, als ob sie eine kugelsichere Weste wäre. Parker wandte ihre Augen von Nia Pedrons leerem Gesicht ab und konzentrierte sich auf den fötalen Herzmonitor, der daneben stand.
„Nehmen Sie sie hoch”, sagte Parker. „Sofort.”
„Sie hat einen Katheter.”
„Dann holen Sie die Beutel!”
Es dauerte zu lange, zu lange, die Uhr in ihrem Kopf tickte wie verrückt, sie hatten keine Zeit mehr —
„Miss Parker.” Diese keuchende Stimme, direkt hinter ihr. Das Zischen von Sauerstoff.
Sie wirbelte in dem Moment herum, als die Glaswand zuglitt. Sie brachte ihre Waffe in einer fließenden Bewegung nach oben und feuerte, ohne zu zielen, auf Raines' Gesicht, ein ohrenbetäubendes Röhren.
Das Glas erzitterte, zerbrach aber nicht. Parker spürte den Aufprall brennen wie die ausgeworfene Patrone, immer noch scharf, aus ihrer Hand gleitend, aber sie ließ deshalb nicht in ihrer Aufmerksamkeit nach. Sie zielte immer noch auf Raines' kahlen, glänzenden, lächelnden Kopf.
Raines drückte einen Knopf auf einem tragbaren Funkgerät in seiner Hand; der Klang hallte aus den Lautsprechern über ihr wider, betonten sein Keuchen und das Zischen seiner Sauerstoffflasche zu Darth-Vader-Proportionen.
„Wäre froh, wenn Sie uns begleiten würden”, raspelte er. „Tut mir Leid, Eckard. Aber ich kann niemandem von Ihnen erlauben, die Frau wegzuschaffen.”
„Ich werde Sie umbringen”, flüsterte Parker. Sie war wieder ein Kind, das auf die Leiche seiner Mutter starrte; sie war Nia Pedron, entführt und misshandelt.
So fühlt sich Jarod. Das bedeutete es, ein Pretender zu sein, unfähig, sich selbst von anderen zu unterscheiden. „Ich schwöre, ich schieße Ihnen eine Kugel in den Kopf.”
Gas zischte über ihren Köpfen. Natürlich hatte er eine Vorrichtung zurechtgebastelt, die Betäubungsgas in den Raum brachte, um Nia daran zu hindern, sich selbst zu verletzen, als sie noch dazu in der Lage war. Parker hustete und hockte sich dichter auf den Boden, zielte auf den Seestern im Glas und feuerte, wieder, wieder und wieder.
Alarm klang auf, verschiedene Arten, Feueralarm und Sicherheitsalarm heulten asynchron. Weißes Feuerlöschmittel sprühte aus Düsen an der Decke und produzierte schnell eine Wolke auf der anderen Seite der Glasscheibe; er zog in den Raum, als die Tür aufglitt.
Sicherheitsprotokolle. Bei einem Feuer wurden alle Türen geöffnet. Parker zwinkerte Doppelbilder weg, griff sich Nias Bett und schob es durch die Türen, überfuhr dabei Raines, schoss auf ihn in dem gedämpften Durcheinander. Jemand zog an ihrem Arm; sie versuchte, ihn wegzuschieben und stellte fest, dass ihre Muskeln geschwächt waren und ihr Kopf benebelt.
Angelo. Er zupfte wieder an ihr, drängend. Sie schüttelte ihren Kopf, um ihn frei zu bekommen und hörte ihn wie aus einer Entfernung sagen: „Tochter, Beeilung! Beeilung!”
Er nannte sie immer so, Tochter. Für ihn würde immer ihre Mutter Miss Parker bleiben. Sie versuchte, das Krankenbett weiter zu schieben, aber Angelo schoss um sie herum und nahm Nia auf, hielt sie schlaff in seinen Armen. „Tochter! Beeilung!”
Raines tauchte hinter ihm auf. Parker rief eine Warnung, und Angelo duckte sich, hastete davon und verschwand im Nebel. Sie ging ihm nach, schwankend jetzt, kaum in der Lage, auf ihren Füßen zu bleiben.
Noch mehr Räume, die Glastüren offen — Raum auf Raum auf Raum mit schweigenden, unbeweglichen Frauen, ihre Bäuche dick.
Oh Gott, nein.
Hände auf ihrer Schulter, die sie stabilisierten und sie vorwärts trieben. Sydneys Stimme, die sagte: „Ich habe Sie. Hier herein.”
'Hier' war der dunkle Einstieg in einen Ventilatorenschacht. Sie kämpfte gegen ihn an, versuchte, wegzugleiten, aber jemand auf ihrer anderen Seite griff nach ihrer Hand und zog sie hinein, sie fiel gegen Broots' Brust und fühlte sich in die Dunkelheit getragen oder gezogen.
„Lassen Sie los”, sagte sie ohnmächtig und schüttelte ihn ab. Ihr Kopf wurde wieder frei. Angelo war ein entfernter Schatten, der sich wie eine Ratte durch ein bekanntes Labyrinth fädelte; er hinterließ ihnen eine Spur aus Cracker Jacks, damit sie ihm folgen konnten. Broots drehte sich zu ihr zurück, stabilisierte sie, während sie auf eine Seite taumelte. „Mir geht's gut! Lassen Sie mich los.”
Broots fragte: „Ist sie okay? Nia?”
Sie konnte jetzt nichts erklären, zu müde, zu viel Übelkeit. „Ich brauche ein Telefon.”
Sydney reichte ihr eines. Sie wählte die Büro-Nummer ihres Vaters, erreichte ihn und sagte: „SL 21. Raines hat Frauen künstlich befruchtet und hält sie mit Gewalt fest, möglicherweise mit Sperma und Eizellen vom Pretender-Projekt. Ich weiß nicht, wie viele hier sind. Komm schnell her, bevor es zu spät ist.”
Sie legte auf und reichte Sydney das Telefon zurück. Er schaute sie an mit Augen, die viel Erfahrung mit Schmerzen hatten, viele Erfahrungen aus der Vergangenheit. „Also war es nicht nur Nia.”
„Nein.”
Sydneys Augen weiteten sich, und sie erinnerte sich daran, dass er schon einmal versucht hatte, Raines zu töten, fragte sich, wie lange es wohl dauern würde, bis er es wieder versuchte. Nun bestimmt nicht mehr lange. Sydney hatte persönliche Erinnerungen daran, wie man sich in solchen stillen Räumen mit leidenschaftslosen Ärzten fühlte.
Sie nahm seine Hand, um ihn davon abzuhalten, zurück zu gehen. „Lassen Sie das Centre sich jetzt um ihn kümmern.”
Vor ihr öffnete Angelo einen Spalt in ein Flackern von hellem Licht. Sein gebeugter, gnomartiger Körper sprang hinunter, immer noch mit Nias Körper belastet. Parker erreichte das Ende und schritt hinunter in einen der Lagerbereiche, dieser hier mit ausrangierten Computern gefüllt, große, flache Regale voller toter Maschinen. Hinter ihr sagte Broots: „Wow.” Für ihn war das der Spielzeughimmel.
Angelo legte Nia sanft auf einen leeren Tisch und ordnete das Tuch sorgfältig um sie. Parker schob ihn sanft beiseite und prüfte den Puls der Frau.
Sie lebte noch.
„Baby”, sagte Angelo plötzlich. „Baby erschreckt.”
Sie hörte ein Kratzen hinter sich und drehte sich um, die Waffe hebend; Angelo nahm sie ihr weg, schnell und problemlos wie eine angreifende Schlange.
Jarod kam aus den Schatten. Er sah gefährlich ruhig in seinem schwarzen Ledermantel aus, und sie spürte eine Kälte, als seine Augen über sie hinwegglitten, durch sie hindurch ...
Zu Nia.
Er war atemlos, und er schwankte.
„Nia?”
Ihre Augen flatterten. Jarod zog das Klebeband ab, strich Haare aus ihrem Gesicht, lehnte sich über sie und küsste sie. Nias Augen öffneten sich, immer noch benebelt, und ihre Hand bewegte sich langsam.
Jarod griff danach und sah ihren dicken Bauch.
Erstarrte.
Sydney sagte ruhig: „Parker, Broots, gehen Sie. Lassen Sie uns allein.”
Parker saß im Büro ihres Vaters herum, rauchte und inspizierte ihre Fingernägel. Sie brauchten immer noch neuen Lack.
„Langweilen wir Sie?” Der Mann, der nie aus den Schatten heraus kam. Er rauchte ebenfalls, ein roter Punkt, der in der Luft zu hängen schien.
„Kommen Sie zum Punkt”, sagte sie. „Ich habe einen Termin bei meiner Maniküre.”
„Prinzessin”, tadelte ihr Vater. Sie schnitt ihm das Wort mit einem Blick ab.
„Ich muss keine Fragen beantworten. Keine. Mein Team hat Raines' kleines Horror-Kabinett da unten gefunden, das Ihre Leute entweder nicht finden konnten oder nicht finden wollten. Ich habe nichts getan, was es rechtfertigt, mich hierher zu zitieren.”
Dr. Raines, der ihr gegenüber saß, drehte steif seinen kahlen Schädel zu ihr um. Er starrte sie mit großen, kalten, hassenden Augen an. „Mein Projekt auf SL 21 ist seit über einem Jahr abgeschlossen. Sie können die Datenbank überprüfen. Ich hatte damit nichts zu tun.”
„Frag Eckard”, sagte sie zu ihrem Vater.
„Eckard ist tot”, sagte Raines, und saugte Sauerstoff ein. „Armer Mann. Er wurde in dem Durcheinander erschossen, das Sie verursacht haben, Miss Parker.”
Sie drehte sich um, um ihn anzusehen, wünschte, sie könnte ihn auf der Stelle erschießen und wusste, sie würde ihn irgendwann umbringen müssen.
„Zwölf Frauen”, sagte sie sanft. „Zwölf Frauen in diesen Räumen, die ihre kleinen Pretender austrugen. Wie sind Sie an den Samen herangekommen? Experimente an Jarod, als er noch hier war? Wagen Sie es nicht, mir Fragen zu stellen.”
„Meine Fruchtbarkeits-Experimente mit Pretendern waren vollständig genehmigt, und sie hatten nichts mit dieser Sache hier zu tun.”
„Quatsch”, spie sie aus.
„Beweisen Sie es.”
Ihr Vater räusperte sich, donnernd laut in der Stille. „Dr. Raines, vielleicht können Sie uns erklären, was Sie auf SL 21 gesucht haben, als Sie meine Tochter fanden?”
„Ich reagierte auf einen Sicherheitsalarm”, sagte Raines. „Meine Leute werden das überprüfen. Wir haben noch Verfolgungsnetze auf diesem Stockwerk, die noch aktiv waren — ich hatte jedes Recht und jede Pflicht, einen möglichen Einbruch zu untersuchen.”
Parker saugte Feuer ein und blies den Rauch in seine Richtung. Er starrte.
„Sind Sie verrückt?”, schnappte er. „Das ist Sauerstoff. Es sei denn, Sie wollen auch in Flammen aufgehen.”
„So lange Sie sich nicht mit Hauttransplantationen retten.”
Der Mann in den Schatten, der Raucher, raspelte: „Welche Daten haben wir über diese Frauen?”
„Keine Namen, bei keiner von ihnen”, sagte ihr Vater. „Es scheint, dass eine von ihnen fehlt oder gestorben ist.”
„Nia Pedron”, sagte Parker. „Er hat sie getötet. Er wusste, dass wir ihm zu nahe kommen.”
„Muss ich mir das anhören?”, raspelte Raines. Parker klopfte Asche in einen Aschenbecher.
Der Raucher sagte zu Parker: „Ihre Patronenhülsen wurden im Raum der angeblich toten Frau gefunden.”
„Es gab ein großes Durcheinander.”
„Miss Parker!”, donnerte der Mann in den Schatten. Es riss ihren Vater aus seinem Stuhl, um den Tisch herum, um eine Hand auf ihre Schulter zu legen. „Manche Leute mögen Ihnen Ihre Gesinnung verzeihen, aber ich nicht.”
„Das ist genug”, grollte Daddy. Er drückte sie warnend. „Du gehst nach Hause, Prinzessin. Ich werde später mit Dir reden.”
Raines sagte: „Sie haben kein Recht, mich festzuhalten. Ich habe nichts getan —”
„Sie gehen, wenn ich sage, dass Sie gehen dürfen!”, schnauzte Daddy ihn an, immer noch der Anführer im Raum, und der Schattenmann wurde still. „Prinzessin.”
Sie stand auf und drückte ihren Sargnagel aus. Sie war schon fast aus der Tür, als der Schattenmann fragte: „Wann haben Sie Jarod zuletzt gesehen?”
Falls das eine Schock-Taktik sein sollte, war es sehr amateurhaft. Sie lächelte und sagte: „Lesen Sie es nach. Es steht in meinen Berichten.”
Sydney wartete in der Halle auf sie und fiel mit ihr in Gleichschritt, die Hände in seinen Taschen.
„Nun?”, fragte sie. Er schüttelte den Kopf.
„Ich weiß es nicht. Er war nicht darauf vorbereitet.” Er seufzte. „Es gibt hier kein Happy End, Miss Parker. Dieses Kind wird Jarod auf eine Weise verändern, die ich nicht vorhersehen kann. Er weiß, wie gefährlich es jetzt für ihn sein wird, bei Nia zu sein, aber das wird ihn nicht für immer von ihr fern halten — und wenn jemand im Centre von dem Baby erfährt —”
„Niemand im Centre wird das je erfahren”, sagte sie. „Offiziell ist sie tot, eine weitere namenlose Leiche. Jarod kann sie verschwinden lassen. Das ist das beste, was dabei heraus kommen kann, Syd.”
Er blieb stehen und betrachtete sie. „Und Sie?”
Sie holte eine weitere Zigarette heraus und dachte an Jarod und vertane Chancen. Der Schmerz in ihrem Herz bohrte sich tiefer. „Das beste, was dabei heraus kommen kann.”
Ende
